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Musik

Vermona-Orgeln neu entdeckt

Konzertreisen und Szene-Clubs: Barbara Morgenstern hat die elektronischen Orgeln aus dem Vogtland wiederentdeckt. Der Verkaufsschlager der 50er Jahre wird heute in Handarbeit nachgebaut - als Kultinstrument.

Barbara Morgenstern (* 19. März 1971 in Hagen) ist eine deutsche Keyboarderin, Organistin und Sängerin (Foto: Tim Kölln)

Barbara Morgenstern, Keyboarderin, Organistin und Sängerin

Sie hießen Manuela, Sandy oder schlicht ET 6-1: die elektronischen Orgeln und Synthesizer der Marke Vermona, die seit 1959 die Klingenthaler Harmonikawerke verließen. Damals, Ende der 50er Jahre beginnt im sächsischen Vogtland die Serienproduktion elektronischer Tasteninstrumente. Der Landstrich: seit Jahrhunderten Heimat von Geigenbauern und Akkordeonherstellern.

Musikalische Revolution

Ende der Fünfziger Jahre. Die Musiker reißen sich um die neue Technik. Denn Rock und Beat, die musikalische Revolution des Jahrzehnts, verdrängen die akustischen Klänge aus den Tanzlokalen. "Es war damals fast Pflicht, dass jede Kapelle ein elektronisches Musikinstrument hat", erzählt Rolf Weichert.

Er ist der erste Produktionsleiter des neuen, elektrifizierten Gewerbes. Inmitten von Arbeitern, die Saxophone montieren, bezieht er im Februar 1959 seinen Arbeitsplatz. "Da hatte ich so ein kleines Eckel und dann ging’s los mit der Produktion", erinnert sich der heute 77-Jährige im gedehnten vogtländischen Singsang.

Weicherts erstes Serienfabrikat ist eine Kleinorgel namens Ionika, gusseisernes Gehäuse, optisch eine Mischung aus Sputnik und Nierentisch – typisch 50er Jahre eben. Dutzende Röhren im Innern machen das Gerät anfällig: "Wenn ein Windzug drüberging, verstimmte sich die Orgel", erinnert sich Weichert.

Vermona-Orgeln: Der ehemalige Produktionsleiter Rolf Weichert in der Werkstatt, die er sich in seinem Wohnhaus im Musikbauerstädtchen Markneukirchen eingerichtet hat (Foto: DW / Robert Schimke)

Produktionsleiter Rolf Weichert in der Werkstatt

Ein halbes Jahrhundert später sitzt er als Rentner in der Werkstatt, die er sich in seinem Wohnhaus im Musikbauerstädtchen Markneukirchen eingerichtet hat: ein Arbeitstisch mit Messplatz und Lötkolben, darüber Dutzende Schubläden mit elektronischen Bauteilen. Bis heute repariert Weichert alte Geräte, die ihm Vermona-Liebhaber zuschicken. Nicht ohne Stolz sagt er: "Ich bekomme heute Orgeln, die ich vor 30 Jahren das letzte Mal gestimmt habe. Tatsache." Die nächste Generation von Instrumenten läuft stabiler als die Ionika. Die weiterentwickelten Orgeln und später die Synthesizer, Rhythmusmaschinen und Effektgeräte mit dem Vermona-Logo werden zur begehrten Instrumenten in ganz Osteuropa.

Von Barock bis Rock

Wilfried Schneider, ein studierter Kirchenmusiker, führt die Geräte damals auf den Messen vor. 20 Jahre lang reist er von Leipzig bis Kiew, von Plowdiw bis Havanna und orgelt sich durch Barock und Rock, Schlager und Jazz. Lebhaft erzählt er von seinen Reiseerlebnissen im Dienste der Vermona-Werke. Doch er weiß auch zu berichten, wie Vermona Ende der 70er Jahre den Anschluss an die Entwicklung verliert: "In der allerersten Zeit waren wir Weltspitze. Dann überholte uns das Ausland." Und als Punk, New Wave und Synthie-Pop aufkommen, sehen seine Orgeln auf einmal sehr alt aus, nach Plüschsofa und Tanztee. Die jüngeren Musiker schmunzeln über die Instrumente aus dem Vogtland. Die Orgeln will niemand mehr haben, sie landen in Second Hand-Läden.

Bis sie Mitte der Neunziger Jahre von den unzählige Kreativen in Berlin wiederentdeckt werden. Sie besetzen die Nischen der Kultur-Szene und entdecken die Vermona-Instrumente für sich. Die Musikerin Barbara Morgenstern etwa tourt mit einer Vermona-ET 6-1 durch die neu entstandenen Berliner Wohnzimmerclubs, nimmt ein Album auf und benennt es nach ihrer Orgel. 2003 und 2004 geht sie auf Einladung des Goethe-Instituts auf Welttournee. Ihre Orgel reist mit.

Der alte Charme wird wieder lebendig

Und so ist es auch Barbara Morgenstern zu verdanken, dass der Name Vermona inzwischen wieder einen guten Klang hat. Ehemalige Vermona-Entwickler treffen heute wieder erfolgreich den Zeitgeist mit Modularsynthesizern und Drumcomputern, die sie von Hand und unter dem alten Namen fertigen. In ihrer Werkstatt steht zwischen Versandkartons und Messgeräten auch eine frisch gebaute Replik der Ionika-Orgel. Nichts hat er von seinem Charme eingebüßt, der kleine, klingende Sputnik, mit dem vor 50 Jahren im Vogtland die Ära der elektronischen Musik begann.

Autor: Robert Schimke

Redaktion: Gudrun Stegen

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