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Kultur

Verliert Berlin sein berühmtes Tacheles?

Es steht auf vielen Reiseplänen von Berlin-Touristen: das Tacheles. Jenes Kunsthaus, das nach dem Mauerfall weltbekannt wurde - als einmaliger Ort und als Symbol für den kreativen Aufbruch Berlins. Nun droht das Aus.

Mann sitzt im Hof des Tacheles - umgeben von wilder Kunst (Foto: dpa)

Das Tacheles - bunt, vielfältig und kreativ

Auf dem Schild des österreichischen Edel-Restaurants im Gebäude nebenan steht "Bisel - beim Tacheles". Hier speist die teure Kundschaft aus aller Welt im Schatten des weltberühmten Kunsthauses. Das Tacheles ist eine Marke, mit der sich mediale Aufmerksamkeit erzeugen und gutes Geld verdienen lässt. Und so haben viele etwas davon: Touristen, Künstler und die Gastronomen. Seit Jahren aber streiten nun schon Investoren, Banken, Künstler und das Land Berlin um die Sehenswürdigkeit, die auf teurem Bauland steht.

Anfang April war eine Versteigerung des Grundstücks und der angrenzenden 16 Parzellen angesetzt, die aber kurzfristig vom derzeitigen Besitzer, der HSH Nordbank, abgesagt wurde. Warum, weiß keiner so genau. Tags darauf ging beim Tacheles - anonym über eine Anwaltskanzlei - das Angebot über eine Million Euro ein. Die eine Hälfte der Betreiber, die sogenannte Gruppe Tacheles, die das Café, ein Lokal, eine Metallwerkstatt und ein Kino betrieben, schlugen zu, packten ihre sieben Sachen, verschlossen die Türen und waren noch am selben Tag weg. Die andere Betreiber-Gruppe - beide Gruppen sind tief zerstritten - verblieb im Tacheles und will den Kunstbetrieb fortsetzen. Sie verwalten die 30 Künstlerateliers und das Theater im Haus.

Vorderansicht des Tacheles im Winter 2011 (Foto: dpa)

Vorderansicht des Tacheles im Winter 2010

Symbol der Wendezeit

Die Geschichte des Tacheles beginnt 1990 nach dem Mauerfall. Eine Gruppe Ostberliner Künstler wollte einen Ort schaffen, an dem "Tacheles", auf deutsch "Klartext", gesprochen und Kunst gemacht werden konnte. Sie wollten endlich freie Künstler sein - befreit von den Schranken der DDR-Diktatur. Zwischen Friedrichstraße und Synagoge, mitten im historischen Zentrum Berlins, fanden sie eine beeindruckende Kaufhaus-Ruine aus der Kaiserzeit. Wie überall in den Straßen des Viertels bedeckte schmutziges Grau-Braun die Mauern des mehrstöckigen Gebäudes. Die DDR hatte das Viertel verfallen lassen und sich wenig um dessen jüdische, literarische und politische Traditionen gekümmert.

Bunt bemaltes Treppenhaus des Tacheles (Foto: Elton Hubner)

Das Treppenhaus blieb selten leer

Der hintere Gebäudeteil war halb eingestürzt und hatte das Skelett aus Stein, Zement und Stahl freigelegt. Das hohe Eingangsportal und das großzügige Treppenhaus im vorderen Teil waren noch einigermaßen intakt. Die Künstler besetzten diesen Ort und schufen sich so einen Freiraum - wie es viele Pioniere nach 1990 in den Ruinen Ost-Berlins machten. "Das Tacheles stand für die im freudigen Sinne spannendste und bedeutendste Zeit Berlins im 20. Jahrhundert, nämlich für die Zeit des Mauerfalls und danach", sagt Berlins Regierungssprecher Torsten Wöhlert, "als die Stadt sich öffnete, sowohl nach innen durch Freiräume, die es vorher nicht gab, als auch nach außen."

Erfolg über Jahrzehnte

Das Tacheles als Institution funktioniert nun schon seit 21 Jahren. Neben den hunderten bildenden Künstlern kamen auch Musiker, um hier zu proben, wie zum Beispiel Nick Cave, Peaches oder gleich ein ganzes Sinfonieorchester. Raum gab es immer genug. Noch heute fragen Künstler, die nur kurz in Berlin sind und Platz zum Arbeiten in einem Atelier brauchen, beim Tacheles an.

