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Politik

Vergiftet? Na und?

Manche Kommentatoren in Russland wundern sich über die Reaktionen, die der Fall Litwinenko in Europa auslöst. Denn in Russland haben sich die Bürger längst an Gewalt gewöhnt.

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Der mysteriöse Tod Litwinenkos ist in den russischen Nachrichten immer noch ganz weit vorne. Also ein wichtiges Thema. Doch einige Kommentatoren gehen von den reinen Fakten weg und äußern Verwunderung darüber, welche Wellen die Vergiftung des ehemaligen FSB-Agenten im Westen schlägt. Es sei ja nicht ganz Europa, sondern nur ein Mensch radioaktiv vergiftet worden.

Gewöhnung an Gewalt

Diese Reaktion mancher russischer Kommentatoren ist nachvollziehbar, wenn man sich die jüngste russische Geschichte genauer ansieht. Die meisten Russen sind keine abgebrühten Zyniker, haben sich aber an die Gewalt in ihrer Umgebung gewöhnt.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion herrschten Anfang der 1990er-Jahre chaotische Zustände im Land. Die Zeit war geprägt von verbissenen Mafia-Machtkämpfen, Schiessereien auf offener Strasse und Gesetzlosigkeit. Die Zeitungen, Fernsehen und Radio berichten regelmäßig über Auftragsmorde. Mal wird ein Politiker, mal ein Geschäftsmann am helllichten Tage erschossen.

Lachen über Bedrohungen

Auch einfache Russen bekamen die wilden 90er hautnah zu spüren. Eine Moskauerin erzählt mir kürzlich fast lachend, wie ihr damals ein Mann auf der Straße plötzlich eine Pistole ins Gesicht gehalten hat. Sie hatte ihn aus Versehen beim Vorbeifahren mit Wasser voll gespritzt. Die Menschen müssen wohl aus Selbstschutz über solche Vorfälle lachen, um nicht verrückt zu werden.

Zu den Bandenkriegen kam 1994 der Krieg in Tschetschenien hinzu. Und wieder ist die Gewalt allgegenwärtig. Der Krieg dauert übrigens immer noch an. Auch wenn in abgeschwächter Form. Und damit nicht genug: Seit 1995 kommt es im Kaukasus und im Herzen Russlands, der Hauptstadt Moskau, immer wieder zu Terroranschlägen. Der traurige Höhepunkt ist Beslan im Spätsommer 2004. Bei diesem rauen Klima verwundert es nicht, dass manche Kommentatoren Europas Sorge in Sachen Giftanschlag auf Litwinenko nicht so ganz verstehen wollen.

Viele Russen haben den Eindruck, dass es momentan bloß eine erneute Welle der Gewalt gibt, nichts Außergewöhnliches also. Eine Sichtweise, die uns West-Europäern im Jahre 2006 vollkommen fremd ist.