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Kultur

Verhoeven: "Landauer war mein FC Bayern-Präsident"

Die jüdische Vergangenheit des FC Bayern war lange unbekannt. Präsident Kurt Landauer wurde von den Nazis abgesetzt - und kehrte nach 1945 zurück. Ein Interview mit dem Zeitzeugen und Regisseur Michael Verhoeven.

Sein Film "Die weiße Rose" über die Geschwister Scholl und ihren Widerstand gegen das NS-Regime war bei seinem Erscheinen 1982 der erfolgreichste Film des Jahres. Immer wieder verarbeitet Michael Verhoeven die Schrecken der Nazizeit in seinen Filmen. Als Jugendlicher spielte er Fußball beim FC Bayern. Der jüdische Präsident hieß damals Kurt Landauer. Diese Zeit prägt ihn bis heute. Im DW-Interview erinnert er sich an das große Schweigen der Nachkriegszeit, als niemand über die NS-Verbrechen sprechen wollte.

DW: Herr Verhoeven, was bedeutet der Name Kurt Landauer für Sie? Gibt es eine Geschichte, die Sie mit dem jüdischen Präsidenten des FC Bayern verbindet?

Michael Verhoeven: Ich bin Filmemacher und habe einige Dokumentarfilme auch zu dieser Thematik gemacht. In einem dieser Dokumentarfilme spielt Kurt Landauer eine wichtige Rolle. Das Thema des Films war die Enteignung der Juden. Die Nationalsozialisten haben dem Juden Kurt Landauer 1933 seinen Status als Präsident des FC Bayern weggenommen. Und den Bayern ihren Präsidenten. Ich bin durch dieses Thema noch mal draufgekommen – und natürlich hat das bei mir noch was anderes ausgelöst, weil ich als junger Kerl beim FC Bayern gespielt habe und zwar genau in den Jahren nach dem Krieg, in denen Kurt Landauer zurückgekommen ist. Ich kann sagen: Kurt Landauer war mein Präsident beim FC Bayern!

FC Bayern München Kurt Landauer und Peco Bauwens 1955

Der ehemalige Präsident des FC Bayern, Kurt Landauer (li) mit Fußball-Legende Peco Bauwens, 1955

Hat man in der Nachkriegszeit über Kurt Landauer gesprochen? Gab es ihn noch im Bewusstsein der Deutschen als ehemaligen Präsident des FC Bayern? Er hielt sich ja viele Jahre im Schweizer Exil auf, nachdem er aus dem Konzentrationslager Dachau frei gekommen war.

Landauer war nach dem Krieg ein Name, der nicht genannt wurde. Ich glaube nicht, dass man ihn groß weggedrängt hat. Aber es war etwas besonderes, dass ein Jude, der mal Präsident eines bayerischen Fußballclubs war, wieder zurück nach Deutschland kam. Das war sicher eine Ausnahme. Ich habe Landauer erst in der Nachkriegszeit kennengelernt. Ich glaube, dass ich zuvor gar nichts von seiner jüdischen Geschichte gehört habe. Ich wusste gar nicht, wie der Präsident vom FC Bayern heißt. Das hat nicht viel zu tun mit der Verdrängung von all dem, was vorher war, also mit dem Fall Landauer. Fußball hatte einfach überhaupt keinen Stellenwert in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Mit Ausnahme von uns Halbwüchsigen und ein paar anderen Fußball-Verrückten. Da unterscheidet sich Bayern auch vom Ruhrpott, wo der Fußball eng in der Gesellschaft verankert war.

Gab es große Unterschiede zwischen den Münchner Fußballclubs der Zeit?

1860 - das waren die Proleten, FC Bayern war eher was Gehobenes. Und da war dann immer der Kampf zwischen den FC-Bayern-Anhängern und denen von München 1860 in der Schule, wo wir uns wirklich drum geprügelt haben. Ich habe natürlich als junger FC Bayern-Spieler gegen die vom Verein München 1860 gekämpft. Die durften auf keinen Fall gewinnen. Die Vereine standen sich feindselig gegenüber, aber das hatte nichts mit deren Vergangenheit zu tun. Alle haben darüber geschwiegen.

