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Welt

"Verhaftung von Aslı Erdoğan gehört zu Säuberungsaktionen"

Der deutsch-türkische Filmemacher Osman Okkan spricht im DW-Interview über das Schicksal der in der Türkei festgenommenen Schriftstellerin Aslı Erdoğan. Ihr Gesundheitszustand sei besorgniserregend.

DW: Herr Okkan, für Ihre Filmreihe "Menschenlandschaften" haben Sie mit Ihrer Dokumentation "Grenzgängerin zwischen Himmel und Tod" nicht nur Aslı Erdoğans literarische Arbeit, sondern auch ihr Engagement gegen die Unterdrückung von Minderheiten und für soziale Gerechtigkeit beleuchtet. Welchen Stellenwert hat Aslı Erdoğan in der türkischen Literaturszene?

Osman Okkan: Ich denke, sie gehört zu Recht zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen ihrer Generation. Wir haben das öfter festgestellt, sowohl in der Türkei als auch in Europa, unter ihrer Leserschaft und Hörerschaft bei den vielen Lesungen, die wir mit ihr gemeinsam erlebt haben, dass sie wirklich eine sehr große Anziehungskraft vor allem auf die Jugendlichen hat. Durch ihre sehr zurückhaltende, bescheidene, sozusagen friedensausstrahlende Haltung ist sie ein Vorbild geworden. Sie legte nicht zu viel Wert auf spektakuläre Aktionen, sondern engagierte sich still aber sehr nachhaltig für Frieden. Deshalb ist sie sehr beliebt, vor allem unter den jugendlichen Lesern und Hörern.

Es heißt, nicht einmal ihre Angehörigen hätten Kontakt zu ihr. Was ist der aktuelle Stand?

Der Regisseur Osman Okkan auf einer Veranstaltung in Köln (Foto: DW)

Der Regisseur Osman Okkan auf einer Veranstaltung in Köln

Es ist ein schwieriger Prozess, über den ich auch nicht viel sagen darf und möchte, um die laufenden Bemühungen nicht zu gefährden. Aber wir wissen, dass sie am Donnerstag ins Krankenhaus gebracht worden ist, dass sie nach einer längeren Untersuchung jetzt wieder zurückgebracht wurde zu dem Ort, wo sie noch in Polizeigewahrsam ist, und dass die Anwälte erst am Freitag zu ihr Kontakt haben werden.

Wie ist diese Verhaftung im aktuellen Geschehen in der Türkei einzuordnen?

Sie gehört leider zu den "Säuberungsaktionen", wie sie auch von der Regierung und vom Präsidenten Erdoğan genannt werden, dass man eben nicht nur die Armee, nicht nur den Justiz- und Polizeiapparat, sondern die gesamte Gesellschaft offenbar nicht nur von den sogenannten Gülen-Anhängern, von der Gülen-Bewegung zu "säubern" versucht, sondern alle oppositionellen Kräfte auszuschalten versucht. Aslı Erdoğan gehörte ja zum Beirat der einzigen Zeitung, die auch die Problematik der kurdischen Bevölkerung zur Sprache brachte, "Özgür Gündem" (Anm. d. Red.: Die Zeitung wurde am Dienstag auf gerichtliche Anordnung hin geschlossen.) Und sie hat in letzter Zeit dort auch Kolumnen veröffentlicht, und im Zuge dieser Aktion gegen die Redaktionsmitglieder dieser Zeitung wurde sie inhaftiert, genauso zunächst wie der Verleger Ragıp Zarakolu. Zarakolu ist dann freigelassen worden. Aber Aslı Erdoğan ist - trotz ihrer wirklich lebensgefährlichen gesundheitlichen Situation - mit zum Polizeigewahrsam genommen worden und man wartet auf den Freitag, wo die Rechtsanwälte zum ersten Mal zu ihr Kontakt haben dürfen. Und falls die Staatsanwaltschaft dann auf einer Anklage besteht, ist damit zu rechnen, dass sie inhaftiert wird.

Aslı Erdoğan ist eine vielfach international ausgezeichnete türkische Schriftstellerin. Bereits 1997 hat sie den Deutsche-Welle-Literaturpreis gewonnen - für die Kurzgeschichte "Holzvögel". Der deutsch-türkische Journalist und Filmemacher Osman Okkan hatte über die in Istanbul verhaftete Autorin eine Dokumentation gedreht.

Das Gespräch führte Aydın Üstünel.

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