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Sprachbar

Verrücktheiten

Ein Wort – mehrere Bedeutungen: Auch die deutsche Sprache hat so etwas zu bieten. Verrückt muss man aber nicht sein, um sich damit zu beschäftigen. Manche Verrücktheiten sind lustig, manche gar sehr poetisch.

Ein überdimensionaler roter Frauenschuh montiert auf einem Vehikel mit drei Rädern. Auf dem Schuh steht eine Frau

Ziemlich verrückt!

Wie gut, dass wir ein Gehirn haben: Es filtert den ununterbrochenen Schwall von Sinneseindrücken, dem wir tagtäglich ausgesetzt sind. Ansonsten würden wir verrückt werden. "Verrückt"! Da haben wir's schon. Wie oft sagen wir: "Ich glaub' ich werd' verrückt!"? Das heißt ja, wenn man's wortgenau nimmt, irgendetwas oder irgendjemand bewegt mich von hier nach da, ohne dass ich es will. So wie Möbel verrückt werden.

Geisteskranke

Um sicher zu gehen, dass zwischen einem Schrank und einem selbst nicht nur in diesem Fall durchaus Unterschiede bestehen, macht die Sprache – wenn wir es wollen – den Sachverhalt klar. Also: "Der Schrank wurde verrückt". Da Schränke in aller Regel Gegenstände – also unbelebt – sind, ist ziemlich klar, dass es sich bei einem verrückten Schrank um eben einen solchen nach erfolgtem Standortwechsel handelt.

Wenn es aber heißt, "Herr Müller wurde verrückt", bedeutet dies, er ist verrückt – also geisteskrank – geworden. Oder Herr Müller glaubte verrückt zu werden, nachdem er diese Sprachbar gelesen hatte.

Spinner

"Ich glaub', ich spinne" hätte Herr Müller möglicherweise gesagt, obwohl er noch nie in seinem Leben gesponnen hat und es auch mit Sicherheit nie tun wird. Denn "spinnen" heißt ja im ursprünglichen Wortsinne "mit dem Spinnrad oder der Spinnmaschine Fasern zum Faden drehen".

Das Spinnen war eine ziemlich eintönige Angelegenheit: das monotone Surren und Drehen des Spinnrades, die stets gleichen Handbewegungen. Niemand weiß, ob von den ungezählten, namenlosen spinnenden Frauen tatsächlich welche über dieser Arbeit verrückt geworden sind. Aber es muss ja einen Grund geben, weshalb "spinnen" so in die Nähe von "verrückt werden" gerückt wird.

Ein planlos radelndes Pferd

Irgendein Sprachwissenschaftler hat einmal sinngemäß gesagt, die Sprache sei ein endliches System mit unendlichen Möglichkeiten. Das Entscheidende und Einzigartige darin ist, dass der Mensch in der Lage ist, davon unendlichen Gebrauch zu machen. So ist er zum Beispiel in der Lage, Sätze zu verstehen, die er noch nie vorher gehört hat.

Auch so genannte sinnlose, verrückte Sätze. So ist der Satz "Das Pferd radelt planlos auf einem großen Erdbeereis über den Bodensee" grammatisch eigentlich völlig korrekt und wird auch als solcher verstanden. Gleichzeitig stellen wir aber fest, dass dieser Satz unsinnig oder eben "verrückt" ist.

Bildreiche Sprache

In einem surrealistischen Text hätte dieser Satz aber durchaus seinen legitimen Platz. Im Surrealismus gelten eben die Gesetze der Realität nur bedingt, er verrückt sie gewissermaßen. Da haben wir es wieder. Das "Verrücken" und das "Verrücktwerden". Was bleibt von dem Satz mit dem Pferd und dem Erdbeereis übrig? Ein imaginäres Bild. Ein verrücktes Bild, aber ein Bild voll Bewegung, Farbe und Heiterkeit.

Die Sprache hält übrigens viele Bilder bereit: "Am Fuß des Berges weideten die Lämmer im freundlichen Abendlicht". Ob einem Sätze wie dieser gefallen oder nicht, sie enthalten jedenfalls eine Poesie, die daraus entsteht, dass ungewöhnliche Verbindungen zwischen den Wörtern entstehen. Der "Fuß des Berges" oder der "Bergrücken" sind uns längst vertraut; niemand käme auf die Idee zu behaupten, diese Ausdrücke seien unsinnig, weil ein Berg weder einen Fuß noch einen Rücken habe.

Kraft der Metapher

Auch dem Abendlicht wird etwas in diesem Beispiel Adjektivisches hinzugefügt, was aus dem Bereich des Belebten, des Lebendigen ist. In naturwissenschaftlichem Verständnis gibt es weder freundliches noch unfreundliches Licht, dennoch kann Licht so wirken.

Die Metapher – der Fachbegriff für die Übertragung eines Wortes aus einem Bedeutungsbereich in einen anderen, seine "Verrückung" gewissermaßen –, entfaltet besonders in der Poesie ihre unerschöpfliche Kraft.

Mörikes "Verrückung"

Der große Dichter Eduard Mörike hat ein Gedicht geschrieben: "Um Mitternacht". Es beginnt so:

"Gelassen stieg die Nacht ans Land,

lehnt träumend an der Berge Wand;

ihr Auge sieht die goldne Waage nun

der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn ..."

Entrückt und verzückt, aber nicht verrückt gehen wir nun zu Bett. Im Kopf das Ende des Gedichts: "Doch immer behalten Quellen das Wort, es singen die Wasser im Schlafe noch fort, vom Tage, vom heute gewesenen Tage."

Autor: Michael Utz

Redaktion: Beatrice Warken


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