FC Bayern München Fan Choreographie

Für die Fan-Choreographie zum Gedenken an Kurt Landauer bekam die Schickeria München den Julius-Hirsch-Preis 2014

Die beiden Münchner Fußballclubs sind sehr unterschiedlich durch die NS-Zeit von 1933 bis 1945 gegangen: Der FC Bayern galt als "Judenclub", 1860 dagegen als "Nazi-Bolzverein". War das ein Thema bei Ihnen zu Hause?

Davon habe ich erst erfahren, als ich für meinen Dokumentarfilm "Menschliches Versagen" recherchiert habe, in dem Kurt Landauer eine wichtige Rolle gespielt hat. Wir haben mit Uri Siegel, seinem Neffen, gesprochen und so sind wir auf diese Spur geraten. Diese alte Rivalität zwischen den Clubs kam nicht vor. Wir haben zu Hause mit meinen Eltern einen sehr guten Diskurs gehabt über das Dritte Reich und darüber, was passiert ist, wer involviert war, wer sich hat zurückhalten können und nicht bei den Nazis mitgemacht hat. Es war auch ein Thema, wer gegen das NS-Regime war. Es wurde von meinen Eltern aus über alles gesprochen, auch als ich noch zu klein war, um das alles zu kapieren. Fußball kam dabei aber überhaupt nicht vor: weder der FC Bayern noch Kurt Landauer.

Der FC Bayern hatte im Verein viele jüdische Spieler, einen jüdischen Trainer und eben einen jüdischen Präsidenten hatte - im Gegensatz zum Fußballverein München 1860. Wie wurde darüber in der Nachkriegszeit gesprochen?

Ich habe natürlich als junger FC Bayern-Spieler gegen die 1860er gekämpft: die durften auf keinen Fall gewinnen. Wir waren als Verein zueinander feindselig, aber es hatte nichts damit zu tun, dass München 1860 ein Naziverein war. Damals habe ich das auch nicht gewusst. Und alle haben nach dem Krieg über die Nazizeit geschwiegen. Das war kein Thema, auch bei unseren Trainern nicht.

Als ich mich später als Regisseur mit dem Thema befasst habe, habe ich natürlich erfahren, dass München 1860 ein Verein war, wo die aktiven Spieler nicht an die Front geschickt wurden. Beim FC Bayern, der offensichtlich in Mißkredit geraten war, weil er als „Judenverein“ galt, wurden die Spieler alle an die Front geschickt. Das hätte man nach dem Krieg thematisieren können, müssen, sollen. Aber das ist nicht geschehen.

Deutschland Berlin Berlinale Filmfestspiele Berlin 1970

Politisch engagiert: Filmemacher Michael Verhoeven (li) bei den Berliner Filmfestspielen 1970

Sie sind an das Thema Landauer nochmal für einen Dokumentarfilm rangegangen. Haben Sie auch mit dem FC Bayern über die jüdische Vereins-Geschichte gesprochen? Was haben Sie da für Erfahrungen mit den Oberen des Erfolgsvereins gemacht?

Da bin ich am FC Bayern wirklich gescheitert. Niemand von den drei Großen des FC Bayern-Präsidiums war 2008/2009 daran interessiert, etwas über ihren ehemaligen Präsidenten Kurt Landauer zu sagen. Ich nehme an, das sie geglaubt haben, das könnten sie ihren Fans nicht bieten, die verstünden das nicht. Sie wollen wohl nicht als der ehemalige jüdische Fussball-Verein gelten. Das ist zumindest meine Interpretation. Was gäbe es sonst für einen Grund, so eine herrliche Episode, wie diese Aufbauzeit des FC Bayern nach dem Krieg zu unterdrücken. Da hat man mich abprallen lassen

Das Interview führte Heike Mund.

Film-Tipps zum Thema: "Landauer - der Präsident" läuft am Mittwoch, den 15. Oktober um 20.15 Uhr in der ARD/Das Erste im Deutschen Fernsehen. Im Anschluss wird eine Dokumentation über Landauer und eine Talkrunde zum Thema gezeigt. Die DVD mit beiden Filmen erscheint am 16.10.2014.

Zuletzt wurde von Regisseur Michael Verhoeven der TV-Spielfilm "Let's go" in der ARD gezeigt, der von einer jüdischen Familie im Nachkriegs-München erzählt.

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