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Kultur

Verloren gegangener Besitz

Der Zweite Weltkrieg hat in Museen und Galerien deutliche Spuren hinterlassen, viele Kunstwerke sind verschwunden. Neuerdings aber tauchen immer mehr Gemälde aus dem Bestand der Berliner Nationalgalerie wieder auf.

Wilhelm Ahlborn: Blick auf Florenz (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie)

Wilhelm Ahlborn: Blick auf Florenz

Friedrich Ahlborn war bereits zu Lebzeiten ein geschätzter Landschaftsmaler. Der preußische Hof, Adelige und Berliner Privatsammler orderten bei ihm Gemälde, die im Stil seines großen Vorbilds Karl Friedrich Schinkel gemalt waren. 1832, nach einem vierjährigen Aufenthalt in Italien, entstand Ahlborns Bild "Blick auf Florenz". Erworben hat es der Berliner Bankier und Mäzen Joachim Heinrich Wagener. Der verfügte später, dass seine umfangreiche Kunstsammlung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, was schließlich zur Gründung der Berliner Nationalgalerie führte. Dort hing Ahlborns "Blick auf Florenz", bis das Bild 1934 an die Reichskanzlei ausgeliehen wurde - es diente zur Dekoration der Privatwohnung von Adolf Hitler. In den Wirren des Krieges ging es schließlich verloren, wurde dann aber im Kunsthandel wiederentdeckt und für die Nationalgalerie zurück erworben.

Adolph Menzel, Bildnis eines jungen Mädchens 1994 im Schweizer Privatbesitz aufgetaucht (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie)

Adolph Menzel: Bildnis eines jungen Mädchens

Späte Funde

Erst vor wenigen Monaten sei das gelungen, erzählt Udo Kittelmann, der Direktor der Berliner Nationalgalerie. Anschließend wurde das Gemälde restauriert und nun wird es im Erdgeschoss der Alten Nationalgalerie der Öffentlichkeit präsentiert – zusammen mit 17 weiteren, jahrzehntelang verschollenen Werken. Insgesamt ist die Zahl der Kriegsverluste in der Nationalgalerie auf ungefähr 600 Gemälde des 19. Jahrhunderts anzusetzen. Die machen, sagt Michael Eisenhauer, der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, "immerhin ein Drittel des heutigen Bestandes der Alten Nationalgalerie aus".

Dunkle Wege

Hunderte von Bildern hatte die Nationalgalerie an Museen in ganz Deutschland und an staatliche Behörden im In- und Ausland verliehen. Der größte Teil von ihnen wurde wahrscheinlich durch Brände und bei Bombenangriffen vernichtet, der Verbleib der meisten Werke ist bis heute ungeklärt. Darüber hinaus kam es zu hohen Verlusten durch Plünderungen in Schutzräumen und Flaktürmen, in die die Werke der Nationalgalerie im Laufe des Zweiten Weltkrieges ausgelagert worden waren.

Im Zentralarchiv der Staatlichen Museen, erzählt Birgit Verwiebe, bezeugen noch heute unzählige Listen, sauber getippt oder von Hand geschrieben, die damit verbundenen Mühen. "Beispielsweise ist mir eine Liste begegnet mit der Überschrift '66 Gemälde aus der Nationalgalerie in zahlreichen Handwagenfahrten in die Reichsbank gebracht'. Das ist ein Dokument von Anfang 1941".

Bessere Recherchemöglichkeiten

Domenico Quaglio, Gotische Kirchenruine am Meer, 2005 im Kunsthandel in München aufgetaucht (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie)

Domenico Quaglio, Gotische Kirchenruine am Meer

Ähnliche Transportlisten und eine Reihe von historischen Fotos, die Flakbunker zeigen und Kunst-Notunterkünfte in Salzbergwerken, ergänzen in der Kabinettausstellung der Alten Nationalgalerie nun die Auswahl von Gemälden, die in den letzten Jahren in das Haus zurückgekehrt sind. Bilder, die plötzlich auftauchten - auf Flohmärkten, im Privatbesitz, im internationalen Kunsthandel. Und die als verloren gegangener Besitz der Nationalgalerie identifiziert werden konnten, weil sie nicht nur in gedruckten Verlustkatalogen erfasst waren, sondern auch in einschlägigen Datenbanken im Internet. Die weltweite Vernetzung hat Recherchemöglichkeiten deutlich verbessert, sagt Michael Eisenhauer. Aber dass in den letzten zehn Jahren deutlich mehr Werke in die Nationalgalerie zurückgekehrt sind als in den Jahrzehnten davor, habe auch mit der jüngsten deutschen Geschichte zu tun.

Verworrene Geschichte

Denn seitens der DDR habe es ein Kontaktverbot gegeben für die Wissenschaftler der Ostmuseen mit den Wissenschaftlern aus den Westmuseen. "Es konnten keine Listen abgeglichen werden, es konnten die Inventare nicht abgeglichen werden. Weder auf der westlichen noch auf der östlichen Seite bestand irgend eine Vorstellung, was vielleicht doch noch da ist, was verloren ist".

Ludwig Knaus, Salomonische Weisheit, 2005 in London angeboten (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie)

Ludwig Knaus: Salomonische Weisheit

Die Aufarbeitung begann 1990, entstanden ist seitdem unter anderem eine mehrbändige Dokumentation der Verluste. Rückgabewillige Anbieter entschädigt die Berliner Nationalgalerie mit einem "Finderlohn", der weit unterhalb des aktuellen Markt- und Handelswertes liegt, aber zumeist akzeptiert wird. Und in der Alten Nationalgalerie ist man guter Hoffnung, dass das in Zukunft noch öfter der Fall sein wird. Allein von dem romantischen Maler Carl Blechen werden noch 13 Werke vermisst, darunter die auf Holz gemalte "Märkische Landschaft". Der vermutlich zum Werk gehörende Rahmen aus dem Depot des Museums wird in der Ausstellung leer gezeigt – stellvertretend für sämtliche noch verschollenen Werke.

Autorin: Silke Bartlick

Redaktion: Conny Paul