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Bildung

Verkürzte Schulzeit, früher studieren

Nach zwölf Jahren schon Abitur? Bis 2016 sollen in ganz Deutschland Schüler schneller zum Studium kommen. Für Schulen und Universitäten ist das eine Herausforderung. Aber auch für die Schulabgänger.

Johanna Kleesattel hat sich viel vorgenommen: Sie will Architektur studieren, am liebsten im Ausland. Ihre Bewerbung für einen Studienplatz an einer schottischen Universität hat sie schon abgeschickt. Jetzt fehlt nur noch die mündliche Prüfung auf dem weg zur Hochschule. Darauf bereitet sich die 19-Jährige aus Köln schon seit einigen Wochen vor - zusammen mit ihrer ein Jahr jüngeren Schwester Sophia. Wegen der Umstellung auf das achtjährige Gymnasium machen die beiden gleichzeitig Abitur. Als Schülerin des ersten G8-Jahrgangs in Nordrhein-Westfalen hat Sophia aber weniger Zeit dafür. "Zu den Vorteilen gehört, dass man gut auf die Arbeitswelt vorbereitet wird und ein Jahr früher fertig ist", sagt die 18-Jährige. Das bedeutet für sie aber auch: weniger Freizeit.

Verkürzte Schulzeit

Studenten in einer Vorlesung (Foto: dapd)

Der Ansturm auf die Hochschulen wird immer größer

Die Gymnasialzeit wird derzeit von neun auf acht Jahre verkürzt, damit die deutschen Abiturienten früher die Hochschulreife erreichen und im internationalen Vergleich nicht hinterherhinken. Außerdem sollen sie schneller in den Beruf einsteigen können - so, wie es in anderen europäischen Ländern längst üblich ist. Bis 2016 soll das achtjährige Gymnasium in allen Bundesländern Standard sein. Die gesamte Schulzeit verkürzt sich somit von 13 Jahren auf die international üblichen zwölf Jahre. In manchen ostdeutschen Ländern wie Sachsen hat es nie etwas anderes gegeben. In Westdeutschland dagegen ist das achtjährige Gymnasium neu. In diesem Jahr ist das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen an der Reihe. Gleichzeitig werden Schüler nach der 13. und nach der 12. Klasse fertig. Das heißt für die Lehrer, dass sie fast doppelt so viele Klausuren korrigieren müssen, und die Universitäten rechnen spätestens im nächsten Semester mit einem großen Ansturm von Studierenden.

Schulpolitik ist Ländersache, und deshalb hat jedes Bundesland für die Reform einen anderen Zeitplan und ein eigenes Konzept entwickelt - mit entsprechend großen Unterschieden. In Hessen und Schleswig-Holstein zum Beispiel sollen die Gymnasiasten künftig die Wahl haben, ob sie nach acht oder erst nach neun Jahren ihr Abitur ablegen. Denn das achtjährige Gymnasium ist für viele Schüler eine Herausforderung.

Wenig Freizeit

Abiturienten des achtjährigen Gymnasiums (G8) schreiben in der Turnhalle des Anton-Bruckner-Gymnasiums in Straubing (Niederbayern) die Abiturprüfung in Deutsch (Foto: dpa)

Viel Unterricht, wenig Freizeit

Kein Wunder: Sophia hatte im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester schon früh einen vollen Stundenplan. Wenig Freizeit, dafür Unterricht auch am Nachmittag - manche Schüler, Eltern und Lehrer beobachten diese Entwicklung skeptisch. Auch Ingrid Schulten-Wilius, Schulleiterin der Liebfrauenschule in Köln: "Was einen Menschen oder eine Persönlichkeit ausmacht, kann man nicht nur im Unterricht lernen", sagt sie. "Auch Angebote außerhalb des Unterrichts sind für Schüler unheimlich wichtig."

Das finden auch Johanna und Sophia. Die beiden tanzen gerne. Ob Ballett oder Hiphop - mehrere Male in der Woche gehen sie zum Training. Johanna hatte ein Jahr länger Zeit, sich auszuprobieren. Ein halbes Schuljahr hat sie außerdem an einer amerikanischen High School verbracht. Eine Zeit, die sie nicht missen möchte. Ob acht oder neun Jahre Gymnasium besser sind - dazu gibt es zurzeit noch keine wissenschaftlichen Studien. Doch für Johanna steht fest: Sie würde sie sich wieder für das neunjährige Gymnasium entscheiden: "Ich finde, wenn man volle neun Jahre hat, dann kann man das alles entspannter sehen."

Sorge vor Arbeitsplatzmangel

Ein junger Mann hat sein Abiturzeugnis in der Hosentasche (Foto: Fotolia/Eva Kahlmann)

Das Abi in der Tasche - und dann?

Auch die jüngere Sophia findet das neunjährige Gymnasium besser. Um einen Studienplatz für PR- und Kommunikationsmanagement in Köln macht sich die 18-Jährige zwar keine Sorgen, denn ihre Prüfungen sind bislang gut gelaufen, aber Sophia fragt sich, wie es danach wohl weitergeht. "Ich bin gespannt, ob sich die verkürzte Schulzeit in der Arbeitswelt bemerkbar macht", sagt die 18-Jährige. "Schon jetzt finden viele keinen Job. Wenn wir mit dem Studium fertig sind, könnte es wieder zu einem Über-Angebot von Bewerbern kommen - so wie jetzt bei den Studienplätzen."

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