Schnell sprach sich der Ort in den 1990er-Jahren herum - vor allem auch international. Viele Japaner, Weißrussen, Russen und Italiener hätten hier gearbeitet, erzählt der Künstler und Tacheles-Organisator Martin Reiter. Sie verwandelten die triste Ruine über die Jahre hinweg in einen wohl einmaligen und bunten Ort der Kunst, der zum Aushängeschild für das kreative Berlin wurde.

Tacheles-Organisatoren Linda Cerna und Martin Reiter (Foto: DW/Scholz)

Die Tacheles-Organisatoren Linda Cerna und Martin Reiter wollen nicht aufgeben

Das Land Berlin stellte das erfolgreiche Haus schon bald unter Denkmalschutz. Drinnen und drumherum entstand eine ganz eigene Tacheles-Erlebniswelt aus Bar, Bühne, Kino, Café und Wiese für Lagerfeuer oder Raves. So wurde aus dem Ort für Alternativkultur auch eine Sehenswürdigkeit für Touristen, die zuletzt 400.000 Besucher pro Jahr anzog.

Kommt jetzt ein Hungerstreik?

Auch weil das Gebäude nicht saniert, sondern nur ausgebessert wurde, blieb das Tacheles ein authentischer Ort. Es gäbe in unserer Zeit ein hohes Bedürfnis nach Authentizität, meint Martin Reiter. Viele hätte das Gefühl, dass die Dinge nicht mehr stimmen würden. "Weil alles so austauschbar ist. Es gibt überall dieselbe Jeans, denselben Kaffee, dieselbe Modekette. Das wird durchs Tacheles gebrochen."

Rückansicht des Gebäudes - die offenen Zimmer wurder verglast, im Hof entstand eine Event-Location (Foto: dpa)

Rückansicht des Gebäudes: Die offenen Zimmer wurden verglast, im Hof entstand eine Event-Location

1998 kam der Einschnitt. Das gesamte Gelände samt Tacheles-Grundstück wurde verkauft. Es war inzwischen zum begehrten Bauland für Investoren geworden. Das Tacheles konnte trotzdem weiter machen und bekam einen zehnjährigen Mietvertrag zu günstigen Konditionen. 2008 sollte dann Schluss sein und der Bau von Luxuswohnungen beginnen. Die Finanzkrise verhinderte das. Seitdem wissen die Künstler nicht, wie lange es das Tacheles noch geben wird.

Das Gebäude sieht inzwischen aus wie ein Relikt, denn längst ist das Stadtviertel schick und bürgerlich geworden. Auf die Politik wollen die Tacheles-Künstler aber nicht bauen - zu oft wurden sie schon enttäuscht. Obwohl das Land Berlin Hoffnung macht: "Wenn es zu einem Eigentümerwechsel kommt, dann wollen wir mit dem Eigentümer über die Zukunft des Tacheles als Kunststandort und einen möglichen Neustart des Hauses sprechen", sagt Torsten Wöhlert.

Die großzügigen Räume des alten Kaufhauses sind ideal für Künstler: Innenansicht mit großem Raum im Tacheles (Foto: dpa)

Die großzügigen Räume des alten Kaufhauses sind ideal für Künstler

Die Künstler vom Tacheles hoffen auf eine andere Lösung, erklärt deren Sprecherin Linda Cerna: "Eine öffentliche Stiftung soll das Haus übernehmen, die bedeuten würde, dass man das Land Berlin und die Kunsthochschulen mit ins Boot holt und das Kunsthaus weiterentwickeln kann." Sollte der Streit eskalieren, dann kämen aber auch andere Wege in Frage wie Hungerstreik und künstlerische Protestaktionen. Ob sich Berlin im Falle einer gewaltsamen Räumung des Tacheles dann aber solche Image schadenden Bilder leisten könne, fragt Linda Cerna rhetorisch?

Wie auch immer die Geschichte des Tacheles ausgehen wird - sie steht beispielhaft für das spannungsreiche Verhältnis von Kunst und Kommerz und erzählt viel von der Wandlung Berlins zwischen Mauerfall und heute.

Autor: Kay-Alexander Scholz
Redaktion: Petra Lambeck

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