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Nahost

Verkauft, vergewaltigt: IS gegen Jesidinnen

Bei Angriffen auf Jesiden im Nordirak soll die Terrormiliz IS bis zu 5000 jesidische Frauen und Mädchen verschleppt haben. Fünf Betroffene berichten, was sie 23 Tage lang in Händen der IS in Mossul durchmachen mussten.

Es ist, als schämten sich die fünf Mädchen für das, was ihnen angetan wurde. Mit gesenkten Köpfen sitzen sie da, die Schleier tief ins Gesicht gezogen, die Finger so fest ineinander verkrallt, dass sie wie abgestorben erscheinen. Sie kommen aus Korscho, einem Dorf im Sindschar-Gebirge. Ceylan, die kleinste, ist zehn. Zehra, die älteste, ist 20 Jahre alt. Drei Wochen lang waren sie in der Gewalt des sogenannten "Islamischen States" (IS).

"Anfang August haben die Dschihadisten unser Dorf überrannt", erzählt Zehra. "Sie stellten die Bevölkerung vor die Wahl: Ihr habt zwei Tage Zeit, Muslime zu werden, sagten sie, andernfalls droht euch der Tod. Aber die Leute wollten keine Muslime werden. Da haben sie uns alle in ein Schulgebäude getrieben. Sie trennten die Männer von den Frauen. Gruppenweise. In der letzen Gruppe war mein Vater. Wir haben ihn nie mehr gesehen."

Bis zu 400.000 Jesiden wurden in den vergangenen Wochen aus ihren nordirakischen Dörfern und Städten vertrieben, Hunderte ermordet und - wie sich nun abzeichnet - etwa 5000 Frauen nach Mossul verschleppt. Diese Zahl wird mittlerweile auch von Hilfsorganisationen und westlichen Diplomaten genannt. Die Terrorkommandos des IS veranstalteten eine regelrechte Menschenjagd auf die Jesiden. Sie töten Männer und erbeuteten Frauen wie Zehra und ihre vier Schwestern. Wer fliehen konnte, durchquerte die Bergwüste des Sindschar und schlug sich durch bis nach

Lalisch ins autonome Kurdengebiet

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"Das schlimmste Pogrom von allen"

Baba Scheich, religiöses Oberhaupt der Jesiden (Foto: M.Durm)

Baba Scheich, religiöses Oberhaupt der Jesiden

Lalisch ist das Zentrum des jesidischen Glaubens, ein abgeschiedenes Tal in den kargen, kurdischen Bergen. Viele Vertriebene haben dort in den vergangenen Wochen Zuflucht gefunden - und wohl auch etwas Trost. Sie lagern im Schatten der alten, heiligen Bäume, in den steilen Gassen des Tempelbezirks, in Mauernischen und Hauseingängen. Überall Zeltplanen, Feuerstellen, von der Flucht gezeichnete Menschen.

"Wohin sollen wir gehen, wenn der Winter kommt?" fragt eine Frau, und ihr Mann antwortet: "Wir sollten nach Deutschland gehen. In unsre Dörfer können wir doch sowieso nicht mehr zurück, da ist jetzt der 'Islamische Staat'."

73 Pogrome habe sein Volk schon erduldet, zählt Baba Scheich auf, das religiöse Oberhaupt der Jesiden: "Aber dies hier ist das Schlimmste von allen." Der Greis wirkt müde und müht sich ab, die aktuelle Katastrophe irgendwie einzuordnen in die jesidische Leidensgeschichte.

Frauen gruppenweise verschleppt

Die Religionsgemeinschaft, deren Wurzeln zurückreichen bis in vorchristliche Zeiten, hat in der Vergangenheit immer wieder den Hass radikaler Muslime auf sich gezogen. Den Jesiden wird unterstellt, sie seien Teufelsanbeter. Ihr Erzengel Tausi Melek, den sie als höchstes von Gott erschaffenes Wesen verehren, sei in Wahrheit Iblis, der Satan. Zu komplex, zu reich an Mythen und Hymnen ist die jesidische Theologie und widerspricht damit der primitiven Gottesschablone der Islamisten.

"Wir haben in der ersten Nacht vielleicht zwei Stunden geschlafen", erinnert sich Zehra. "Um vier Uhr morgens kamen sie dann, um uns nach Mossul zu bringen. Einer sagte zu meiner jüngeren Schwester: Nimm Deinen Schleier ab. Meine Mutter wurde wütend, sie sagte: Warum verlangst du das von meiner Tochter? Er sagte nochmal, sie soll den Schleier abziehen, sonst werde er sie töten. Meine Mutter fing an zu weinen. Da hat er sie dann zusammengeschlagen und mitgenommen."

Jesiden warten auf die Essensausgabe in Lalish, Irak (Foto: H. Gee)

Warten auf die Ausgabe von Essen: Flüchtlinge in Lalisch

In den ersten Tagen ihrer Entführung hat Zehra gezählt, wie viele Menschen verschleppt wurden und auf dem Weg nach Mossul spurlos verschwanden: 65 ältere Frauen, sagt sie, 165 unverheiratete Mädchen und 400 Männer. "Wir wussten nicht, was aus den Männern geworden war. Einmal hörten wir in der Nacht draußen Schüsse, Gewehrsalven. Ich fragte einen der IS-Leute: Was ist das? Er meinte, nichts, da war ein unbekanntes Auto, auf das wir geschossen haben. Später haben sie uns dann gesagt, dass sie die Männer getötet haben."

Am nächsten Morgen wurden die Frauen gruppenweise abgeholt und nach Mossul gebracht, ins Zentrum des sogenannten Kalifats. Die zweitgrößte Stadt im Irak wurde schon im Juni von den IS-Terroristen erobert. Nach übereinstimmenden Zeugenaussagen gibt es im Zentrum der Stadt eine Art Frauenmarkt, ein großes Gebäude, in dem sich die Männer bedienen können.

Die Opfer fürchten das Stigma

"Dort wurde auch ein Büro eingerichtet. Dort kann man sich Bilder von den Frauen ansehen und Preise erfragen", berichtet Suzan Aref, eine bekannte Menschenrechtsaktivistin im Irak. "Christinnen sind teurer als Jesidinnen. Wir wissen das von Frauen, die eine Zeitlang in Händen des IS waren und wieder zurückkamen. Meistens werden die Frauen gleich nach der Verschleppung vergewaltigt. Die Dschihadisten teilen sie zuerst unter sich auf. Wenn sie dann genug haben, verkaufen sie die Frauen in Mossul und holen sich eine neue Gruppe."

Von den 5000 verschleppten Frauen kamen angeblich 43 zurück. Wie, auf welchen Wegen und Umwegen, ist unklar. Es heißt, sunnitische Stammesscheichs in Mossul und in Faludscha hätten die Freilassung vermittelt. Gegen Bezahlung. Womöglich ist das die einzige Hoffnung für die Verschleppten. Womöglich sind auch die fünf Schwestern auf diese Weise freigekauft worden. Sie sagen es nicht. Sie fürchten stattdessen, dass man sie in der traditionellen jesidischen Gesellschaft ablehnt und als geschändete Frauen stigmatisiert. Deshalb sitzen sie da, die Hände ineinander gekrallt und die Köpfe gesenkt.

"Ich muss jetzt meine Eltern ersetzen", sagt Zehra. "Was soll aus uns werden?"

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