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Asien

Verhaftungen bei Chinas Staatsfernsehen

Chinas Medien sind nicht nur durch Zensur unter Druck. Die Verhaftung eines Starmoderators beim Staatssender CCTV wirft ein Schlaglicht auf die Korruption in den Medien.

Zu den am heißesten diskutierten Themen in Chinas sozialen Netzwerken gehörte am Wochenende (12.07.2014) die Nachricht von der Verhaftung des populären Moderators Rui Chenggang (Artikelbild). Aus dem Studio heraus war Rui am Freitag (11.7.) verhaftet worden. Als die normalerweise von ihm ko-moderierte Sendung "Wirtschaftsnachrichten" über die Bildschirme flimmerte, war sein Platz am Mikro leer. Neben Rui wurden weitere leitende Mitarbeiter des Wirtschafts– und Finanzkanals des landesweit ausstrahlenden Senders CCTV verhaftet.

Eine offizielle Begründung dafür gab es nicht. Um so mehr blühten die Spekulationen. Und die rankten sich vor allem um mögliche Verbindungen Ruis zum früheren Direktor des CCTV-Wirtschaftskanals, Gui Zhenxi. Der ist bereits seit Ende Mai in Haft. Der Vorwurf gegenüber Guo: Korruption und Erpressung. Im Juni beschrieb das investigative chinesische Magazin "Caixin" in einem Artikel basierend auf mehreren anonymen Quellen innerhalb des Senders, auf welche Weise sich Guo und andere leitende Mitarbeiter von CCTV bereichert haben sollen.

Unter anderem produzierte Guos Wirtschaftskanal eine Verbrauchersendung. Darin wurden Fälle von schlechter Qualität oder Service bei verschiedenen Firmen angeprangert. Es wurde aber auch Preise für die "zehn erfolgreichsten Geschäftsmänner des Jahres" verliehen.

Bestechungsgeld kontra Verbraucherschutz

Screenshot Baidu.com

Der Suchmaschinenbetreiber Baidu erlitt nach negativen TV-Berichten massive Verluste

Diese Programme hatten unter Guo eine enorme Reichweite erzielt. Eine Erwähnung in der Sendung konnte sehr konkrete Konsequenzen für betroffene Firmen haben - sowohl positive als auch negative. Ein prominentes Beispiel ist der Umgang mit der chinesischen Suchmaschine Baidu: Guos Kanal hatte Baidu im Jahr 2011 mehrfach heftig attackiert. Kurz darauf trennten sich viele Investoren von ihren Baidu-Aktien.

"Caixin" zufolge hatte Guo ein regelrechtes Schutzgeldsystem aufgebaut. Wenn Unternehmen über eigens gegründete Briefkastenfirmen an Guo zahlten, wurden sie in der Verbrauchersendung nicht negativ dargestellt. Bisher unbestätigten Berichten zufolge soll Guo mit dieser Methode umgerechnet rund 120 Millionen Euro eingetrieben haben.

Korruption im Journalismus wird in chinesischen Medien immer wieder diskutiert. In der Regel geht es um Einzelfälle. Doch welche Fälle verfolgt werden, sei eine größtenteils politische Entscheidung, meint der australische Politikwissenschaftler Jonathan Hassid im Gespräch mit der Deutschen Welle: "Guo war über mehrere Ecken mit dem in Ungnade gefallenen Spitzenpolitiker Zhou Yongkang bekannt, gegen den ebenfalls wegen Korruption ermittelt wird. Das wäre ein möglicher Grund."

"Rote Umschläge" für Journalisten

Kumpel bei Grubenunglück in China

Manchmal wird für Geld extra nicht berichtet, etwa von Grubenunglücken

Dabei ist Korruption in den chinesischen Medien – zumindest nach westlicher Definition – weit verbreitet. So ist es in China beispielsweise gängige Praxis, dass auf Pressekonferenzen rote Umschläge mit Geld an anwesende Journalisten verteilt werden. Westliche Firmen bilden da keine Ausnahme. Es gab bereits Fälle von Betrügern, die sich mit gefälschten Presseausweisen Zugang zu Pressekonferenzen verschafft hatten, um auch in den Genuss dieser Umschläge zu kommen. Bekannt ist auch, dass nach Bergwerksunglücken Journalisten zu der betroffenen Mine reisen, um gerade nicht zu berichten - gegen Zahlung von Bestechungsgeld durch die Eigentümer.

Eine mögliche Wurzel des Problems sind die niedrigen Journalistengehälter: "Grundsätzlich bekommen viele Journalisten nur ein sehr niedriges Grundgehalt. Darüber hinaus gibt es dann ein Bonussystem, das auf der Anzahl gedruckter Artikel basiert", erklärt Politikwissenschaftler Hassid.

Redaktionen leben von Sponsorengeldern

In China ist die Grenze zwischen seriöser Berichterstattung und PR-Artikeln fließend : "Die Redaktionen sind oft so konstruiert, dass sie von Sponsorengeldern leben," erklärt der in Deutschland lebende Journalist Shi Ming. "Da wird ein Thema ausführlich behandelt, auf drei Seiten gut geschrieben – aber von wem werden die Redaktionen bezahlt? Das ist immer die Frage."

Wer über das nötige Kapital verfügt, kann sich Einfluss auf die Medien-Agenda kaufen. Das kann zum Beispiel ein Staatskonzern sein, der die steigenden Energiepreise in einem besseren Licht präsentiert sehen will. "Selbst, wenn sich viele Journalisten der 'normalen' Korruption verweigern – entziehen können sie sich einer systematischen Korruption nur, wenn das System reformiert wird", meint Shi Ming. Aus seiner Sicht wäre der wichtigste Schritt eine Reform hin zu mehr Transparenz – die Leser müssten wissen, von wem die Autoren bezahlt werden.

Mangel an Berufsstolz

CCTV Gebäude in Peking (Foto: Iwan Baan/Buro OS)

Glitzernde Fassade - Sendezentrum des Chinesischen Staatsfernsehens in Peking

Ob sich in dem eingespielten System allerdings ein derartiger Wandel vollziehen wird, ist fraglich. Denn beeinflusst wird die Berichterstattung ja ohnehin durch die Regierung. Die Vorgaben der Propagandaabteilung der Kommunistischen Partei regeln oft bis ins Detail, welches Thema auf welche Weise behandelt werden soll. Ob ein Thema gänzlich ignoriert werden soll, ob ausschließlich auf die Berichte der Nachrichtenagentur Xinhua zurück gegriffen werden darf – all das wird durch einen steten Strom von Anweisungen aus den zentralen oder regionalen Propagandaabteilungen geregelt. "Durch den permanenten Einfluss der Zensur haben viele Journalisten in China keinen wirklichen Berufsstolz", erklärt der Journalist Chang Ping. Inzwischen lebt Chang im Exil. Zuvor hat er 20 Jahre als Redakteur in China gearbeitet, lange in leitender Funktion. "Viele sagen sich dann: Ich kann sowieso nicht wie ein guter Journalist arbeiten. Wenn ich jetzt noch etwas Geld nehme, ändert das auch nicht mehr viel."

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