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Amerika

Vermont schwimmt gegen den Atom-Strom

Während Präsident Obama sich auch nach der Fukushima-Katastrophe für Atomenergie ausspricht, will Vermont im Nordosten der USA den Atomausstieg. Im März 2012 soll der Pannenreaktor "Vermont Yankee" abgeschaltet werden.

Mitglieder von Shut it down protestieren auf dem Reaktorgelände von Vermont Yankee (Foto: DW/Sonja Beeker)

"Shut it down" lautet ihr Motto

Kernkraftwerk Three Mile Island in Harrisburg (Foto: dapd)

Kernkraftwerk Three Mile Island in Harrisburg

Hattie Nestel steht nicht eher still, bis sie ihre "Atomkraft - Nein danke!"-Buttons unter den Demonstranten verteilt hat. Die quirlige 72-Jährige trägt ein buntes Batik-T-Shirt, das bestückt ist mit ihren selbst entworfenen Ansteckern. Seit fünf Jahren kämpft sie für die Abschaltung des Pannenreaktors "Vermont Yankee", nahe der 12.000-Einwohner-Stadt Brattleboro. "Ich habe große Angst um meine Enkelkinder! Es bricht mir das Herz, wenn ich mir vorstelle, ihnen würde so etwas zustoßen wie den Menschen in Fukushima."

Wir gehen nie, bevor wir nicht verhaftet wurden

Elf mal hat sich Hattie Nestel bei Protesten gegen den Reaktor bereits verhaften lassen. Sie ist Mitglied der Gruppe "Shut it down!", bestehend aus zwölf Frauen von 40 bis 92 Jahren, alle mit der gleichen Mission, "Vermont Yankee" abzuschalten und Vermont damit zu einem atomenergiefreien Bundesstaat zu machen.

Protest vor dem Gerichtsgebäude in Brattleboro, Vermont (Foto: DW/Sonja Beeker)

Protest vor dem Gerichtsgebäude in Brattleboro, Vermont

"Wir haben eine Menge zu tun", sagt Nestel. Man werde immer wieder vor den Reaktor ziehen und sich immer wieder verhaften lassen. "Wir gehen nie, bevor wir nicht verhaftet wurden. Aber sie lassen die Anklage jedes Mal wieder fallen, denn wir sind in der Gemeinde sehr beliebt."

Seit der Fukushima-baugleiche Reaktor 1972 ans Netz ging, ist er immer wieder in die Schlagzeilen geraten. 2007 stürzte ein Kühlturm ein, Grund waren marode Holzträger. Als 2010 bekannt wurde, dass aus einem Leitungsleck radioaktives Tritium ins Grundwasser gelangte, entschied sich der Vermonter Senat mit großer Mehrheit dafür, "Vermont Yankee" bis 2012 stillzulegen.

Politik und Bevölkerung sind geteilter Meinung

Doch von der US-Atomenergie-Behörde, der NRC (Nuclear Regulatory Commission) in Washington, kam wenig später ein völlig anderes Zeichen. Nur Tage nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima verlängerte die Behörde die Betriebslizenz von "Vermont Yankee" um weitere 20 Jahre. Die Frage, wer in diesem Fall seine Kompetenz überschritten hatte, Vermont oder Washington, wird derzeit vor Gericht verhandelt.

Aber die großzügige Entscheidung der NRC stößt nicht nur in Vermont auf Unverständnis. Seit Fukushima ist Atomenergie in den USA ähnlich unbeliebt wie kurz nach dem "Three Mile Island"-Unfall im Jahr 1979 in Pennsylvania. Durch einen Ausfall des Kühlsystems war es zu einer partiellen Kernschmelze gekommen. Rund 60 Prozent der US-Bevölkerung waren damals wie heute gegen den Aufbau weiterer Atomkraftwerke.

Ein ernsthafter Unfall pro Generation?

Die Protestgruppe Shut it down vor dem Polizeipräsidium bei ihrer letzten Festnahme (Foto: DW/Sonja Beeker)

Die Protestgruppe "Shut it down vor dem Polizeipräsidium bei ihrer letzten Festnahme

Der Atomwissenschaftler Howard Shaffer kann den Umschwung in der amerikanischen Bevölkerung gegen Atomenergie nicht nachvollziehen. Anfang der 1970er Jahre war er als Ingenieur am Aufbau von "Vermont Yankee" beteiligt. Bei Protesten gegen Atomenergie in der Region ist er immer dabei als Vertreter der anderen Seite, stets in Anzug und Krawatte gekleidet. "Nichts ist perfekt! Ein wichtiger Faktor, der mitberechnet werden muss, ist die Zeit", sagt Shaffer. "Kohle ist ein fortwährender Unfall. Mit Atomenergie hast du vielleicht einen ernsthaften Unfall pro Generation."

Gegenwärtig produzieren 42 Kraftwerke mit 104 Atomreaktoren 20 Prozent des US-amerikanischen Stroms. Das Land ist weltweit der größte Erzeuger von Nuklearenergie. Ein Abschalten der Atomkraftwerke in den USA ist für Howard Shaffer undenkbar. Er belächelt Deutschlands Pläne für den Atomausstieg bis 2022. "Die deutsche Regierung ist vor den Grünen eingeknickt und unsere französischen Freunde reiben sich vor Freude schon die Hände, wenn sie ihren Atomstrom dann nach Deutschland verkaufen werden."

Experten erwarten, dass der Fall "Vermont Yankee" hinauf bis vor den Obersten Gerichtshof, den Supreme Court, gehen wird und eine endgültige Entscheidung damit wohl erst in mehreren Jahren fallen wird.

Hattie Nestel stellt sich schon mal darauf ein, dass ihre Protestgruppe noch einige Einsätze vor sich hat, auch wenn die Mitglieder nicht jünger werden. "Unser ältestes Mitglied ist 92 und sie hat nicht mehr so viel Kraft in den Händen, um Spraydosen zu bedienen. Für unsere nächste Graffiti-Aktion hat sie deshalb schon angekündigt, einen Eimer Farbe und einen Pinsel mitzubringen.

Autorin: Sonja Beeker
Redaktion: Irene Quaile / Wim Abbink

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