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Europa

Verica Trstenjak - "Ich vertrete das Recht"

Verica Trstenjak arbeitet in ihrem Traumjob. Als Generalanwältin bereitet sie Urteile des EuGH in Luxemburg vor. Dabei versucht die Slowenin, Karriere und Kind unter einen Hut zu bringen. Das ist nicht immer einfach.

Verica Trstenjak, Generalanwältin am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg (Foto: EuGH Lux)

Juristische Akten sind ihre Welt: Generalanwältin Trstenjak

Verica Trstenjak ist Generalanwältin am Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg. Das ist – neben dem Richteramt an diesem Gericht – das höchste juristische Amt in der Europäischen Union. Der EuGH prüft, ob die 27 Mitgliedsstaaten der EU sich an europäisches Recht halten. Die acht Generalanwälte in Luxemburg vertreten weder Kläger noch Beklagte, sondern sie schreiben einen Schlussantrag, in dem die Lösung des konkreten Falls vorgeschlagen wird. Verica Trstenjak und ihre Kollegen recherchieren, begutachten, vergleichen mit anderen Rechtssystemen und Fällen und legen den 27 Richtern dann einen sehr ausführlichen Entscheidungsvorschlag vor. In drei Vierteln der Fälle übernehmen die Richter die vorgeschlagenen Urteile.

Europäischer Gerichtshof inLuxemburg, Eingangsbereich, nüchterner Zweckbau, Foto: DW Daphne Grathwohl

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Freier als ein Richter

Im Schlussantrag des Generalanwalts findet sich also dessen eigene, unverfälschte Gutachtermeinung. Das ist bei den Urteilen der Richter anders: Sie sind Resultat einer einstimmigen Entscheidung aller beteiligten Richter, denn abweichende Richter-Meinungen sind am EuGH in Luxemburg nicht erlaubt. So müssen die Richter oft deutliche Kompromisse machen. Als Generalanwältin muss sie das nicht und darum gefällt Verica Trstenjak der Job so gut: "Wir sind freier, denn wir sind nicht in Beratungen mit anderen Kollegen, wo man doch eine harmonisierte Lösung finden muss. Bei uns ist das nicht so. Wir sind wirklich unabhängig. Einige sagen, wir sind der Rechtsanwalt des europäischen Rechts. Wir vertreten wirklich das Recht.“

Die zierliche, dunkelhaarige Slowenin spricht viel über Idealismus in ihrem nüchternen Büro, in dem sich die Akten türmen. Sie wurde 1962 geboren und hat in sehr jungen Jahren eine steile Karriere hingelegt: Mit 34 Jahren war sie Professorin für Rechtstheorie und Staatslehre in Slowenien. Sie arbeitete viel im deutschsprachigen Ausland, aber auch in den Niederlanden und der Schweiz. Von 1996 bis zum Jahr 2000 war sie Staatssekretärin im Forschungsministerium in Ljubljana. „Ich habe es nie – weder in Slowenien, noch in Deutschland, Österreich oder in der Schweiz - als Hindernis gesehen, dass ich eine Frau bin", sagte Verica Trstenjak heute auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. "Ich habe sehr oft auch Post bekommen als „Herr Professor Trstenjak, Sie haben die Stelle bekommen...“. Sie fügt lachend hinzu: "Manche haben auch zugegeben, dass ich die Stelle nur bekommen habe, weil alle dachten ich sei ein Mann."

Frauen haben es nicht leicht

Auch wenn sie eigentlich der Ansicht ist, dass es auf die Qualifizierung eines Bewerbers ankommt und nicht auf das Geschlecht, glaubt Verica Trstenjak, dass die Gesellschaft auch Voraussetzungen schaffen sollte, dass Frauen mit Kindern Karriere machen können: "Ich sehe bei mir praktisch, dass es möglich ist, aber es braucht viel Organisation. Ich habe mich – das ist jetzt schon sehr persönlich – ziemlich spät für mein Kind entschieden. Und ich habe meine Karriere als Staatssekretärin in Slowenien ohne Kind gemacht. Und ich kann das vergleichen: Es war viel, viel einfacher." Für die slowenische Juristin stand eigentlich immer die Karriere an erster Stelle. Jetzt fühlt sie sich zuerst als Mutter. Verzichten möchte sie weder auf die Mutterrolle noch auf den beruflichen Erfolg. "Ich könnte nicht nur zuhause sein."

EPA/THIERRY ORBAN/POOL +++(c) dpa - Report+++

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Die Sonne fehlt

Ihr Sohn ist jetzt knapp sieben Jahre alt, besucht in Luxemburg eine Europaschule und wird zusätzlich von Kindermädchen betreut. Seine Fotos sind auf Verica Trstenjaks Schreibtisch prominent platziert. Um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, brauchte sie eine große Portion Idealismus. Recht für alle EU-Bürger zu sprechen, liegt ihr wirklich am Herzen: „Ich würde doch sagen, wir haben sehr verschiedene Rechtssysteme, verschiedene Sprachen, verschiedene kulturelle, politische Hintergründe. Einige Richter und Anwälte hier sind eher konservativ, andere eher liberal, es gibt Frauen und Männer. Aber Recht gibt es immer nur eines und Gerechtigkeit auch. Und wenn wir in einem Fall entscheiden müssen, dann zählt am Ende nur, was in diesem Fall Recht ist, was in diesem Fall Gerechtigkeit ist.“

Einen Nachteil hat der EuGH für Verica Trstenjak: In Luxemburg vermisst die Slowenin das Mittelmeer, die Sonne, die Berge in ihrer Heimat. Das graue Wetter verführe oft dazu, auch am Wochenende einfach durchzuarbeiten, weil man sowieso nicht vor die Tür könne. Nur in den Ferien schaltet Verica Trstenjak wirklich ab. Dann geht es in die Sonne, nach Spanien, Italien oder Slowenien.

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