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Kultur

Verirrte Debatte um Tom Cruise als Hitler-Attentäter

Tom Cruise, Hollywood-Star und Scientology-Miglied, soll den Hitler-Attentäter Graf von Stauffenberg spielen. In dem heftigen Streit darüber werden Argumente wild hin und her geworfen. Ramón García-Ziemsen kommentiert.

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Da ist ein berühmter, aber mittelmäßiger Schauspieler. Er wird einen deutschen Widerstandskämpfer darstellen. So weit, so unspektakulär. Nun ist dieser berühmte, aber mittelmäßige Schauspieler aktives Mitglied der Scientology Church, einer Weltanschauungsgemeinschaft mit totalitären Strukturen und Weltherrschaftsanspruch. Der Widerstandskämpfer ist der Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg, ein Mann, der als "Symbol des Widerstandes" in die Geschichtsbücher eingegangen ist, einer, der das "andere Deutschland" in dunkler Zeit verkörperte.

Er darf, er darf nicht

Tom Cruise gibt den Stauffenberg – eine Geschichte, in der alles drin ist, um in Deutschland heftige Diskussionen hervorzurufen. Schließlich geht es um die Deutungshoheit über die eigene Geschichte und gleichzeitig um eine Gruppe, in der es Gehirnwäsche geben soll, die vom Verfassungsschutz als undemokratisch eingestuft wird, die durch ihre Organisation manche an das schrecklichste Kapitel deutscher Geschichte erinnert.

Tom Cruise in der Rolle eines Deutschen, der versucht hat, totalitäre Strukturen zu überwinden. "Darf der das?" wird gefragt und gleichzeitig von einigen Zeitungen ein "neuer Kulturkampf" herbeigeschrieben.

Weltanschauung steht jedem frei

Aber wie das so ist, in echten, wie in vermeintlichen Kulturkämpfen: Es wird nicht mehr sauber getrennt zwischen Fakten und Meinung - die Debatte hat sich verirrt. Alles wird miteinander vermischt. Denn natürlich "darf" Cruise in die Rolle des Stauffenberg schlüpfen, selbst wenn ihn viele schauspielerisch für ungeeignet halten, was er wahrscheinlich auch ist. Dass er zum Beispiel vom ältesten Sohn Stauffenbergs als Zumutung empfunden wird, ist verständlich.

Aber jemandem wegen seiner Weltanschauung die Ausübung seines Berufes zu verbieten - das geht nicht. Selbst, wenn das passieren wird, worauf der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Peter Steinbach hingewiesen hat: Der Film könnte als Unternehmen der Scientologen wahrgenommen werden. Die globale Medienindustrie wird, wie immer, verkürzen. Die Gleichung: Aktives und repräsentatives Mitglied von Scientology, einer Organisation, die gerade mitten in Berlin ein großes Zentrum eröffnet hat, spielt einen deutschen Widerständler. Macht unterm Strich: Scientology gleich Widerstand. So wird sich das vermitteln. Das ist abstoßend und gefährlich. Aber immer noch kein Grund, Cruise den Stauffenberg zu verbieten. Kleiner Ausflug ins Grundgesetz: "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich." So heißt es im Artikel 4 des Grundgesetzes.

Bendlerblock ist Ort der Erinnerung und Trauer

Spielen darf er ihn also, eine andere Frage, die wichtigere ist, wo er ihn spielen darf. Die zuständige deutsche Behörde hat dem Team von Tom Cruise untersagt, an einigen historischen Orten zu drehen. Den Orten, an denen Stauffenberg versuchte, am 20. Juli 1944 den Staatsstreich in Gang zu setzen und wo er und einige Mitverschwörer noch am Abend des 20. Juli hingerichtet wurden. Heute befindet sich im Bendlerblock unter anderem die Gedenkstätte Deutscher Widerstand. "Es gibt keinen besseren Weg, an die Nazi-Ära zu erinnern, als einem Mann wegen seines Glaubens die Arbeit vorzuenthalten", empörte sich eine US-amerikanische Zeitung.

Auch in Deutschland gibt es viele, die von einem Imageschaden sprechen und darauf verweisen, dass doch schon einmal, vor drei Jahren, für einen deutschen Film über Stauffenberg im Bendlerblock gedreht wurde – just dort, wo es Cruise nicht darf. Und spätestens jetzt gerät einiges durcheinander: Cruise ist nicht deshalb keine Drehgenehmigung erteilt worden, weil er Scientologe ist. Er darf deshalb nicht im Bendlerblock drehen, gerade weil die Mitarbeiter der Gedenkstätte negative Erfahrungen mit aufwändigen Dreharbeiten gemacht haben. Weil man gelernt hat, dass dieser Ort der Erinnerung und Trauer nicht mal eben in eine Filmkulisse verwandelt werden kann. Was den Filmleuten aus den USA passiert ist, wäre auch jedem deutschen Filmteam so ergangen. Nur, dass sich darüber keiner aufgeregt hätte.

Originalschauplatz nicht als Drehkulisse geeignet

Der Leiter der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau hat einmal gesagt: Die Gedenkstätten dürften nicht "profanisiert" werden – Kommerz - und darum geht es Hollywood letztlich - hätte dort nichts zu suchen.

Und warum muss überhaupt an einem Originalort gefilmt werden? Es handelt sich schließlich nicht um einen Dokumentarfilm, der die Authentizität des Ortes braucht. Man kann diese Orte auch nachbauen lassen – im Falle des Filmes "Schindlers Liste" von Steven Spielberg ist dies geschehen. Und im Falle vieler anderer Streifen auch.

Halten wir fest: Spielen soll er ihn. Aber nicht überall. Und wir müssen genau sein, wenn wir sagen, warum Cruise nicht im Bendlerblock drehen darf: Weil dies einer Entweihung gleichkäme. Weil es unerträglich wäre, Stauffenberg fürs Popcorn futternde Publikum an Originalstätten ein weiteres Mal hinzurichten. Das ist das Argument. Nicht, dass Cruise Mitglied einer unerträglichen Glaubensgemeinschaft ist.

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