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Asien

"Verloren haben die Taliban"

Afghanistan hat gewählt. Ein positives Zeichen für die Demokratie, sagen einige Zeitungskommentatoren. Andere sehen einen Rückschritt gegenüber den letzten Wahlen vor fünf Jahren. Eine Presseschau.

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Zum zweiten Mal hat Afghanistan seit dem Sturz der Taliban 2001 gewählt. Drohungen und Selbstmordanschlägen der Aufständischen zum Trotz. Sieger und Verlierer stehen fest, meint die Turiner Tageszeitung "La Stampa".

"Noch ist nicht klar, welcher Kandidat diese Wahlen gewonnen hat, wir können aber bereits eine Liste der Sieger und der Verlierer nach dem ebenso herbeigesehnten wie gefürchteten 'Election Day' in Afghanistan aufstellen. Verloren haben die Taliban und die Kriegsherren. Gewonnen haben das afghanische Volk und die internationale Koalition. Trotz der blutrünstigen Erklärungen der Taliban in den vorangegangenen Tagen und der Welle blutiger und feiger Anschläge des vergangenen Monats (...) ist der Andrang zu den Urnen größer gewesen als in den rosigsten Erwartungen."

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" freut sich, dass viele Afghanen ihre Stimme abgegeben haben. Trotzdem ist die Skepsis nach dem Wahltag groß:

"Was wirklich an diesem Tag passiert ist, an dem Afghanistan seine demokratischen Fortschritte präsentieren wollte, wird erst nach und nach bekannt werden. (...) Festhalten lässt sich, dass die Begeisterung, die die erste Präsidentschaftswahl vor fünf Jahren prägte, einem Klima von Verunsicherung und Angst gewichen ist. Trotz der mutigen Entscheidung vieler Afghanen, den Taliban-Drohungen zu trotzen und die Wahllokale aufzusuchen, ist von demokratischer Aufbruchstimmung nicht mehr viel zu spüren. (...) Die Erwartung, dass der internationale Einsatz das Land aus seinem Tränental befreit, dass mit ISAF und Weltbank Frieden und Entwicklung kommen, wurde enttäuscht. Die neue Verfassung, das westlich anmutende Institutionen-Geflecht, das von Amerika und Europa aufgestülpte Selbstverständnis – all dies wirkt immer noch wie ein Fremdkörper, den der afghanische Organismus abzustoßen scheint."

Auch die konservative Pariser Zeitung "Le Figaro" ist überzeugt, dass es mehr bedarf, um aus Afghanistan eine Demokratie nach westlichem Verständnis zu formen:

"Die Präsidentenwahl in Afghanistan reicht nicht aus, aus diesem Land eine Demokratie unseres Verständnisses zu machen. Sie ist auch kein Zeichen der Niederlage der Taliban. (...) Doch die Wahl ist wichtig, weil sie den Regierungsinstitutionen eine Legitimität gibt, die die einzige Garantie politischer Stabilität ist."

Die niederländische Zeitung "de Volkskrant" sieht trotz aller Gefahren eine Chance für Afghanistan:

"Trotz aller Probleme bei diesen Wahlen ist unverkennbar, dass die Afghanen ein starkes Interesse haben, mittels Stimmzettel Einfluss auf die Regierung ihres Landes und ihrer Provinz zu nehmen. (...) Bei allen Zweifeln über die Legitimität ist eines ganz sicher, nämlich was die Alternative gewesen wäre. (...) Ihre Alternative ist die einer fundamentalistischen Macht, die aus den Gewehrläufen kommt."

Auch die Online-Ausgabe der "New York Times" wertet den Mut der Wähler in Afghanistan als Erfolg:

"Entschlossen ihre Zukunft selbst zu bestimmen, haben Millionen von Afghanen am Donnerstag, trotz Einschüchterungen der Taliban, zum zweiten Mal gewählt. Dieser Mut muss mit einer besseren Staatsführung als in den letzten vier Jahren belohnt werden."

Und die konservative spanische Zeitung "ABC" aus Madrid blickt zuversichtlich in die Zukunft:

"Die Taliban Terroristen haben nicht verhindern können, dass in Afghanistan erstmals freie und allein von afghanischen Instanzen organisierte Wahlen stattfanden. (...) Man muss einräumen, dass der Westen in Afghanistan nicht alles erreichen wird, was er sich vorgenommen hat. Das heißt aber nicht, dass die NATO, die größte militärische Allianz der Welt, die Taliban nicht besiegen kann."

Zusammengestellt von Sabine Schröder.

Redaktion: Dirk Eckert