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Asien

"Verheerende wirtschaftliche Auswirkungen"

Seit Wochen dauert die politische Krise in Thailand mittlerweile an. Wie verhärtet sind die Fronten? Darüber spricht Gerhard Will, Südostasien-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, mit DW-WORLD.DE.

Anhänger der Rothemden in der thailändischen Hauptstadt Bangkok (Foto: AP)

Anhänger der Rothemden in der thailändischen Hauptstadt Bangkok

DW-WORLD.DE: Es geht schon seit Jahren so: Sind die Roten an der Macht, dann demonstrieren die Gelben, und sind die Gelben am Hebel, protestieren die Roten. Warum lässt sich dieser Teufelskreis in Thailand nicht durchbrechen?

Gerhard Will: Die politischen Parteien in Thailand haben während der vergangenen fünf Jahre die Erfahrung gemacht: Wir können diese Regierung stürzen - auch wenn diese Regierung eine Mehrheit im Parlament hat - wenn wir es nur schaffen, möglichst machtvolle Demonstrationen auf die Beine zu stellen und möglichst viele Menschen zu mobilisieren. Dann können wir das parlamentarische Mandat praktisch aushebeln.

Das bedeutet ja, dass die Gesellschaft in Thailand ziemlich tief gespalten ist.

Dr. Gerhard Will, Forschungsgruppe Asien der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) (Foto: SWP)

Dr. Gerhard Will


Ja, die Gesellschaft ist sehr tief gespalten, sie ist ökonomisch gespalten. Man kann sagen, dass ein Drittel der Bevölkerung am wirtschaftlichen Boom teilhaben kann, die anderen zwei Drittel dagegen leben in sehr instabilen Verhältnissen. Und die Gesellschaft ist auch politisch gespalten. Wo will das Land hin? Wo wollen die neuen Mittelschichten hin - und die alten Eliten, die natürlich darauf achten, dass sie ihre Privilegien bewahren.

Wo wollen denn die neuen Mittelschichten hin?

Die neuen Mittelschichten wollen eigentlich hin zu einem demokratischen parlamentarischen System. Das hat in den 90er Jahren eigentlich auch ganz gut funktioniert. Es hat sich in Thailand eine relativ reife demokratische Gesellschaft und ein demokratisches politisches System entwickelt. Dieses System, das auf Kompromissen basierte, wurde eigentlich durch Ministerpräsident Thaksin 2001 ausgehebelt. Er hatte eine große parlamentarische Mehrheit, er hatte eine eigene Wählerbasis, und er konnte eigentlich mit dieser Mehrheit ziemlich diktatorisch regieren. Er hat diese Regierungsgewalt auch rigoros ausgenutzt.

Jetzt ist die Gesellschaft tief gespalten. Für wie groß halten Sie die Gefahr, dass ein massiver Bürgerkrieg ausbrechen könnte?

Diese Gefahr sehe ich nicht, denn für einen Bürgerkrieg müsste ja auch die Armee gespalten sein, und das sehe ich eigentlich bislang noch nicht. Aber ich sehe natürlich eine zunehmende Instabilität, und das kann sich - wie es ja schon im Süden des Landes der Fall ist - nun auch im Norden und im Nordosten eine Art Guerilla-Krieg entwickeln. Das heißt: Polizeistationen werden überfallen, es werden Attentate verübt, und gegen diese Form eines Guerilla-Krieges kann natürlich auch das Militär relativ wenig machen.

Dem König in Thailand wird traditionell eine integrierende Funktion nachgesagt, inwieweit kann er die in der jetzigen Situation noch ausfüllen?

Er kann diese integrierende Funktion eigentlich schon seit mehreren Jahren nicht mehr ausfüllen. Das hat zum Einen gesundheitliche Gründe: Er ist gesundheitlich geschwächt, er kann sein Amt eigentlich nicht mehr mit voller Kraft ausführen. Aber es hat auch politische Ursachen, denn es ist klar, wo die Symphatien des Königs beziehungsweise des Königshauses liegen - nämlich bei den Gelbhemden, die ja auch seine Farbe tragen. Aber er kann das natürlich nicht so offen sagen, denn er hat den Anspruch, der König aller Thais zu sein. Deshalb zieht er es vor zu schweigen, was natürlich insgesamt desaströs ist, denn diesem politischen System fehlt jetzt eigentlich der Mittler, der solche Konflikte in der Vergangenheit durch Kompromisse wieder besänftigt hat.

Der König ist auch schon alt. Was würde es für Thailand bedeuten, wenn er jetzt sterben würde?

Ich glaube, es würde gar nicht so viel bedeuten, denn tatsächlich ist der König ja seit zwei Jahren nicht mehr in der Lage, wirklich politisch einzugreifen. Dieses bereits bestehende Defizit würde durch seinen Tod nur offensichtlich werden, aber es wäre keine komplett neue Situation.

Thailand hat immer zu den wirtschaftlichen Zugpferden Südostasiens gehört und ist auch traditionell ein beliebtes Reiseland. Inwiefern hat die Krise jetzt Auswirkungen auch auf Wirtschaft und Tourismus?

Die Auswirkungen sind verheerend. Thailand hatte es ja im vergangenen Jahr geschafft, wieder ein ordentliches Wachstum von vier bis fünf Prozent vorzulegen. Für 2010 wurde ein Wachstum von sechs Prozent prognostiziert, aber man muss sich ja nur die Entwicklungen an der Bangkoker Börse ansehen: Die Kurse sind in den vergangenen Wochen in den Keller gegangen, und auch die Touristenzahlen gehen dramatisch zurück. Insofern wird sich die Krise sehr schnell und sehr empfindlich auf die wirtschaftliche Situation auswirken. Und man darf nicht vergessen, dass Thailand umgeben ist von den wirtschaftlich sehr mächtigen Konkurrenten China und Vietnam. In diesem Umfeld kann man sich eine derartige Krise nur schwer leisten.

Das Interview führte Cordula Denninghoff
Redaktion: Esther Broders / Thomas Latschan

Dr. Gerhard Will ist Südostasien-Experte bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik