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Nahost

Vergewaltigung ist im Irak ein Tabuthema

Wenn eine irakische Frau zugibt, vergewaltigt worden zu sein, riskiert sie viel. Trotzdem haben in dieser Woche zwei irakische Frauen über ihre Vergewaltigung gesprochen und das sogar vor laufenden Fernsehkameras.

Sabrine Al-Dschanabi beim Fernsehinterview

Sabrine Al-Dschanabi beim Fernsehinterview

Vergewaltigungsopfer werden im Irak von der Gesellschaft und oft von der eigenen Familie stigmatisiert. "Die Frauen müssen befürchten, ein zweites Mal Opfer zu werden", sagt Ruth Jüttner, Nahost-Referentin von Amnesty International. "Sie werden betrachtet als jemand, der Schande über die Familie gebracht hat." Dass sie das eigentliche Opfer sind, spiele dabei keine große Rolle mehr.

Die Familienehre wird dann nicht selten dadurch wiederhergestellt, dass das Opfer aus dem Familienkreis verstoßen wird. In extremen Fällen kommt es sogar zu so genannten Ehrenmorden an der Schwester, Schwägerin, Tochter oder Kusine.

Polizisten und Soldaten

Trotz ihrer Angst vor der Rache der Täter und der eigenen Familie haben in dieser Woche zwei irakische Frauen ihr erlittenes Verbrechen öffentlich gemacht. Sabrine Al-Dschanabi, eine 20-Jährige, verheiratete Irakerin aus Bagdad und eine weitere Frau aus dem Nordirak, ebenfalls verheiratet und Mutter von elf Kindern, erzählten Reportern des Fernsehsenders Al-Dschasira vor laufender Kamera, sie seien von irakischen Sicherheitskräften vergewaltigt worden.

Beide Frauen waren während ihres Fernsehauftritts komplett verschleiert. Sabrine Al-Dschanabi sei von drei irakischen Polizisten in ihrem Haus festgenommen und anschließend in einem Polizeigefängnis missbraucht worden, bei der Frau aus dem Nordirak waren es vier Soldaten der irakischen Armee, die in ihr Haus eindrangen und sie nacheinander vergewaltigten.

Zur Lüge genötigt

Die große Mehrheit der irakischen Polizisten und Soldaten kommen aus der Volksgruppe der Schiiten. Schiitische Politiker und auch der irakische Premierminister Nuri Al-Maliki, ebenfalls ein Schiit, behaupteten, der Fall der Sabrine Al-Dschanabi sei konstruiert. Sunnitische Terrorgruppen hätten die Frau lediglich vorgeschickt, ja sie zur Lüge genötigt, um einen Grund für Racheakte gegen die Schiiten zu haben.

Nach Kenntnisstand von Amnesty International kommen sexuelle Übergriffe auf inhaftierte Frauen im Irak vor. "Wir haben Berichte von Frauen bekommen, die in Haft damit bedroht worden sind, vergewaltigt zu werden", erzählt Ruth Jüttner. "Wir gehen auch davon aus, dass es tatsächlich zu Vergewaltigungen kommt." Allerdings werde nicht darüber gesprochen und die Täter gingen in fast allen Fällen straffrei aus.

Unmoralischer Akt

Premierminister Nuri Al-Maliki

Premierminister Nuri Al-Maliki

Premierminister Al-Maliki ging sogar soweit, die von Sabrine Al-Dschanabi beschuldigten Polizisten nach einer nur dreistündigen Untersuchung von jedem Verdacht freizusprechen. Vielmehr sollten sie für das durch die falschen Vorwürfe erlittene Leid entschädigt werden.

Im Fall der 11-fachen Mutter dagegen, wurden am Donnerstag (22.2.) vier irakische Soldaten festgenommen und wegen gemeinschaftlicher Vergewaltigung angeklagt. Ein fünfter Soldat berichtete, er habe vergeblich versucht seine Kameraden mit vorgehaltener Waffe von diesem 'unmoralischen Akt' abzuhalten. Bei Sabrine Al-Dschanabi steht weiterhin Aussage gegen Aussage. Einen medizinischen Beweis für die Vergewaltigung gibt noch nicht. Den zu bekommen wäre ohnehin sehr schwer. Denn von irakischen Gerichten anerkannte medizinische Untersuchungen, die ein Sexualverbrechen belegen könnten, werden im Institut für forensische Medizin in Bagdad nur auf ausdrückliche Anordnung der Polizei durchgeführt.

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