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Spurensuche

Verkündigung zwischen Glauben und Vernunft

Der Graben zwischen Glauben und Vernunft: am „Fest der Verkündigung des Herrn“ beschäftigt sich Dominikanerpater Bernhard Kohl im Beitrag für die katholische Kirche mit der Frage nach der Rede von Gott im Heute.

Spurensuche Hängebrücke (stocksnap.io/L. Becker)

Die Vernunft bildet die Brücke zwischen Menschen, die sich über ihre Glaubenserfahrungen austauschen möchten.

Diesen Samstag feiert die katholische Kirche das „Fest der Verkündigung des Herrn“. Gerade in dieser Verkündigung der Menschwerdung des Wortes Gottes wird klar: die Rede von Gott, die Theologie und die Verkündigung des Glaubens schweben nicht über den Dingen. Sie sind nicht im Besitz überzeitlicher Wahrheiten. Sie sind kein Selbstzweck, sondern Hilfsmittel. Um dies sein zu können, bedarf es dreier Vergewisserungen über die Frage: Was kann oder was könnte die Rede von Gott heute sein?

Am Anfang steht Erfahrung

Erstens: die Rede von Gott, die Verkündigung steht am Ende und nicht am Anfang. Am Anfang steht, feststellbar oder nicht, die Erfahrung. Das bedeutet, dass unser Sprechen von dieser Erfahrung, unsere Verkündigung dieser Erfahrung ein sekundärer Akt ist. Sie ist reflektierter Glaube. Glaube hingegen ist unmittelbar, er reflektiert nicht. Im Zentrum des Glaubens gibt es keine Reflexion.

Man kann fragen: Warum dann Theologie? Warum dann die reflektierte Rede über die Erfahrung des Glaubens, wenn religiöse Erfahrungen doch allein ausreichend erscheinen? So zwingend der Gedanke scheint, auf die eigene Erfahrung zu pochen, so zwingend bleibt „reine Erfahrung“ eine einsame Insel, die mich unerreichbar macht. Erfahrung besitzt für mich die größte aller möglichen Klarheiten, aber eben nur für mich allein. Als Mensch kann ich entweder meine Erfahrungen für mich behalten, oder ich durchbreche diesen Kreis und versuche einen Weg zu den Erfahrungen der Anderen und somit auch wieder zu meinen eigenen zu bahnen. Es müssen also Hilfsmittel her, die zwar nicht zu den unerreichbaren Erfahrungen selber führen, wohl aber Brücken zueinander bauen können in den uferlosen Erfahrungen. Verkündigung und Theologie sind Erzählungen religiöser Erfahrung. Sie bringen Verständigung über diese Erfahrungen von Menschen in Gang.

Erfahrungsaustausch braucht Vernunft

Zweitens: Für einen solchen Brückenbau, für einen Erfahrungsaustausch ist Vernunft notwendig, Vernunft, welche Begriffe und sprachliche Bilder zur Verfügung stellt, die unsere Erfahrungen vereinfachen und es somit überhaupt erst ermöglichen, dass Menschen miteinander in einen Austausch treten können. Dabei wusste bereits Thomas von Aquin, dass Gott die Grenze ist: Wir wissen, dass wir ihn nicht wissen können. Und somit ist der Weg frei für den garstigen Graben zwischen Glauben und Vernunft. Diese Entwicklung hat sich bis heute verschärft. Mehr noch: Verkündigung und Theologie können den Zwist von Glauben und Wissen verstärken. Das Sprechen von Gott kann aber auch der Ort sein, an dem sich Glaube und Vernunft nahe treten.

Verkündigung gehört mitten in die Welt

Drittens: Der Ort der Verkündigung kann deshalb kein rein privater Raum sein, sondern besitzt eine Präsenz mitten in der Welt. Ohne diese Gegenwart in der Welt, ohne diese Öffentlichkeit wird ein Mensch auf sich selbst zurückgeworfen. Nicht auf jene ursprüngliche, intime Erfahrung von der letztendlich auch der Glaube zehrt, sondern auf eine vollkommen individualisierte Privatheit, die Menschen aus sozialen, mitmenschlichen Geflechten ausschließt. Eine öffentliche Rede von Gott kann auf diesen Zustand hinweisen. Sie kann Menschen in Beziehung setzen: zu sich selbst, zu anderen, zu Gott.

Verkündigung und Theologie können und sollen also dafür sorgen, dass die Erfahrung Gottes in der Welt zur Sprache und zur Geltung kommt. Dies schlichtweg deswegen, weil sie verpflichtet sind, „jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15). Gemeint ist mit dieser Hoffnung aber nicht „das kleine Senfkorn Hoffnung“ und auch nicht die große, zur politisch-sozialen Idee gewordene utopische Hoffnung, sondern die Hoffnung wider alle Hoffnung. Um mit Walter Benjamin zu sprechen: „Die letzte Hoffnung ist niemals dem eine, der sie hegt, sondern jenen allein, für die sie gehegt wird.“1 Die Aufgabe der Verkündigung Gottes wird somit zugespitzt: sie besteht darin, einen Austausch der Gotteserfahrungen zu ermöglichen und so möglichst alle an der Artikulation der Hoffnung zu beteiligen.

1 Walter Benjamin, Goethes Wahlverwandtschaften, hrsg. v. K.-M Guth, Verlag der Contumax GmbH, Berlin 2016, S. 71.

 

Bernhard Kohl OP, Dr. theol., ist Dominikaner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts M.-Dominique Chenu in Berlin und derzeit Visiting Scholar am Dominican Institute of Toronto.