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Kultur

Verrat an jeder Ecke

Ob Mega-Blackout, Anschlag auf das World-Trade-Center oder unbekannte Krankheiten: Immer wenn es ganz dick kommt, entsteht eine Welle von Verschwörungstheorien.

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Kein Strom, keine U-Bahn, keine Zeitung: New York City am 14.8.2003

Jetzt wissen wir es: Der größte Stromausfall in der Geschichte Nordamerikas, der am 14. August 2003 von New York bis zu den Großen Seen das öffentliche Leben lahm legte, war eine gezielte Aktion gegen den Deutschen Mediziner Dr. Matthias Rath. Denn der hatte in der "New York Times" für diesen Tag eine ganzseitige Anzeige geschaltet.

Darin wollte er die Mitglieder der Vereinten Nationen dazu aufrufen, einer von den USA eingereichten Irak-Resolution nicht zuzustimmen. Da das Gebiet des Blackouts ziemlich genau mit dem Hauptverbreitungsgebiet der "New York Times" übereinstimmt, vor allem aber weil die Teilnehmer der UN-Vollversammlung vor der Abstimmung nun keine Chance hatten, sich von Dr. Raths flammendem Appell aufrütteln zu lassen, ist sich dieser um den Weltfrieden besorgte Mediziner sicher, dass der ganze Blackout von der Bush-Administration geplant und in Auftrag gegeben wurde.

Vitamine für den Weltfrieden

Diese "bahnbrechende" Erkenntnis wurde von Dr. Rath auf ganzseitigen Anzeigen in der deutschen Tagespresse und in der "New York Times" verkündet. Ein klassischer Fall von Verschwörungstheorie – und ein teurer dazu. Solche Anzeigen kosten viel Geld, aber daran mangelt es dem Erfinder eines äußerst lukrativen Vitamin-Präparate-Versandhandels im Internet offensichtlich nicht.

Mit Aufsehen erregenden Werbekampagnen, die ihn stets als furchtlosen Streiter gegen die internationale Pharma-Konzern-Mafia darstellen, ist Dr. Rath bekannt geworden, im neuesten Schritt seiner bemerkenswerten Marketing-Strategie tritt er nun als Kämpfer für den Weltfrieden gegen die Pharma- und Waffen-Lobby auf. Konsequenterweise präsentierte er im Juni 2003 sogar eine Klage beim Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag. Seiner Meinung nach betreiben die Pharmakonzerne der Welt und die sie schützenden Regierungen Völkermord, da sie Dr. Raths Vitamin-Therapien gegen Krebs und Herzinfarkt der Menschheit vorenthalten und weiter auf das Geschäft mit den Krankheiten setzen. Fundamentalismus als Marketingstrategie sozusagen.

CIA macht alles

Buchcover: Bülow - Die CIA und der 11. September

Rezensionsbild Andreas von Bülow: Die CIA und der 11. September. Internationaler Terror und die Rolle der Geheimdienste

Hier die bösen Teufel, dort das reine Gute – nach diesem Muster funktionieren Verschwörungstheorien seit Jahrtausenden. Mit den schier unglaublichen Terroranschlägen vom 11. September 2001 haben die Anhänger dieser Art von Welt-Erklärungsmodellen wieder einmal Hochkonjunktur. In Deutschland stand den ganzen Sommer über ein Buch auf den Bestseller-Listen, in dem der Anschlag auf das World-Trade-Center als Werk amerikanischer und israelischer Geheimdienste dargestellt wird. Der ehemalige Bundesminister und SPD-Hoffnungsträger Andreas von Bülow brachte im angesehenen Piper-Verlag seine Sicht der Dinge heraus. Das Buch "Internationaler Terror" wurde zwar von allen großen deutschsprachigen Zeitungen als "Lachnummer" (FAZ), "Alles Unsinn" (Der Spiegel) verrissen, doch das hat die Verbreitung der von Bülow'schen Verschwörungstheorien nicht beeinträchtigt.

Enormer Vertrauensverlust

Die vielen Ungereimtheiten rund um den amerikanischen Untersuchungsausschuss über die Anschläge vom 11. September und zuletzt der Skandal um die "frisierten" Geheimdienstberichte, mit denen der britische Premierminister Blair das Parlament dazu brachte, dem Irak-Feldzug zuzustimmen, haben das Vertrauen der Öffentlichkeit nicht zur gegenüber ihren Regierungen sondern auch gegenüber den Medien stark erschüttert. Laut einer Umfrage der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" halten es in Deutschland sogar 31 Prozent der unter 30-Jährigen für möglich, dass die US-Regierung die Attentate selbst inszeniert haben könnte.

Brunnenvergifter?!

Die Pest, Illustration von 1491

This woodcut illustration titled "A Scene in the Chamber of a Plague Victim" is from Joannes di Ketham's "Fasciculus Medicinae," the first illustrated medical book printed in Venice, Italy, in 1491. A physician, who holds a pomander to his nose, feels the patient's pulse. On either side of the physician, a male attendant holds a flaming torch. (AP Photo)

Ereignisse, die die Welt erschüttern, haben immer schon die Suche nach "verdeckten" Wahrheiten angestachelt. Die vielleicht folgenreichste Verschwörungstheorie der europäischen Geschichte machte nach der verheerenden schwarzen Pest von 1348 ihre mörderische Runde: Da von Bakterien und Infektionskrankheiten damals noch niemand wusste, hieß es bald, die Juden hätten die Brunnen vergiftet und so das Massensterben verursacht. Fast alle glaubten es. In ganz Europa kam es zu Pogromen und ganze jüdische Stadtviertel mitsamt deren Bewohnern wurden eingeäschert.

Binär wird's leichter

Der Mensch denkt am liebsten in "binären Oppositionen", wie es Sprachwissenschaftler ausdrücken. Die uns auf den ersten Blick überfordernden Informationen werden auf ein Gegensatzpaar reduziert, damit man zwei Dinge hat, die man leicht vergleichen kann. Am liebsten teilt man in absolut gut und absolut böse ein. Genau das machen religiöse Fundamentalisten. Doch zur Zeit scheint es leider, dass auch immer mehr Akteure im Westen solch einem simplen dualistischen Weltbild den Vorzug geben.