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Politik

Verhandeln ja, Nachgeben nein

Die Entführung der Deutschen Susanne Osthoff im Irak hat wahrscheinlich einen politischen Hintergrund. Kluge Diplomatie ist jetzt gefragt. Wie geht Deutschland mit solchen Krisen um?

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Wende in der politischen Haltung: Geiseldrama an Bord der "Landshut", Mogadischu, 1977

Wenn deutsche Urlauber bei Naturkatastrophen in entfernten Regionen zu Schaden kommen, setzen sich die zuständigen Experten im Auswärtigen Amt zusammen, um Hilfe zu organisieren. Wenn irgendwo auf der Welt einzelne Deutsche plötzlich vermisst werden, ist das nicht sofort ein Fall für den Krisenstab - aber als am vergangenen Freitagnachmittag aus Bagdad das spurlose Verschwinden der 43-Jährigen Susanne Osthoff mit ihrem Fahrer auf einer Überlandfahrt im Irak nach Berlin gemeldet wurde, war die Brisanz rasch klar. Doch erst als die Entführer in Bagdad ein Video mit ihrem Opfer veröffentlichten, entschloss man sich am Montag, die deutsche Öffentlichkeit zu informieren.

So wenig Information wie nötig

Mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen wurden im Auswärtigen Amt offiziell nur wenige Fakten bekannt gegeben. Auch wenn die Umstände des Verschwindens der Frau noch nicht ganz klar sind - in deutschen Sicherheitskreisen hält man es für wahrscheinlich, dass dahinter die Terrorgruppe des irakischen El Kaida-Chefs Abu Mussab al-Sarkawi steckt. Die "politischen" Forderungen der Entführer, Deutschland müsse die Zusammenarbeit mit der Führung in Bagdad sofort einstellen, sprächen für diese Vermutung.

Verwiesen wird darauf, dass die Gruppe in jüngster Zeit wiederholt angekündigt hat, ihre Terroraktivitäten auch auf Bürger solcher Länder auszuweiten, die sich nicht direkt am Irak-Krieg beteiligt hätten. "Europa bleibt im Zielspektrum des Sarkawi- Netzwerks. Die europäische Politik sollte sich bereits jetzt auf das mögliche Übergreifen der Gewalt aus dem Irak vorbereiten", warnt etwa der Nahost-Experte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Problem Irak

Nach den Erfahrungen mit Entführungen von Briten, Franzosen und Italienern im Irak richtet man sich in Berlin auf eine möglicherweise Wochen dauernde Lösungssuche ein. Die Unberechenbarkeit und Brutalität der im Zweistromland aktiven Terrorgruppen stellt dabei ein besonderes Problem dar. Die Situation ist komplizierter als in früheren Fällen, wo verschleppte Deutsche auf Vermittlung von Staatschefs befreundeter Länder und oft erst nach Zahlung eines Lösegelds wieder frei kamen.

Vermittlung und Lösegeld

Vor fünf Jahren vermittelte der libysche Präsident Mummar el Gaddafi erfolgreich, als die auch zum Kaida-Netzwerk gehörende Abu Sayyaf-Gruppe 21 Menschen, darunter die Göttinger Familie Wallert, auf der südphilippinischen Insel Jolo verschleppte. Erst nach monatelangen zähen Verhandlungen kamen die Gefangenen frei. Angeblich zahlten westliche Staaten pro Geisel mindestens ein halbe Million Euro, was in Berlin und anderen Hauptstädten aber nie bestätigt wurde. Monatelang hielt die deutsche Öffentlichkeit vor zwei Jahren auch das Schicksal der in der algerischen Sahara verschleppten ausländischen Touristen, darunter 16 Deutsche, in Atem. Auch dabei soll Lösegeld an die extremistischen Geiselnehmer für die Freilassung geflossen sein.

Richtlinie seit Mogadischu

Die deutsche Seite muss sich noch über eine Strategie klar werden, wie sie auf den irakischen Entführungsfall reagieren will. Die USA lehnen kategorisch alle Verhandlungen und Lösegeldzahlungen ab, wenn dort einer ihrer Staatsbürger in die Hände von Terrorgruppen gerät. Ähnlich wie vorher Franzosen und Italiener dürften aber auch die Deutschen versuchen, mit den Kidnappern Kontakt aufzunehmen und dabei auch manchen "unsichtbaren Draht" nutzen.

Allerdings gibt es seit dem Geiseldrama von Mogadischu 1977 eine von SPD-Kanzler Helmuts Schmidt festgelegte "rote Linie", die auch die jetzige Bundesregierung nicht überschreiten wird: Verhandeln Ja, aber sich keinesfalls politisch erpressen lassen, lautet seitdem die Staatsraison in solchen Krisenlagen. Auf dem Höhepunkt des Terrorismus in Deutschland hatte damals ein arabisches Terrorkommando eine Lufthansa-Maschine auf dem Flug nach Mallorca gekapert und nach langem Irrflug in der somalischen Hauptstadt zur Landung gezwungen. Erst ein Einsatz der Anti-Terrortruppe GSG 9 beendete damals die über 100 Stunden dauernde Entführung. (dpa)

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