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Ostmitteleuropa

"Vernünftiger Kompromiss"

- Auf dem Sudetendeutschen Tag wird wieder über die Benes-Dekrete gesprochen

Köln, 16.5.2002, DW-radio, Vladimir Müller nach einem Interview von Thomas Bärthlein

Am kommenden Pfingstwochenende (18.-19.5.) findet in Nürnberg der traditionelle Sudetendeutsche Tag statt. Deutsche Vertriebene aus der ehemaligen Tschechoslowakei, die heute mehrheitlich in Bayern leben, und ihre Nachkommen, treffen sich schon seit 53 Jahren regelmäßig zur "Heimatpflege" mit einer ganzen Reihe von kulturellen Veranstaltungen. Aber auch politische Fragen stehen im Mittelpunkt des diesjährigen Sudetendeutschen Tages.

"Ich bin der Meinung, dass wir eine ganz spezifische Kultur haben, die Jahrhunderte lang geprägt worden ist durch die spezifische Kultur, reiche Kultur von Böhmen, Mähren und Schlesien, die auch immer eine deutsche wie auch eine jüdische und tschechische Komponente gehabt hat. Und diese einzigartige Weise des Jahrhunderte langen Zusammenlebens von Tschechen, Deutschen und Juden, die hat uns ein Erbe hinterlassen, auf das ich stolz bin und das auch meine Generation und auch die Generation unserer Kinder sozusagen schon beginnt weiter zu entwickeln und weiter zu pflegen, und das ist eigentlich mein Motiv. Ich glaube, das wir die Aufgabe haben, diese Kultur weiterzupflegen, das ist das wichtigste Motiv für mich, landsmannschaftlich zu arbeiten", sagt Bernd Posselt, der Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

Es bleibt aber nicht nur bei Mundartlesungen, Volkstanzabenden und Treffen von Familienforschern. Ganz im Zeichen der neu entfachten Diskussion über die so genannten Benes-Dekrete wird dem Berliner Historiker und Publizist Arnulf Baring der diesjährige Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft verliehen. Unter anderem für seinen "Einsatz in der öffentlichen Diskussion über das Schicksal der deutschen Vertriebenen."

Handfeste politische Forderungen stehen auf der Tagesordnung: Denn die Benes-Dekrete beherrschen schon seit Monaten nicht nur die Diskussionsforen der Sudetendeutschen. Sie führten unlängst sogar zu einer diplomatischen Verstimmung zwischen Berlin und Prag.

(Posselt) "Das ist eine Frage der Menschenrechte. Diese Dekrete sind rassistisch, sie sind nationalistisch, und ihre Beseitigung ist eigentlich im Interesse der Europäischen Union als Rechtsgemeinschaft."

Das Gesetzeswerk, das die Vertreibung von etwa drei Millionen Deutschen aus der Tschechoslowakei nach 1945 legitimierte, sollte von der tschechischen Regierung für ungültig erklärt werden. Sie werden zwar nicht mehr angewandt - Prag bezeichnet sie als "erloschen" - als Ausdruck einer diskriminierenden Rechtspraxis haben sie aber im Rechtssystem eines künftigen EU-Mitglieds nicht zu suchen, meinen nicht nur die Betroffenen.

(Posselt) "Edmund Stoiber ist seit mehr als einem Jahrzehnt als bayerischer Ministerpräsident Schirmherr der Sudetendeutschen, das heißt, er kennt die Materie ganz genau, abgesehen davon, dass seine Frau auch Sudetendeutsche ist und er sich Zeit seines politischen Lebens mit dieser Frage befasst hat. Mit Edmund Stoiber werden wir einen Bundeskanzler bekommen, der die Frage in- und auswendig kennt."

In Tschechien bestreitet heute kaum jemand, dass die Vertreibungen der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg ein Willkürakt warn und nach dem Prinzip der Kollektivschuld erfolgte. Sie aber ganz aufzuheben scheut man aus Angst, die Vertriebenen könnten ihr altes Eigentum zurückfordern.

(Posselt) "Diese Ängste sind nicht berechtigt, denn die Sudetendeutschen haben immer eindeutig klargestellt, dass unser Interesse es keineswegs ist, Menschen in rechtliche oder persönliche Unsicherheit zu stürzen oder gar neue Vertreibungen herbeizuführen, wie immer wieder behauptet worden ist. Unser Ziel ist es, zu einem vernünftigen Kompromiss zu kommen. Ungarn hat das Problem gelöst, Rumänien hat das Problem gelöst, die baltischen Staaten haben das Problem gelöst, zum Teil durch symbolische Handlungen, zum Teil durch Entschädigungen, aber da kommt es nicht drauf an. Ich sage ganz klar, ich gehöre nicht zu denen, die der Meinung sind, dass das Materielle hier im Vordergrund stehen soll."

Viel wichtiger sei es, das tragische Kapitel in der Geschichte der deutsch-tschechischen Beziehungen zu verarbeiten und zu bewältigen.

(Posselt) "Ich bin zwei bis drei Mal im Monat drüben in der Tschechischen Republik, ich habe viele Kontakte, ich spreche an Universitäten, ich spreche an Schulen, ich spreche mit den tschechischen Kollegen, ich bin als Europa-Abgeordneter auch Vizepräsident des gemischten Ausschusses tschechisches Parlament - europäisches Parlament. Ich habe unter den tschechischen Politikern gute Bekannte, zum Teil auch Freunde, auch Gegner, aber auch mit den Gegnern diskutiert man respektvoll. Und ich sehe mit Freuden, dass junge Tschechen, dass tschechische Medien, dass intellektuelle Kreise, dass kirchliche Kreise beginnen, das Thema aufzuarbeiten, aber die Politik tut's leider nicht, und man muss ganz klar sagen, es geht nicht um die Exzesse, sondern die kollektive Vertreibung, und Entrechtung von Menschen darf nicht zum Mittel der Politik gemacht werden." (ykk)

  • Datum 16.05.2002
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