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Politik

Vernunft im Kugelhagel

Maschinenpistolen auf dem Ladentisch, private Scharfschützen-Schulen: Die amerikanischen Waffengesetze haben dem Heckenschützen von Washington das Handwerk leicht gemacht, schreibt DW-TV-Korrespondent Eckhard Tollkühn.

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Kurz vor der Chesapeake Bay auf der Landstraße 4 in Maryland liegt Captain Kidd’s Laden. Ein Schild verspricht: "Liquor, Bait and Ammo", also Schnaps, Würmer und Munition. Alles was Jäger- und Anglerherz begehren. Neulich war dort noch ein zweites Schild aufgestellt: "Sale! AK 47 $495". Die gefürchtete russische Schnellfeuerwaffe im Sonderangebot. Ein Statussymbol für Verrückte, "Only in America". Die amerikanischen Sportschützen und Jäger argumentieren: "Nicht Waffen, nur Menschen töten. Wie dem auch sei, ein solches Schild ist angesichts der Mordserie eines Heckenschützen in der Umgebung von Washington ein Schlag ins Gesicht der zivilisierten Welt.

Seit dem 2. Oktober versetzt ein Killer die amerikanische Hauptstadt in Angst und Schrecken. 8 Tote hat er schon auf dem Gewissen. Der Menschenjäger schießt willkürlich aus einem weissen Kleinlaster auf Menschen, die ihrem normalen Tagewerk nachgehen: einkaufen, Rasen mähen, das Auto auftanken. Ein 13-jähriger Junge wurde vor seiner Schule erschossen. Die Opfer hatten keine Gemeinsamkeiten, außer zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.

Die Verunsicherung in Washington ist zur Zeit nicht minder groß als nach dem 11. September 2001 oder während der Anthrax-Briefe. Nur die Abgebrühtesten können von sich behaupten, sie berühre das alles nicht. Für die meisten hat sich das Leben verändert. Angst geht um an jeder Tankstelle. Die Kunden gehen im Schnellschritt von der Zapfsäule zum Kassenschalter und zurück, während der Blick nach weissen Lieferwagen ausschweift. Mittlerweile bieten sich "Guardian Angels" in ihren roten Jacken und Baskenmützen an, die Autos von verängstigten Fahrern aufzutanken. Schulen haben alle Veranstaltungen im Freien abgesagt. Das ohnehin große Verkehrschaos ist durch die häufigen Polizeikontrollen unerträglich geworden.

Die Jagd nach dem Täter läuft auf Hochtouren. Der hat sich auf einer Tarot-Karte, die an einem Tatort gefunden wurde, mit "Ich bin Gott" vorgestellt.
Es stimmt, Psychopathen und kaltblütige Killer gibt es überall, aber es ist auch richtig, dass man nirgendwo in der "zivilisierten" Welt leichter an Waffen herankommt als in den USA. 230 Millionen Schußwaffen gibt es hier. Fast eine auf jeden Bürger. US-Bürger, die eine Waffe kaufen, um sich gegen Einbrecher oder Mörder zu schützen, richten diese Waffe laut Statistik letztlich eher gegen sich selbst oder die eigene Familie, als gegen Eindringlinge. 10 Kinder sterben täglich in den USA, weil sie mit den Waffen ihrer Eltern hantieren.

Nach jeder Schulschiesserei, nach jedem Massenmord wird auch in den USA der Ruf nach schärferen Waffengesetzen laut. So ist es auch diesmal wieder. Doch die bisherigen Reformen sind kläglich bis lächerlich. Der Personaliencheck beim Kauf einer Waffe läßt sich leicht umgehen. Und den Schußwaffenerwerb auf drei pro Monat pro Person zu beschränken, klingt für Europäer eher wie ein schlechter Witz als ein ernstgemeintes Reformvorhaben. Aber schon diese Beschränkung wird von vielen Amerikanern als ein Angriff auf die persönliche Freiheit gesehen. Die Galionsfigur der US-Waffenlobby, Hollywood Altstar Charlton Heston macht keinen Hehl aus seiner Position: "Wenn mir einer die Waffe wegnimmt, dann nur aus meiner kalten, steifen Hand."