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Nahost

Vergessener Bürgerkrieg im Nordjemen

Im Nordjemen bekriegen sich Regierungstruppen und schiitische Rebellen. Nach jahrelangen Kämpfen hat die Armee ihre Offensiven verstärkt. Bei Luftangriffen auf ein Flüchtlingslager sollen 87 Menschen getötet worden sein.

Angriffe Nordjemen (Foto: AP)

Bereits im August soll es zu Angriffen auf den Nordjemen gekommen sein

Freitagsgebet in der Altstadt von Sanaa. Einträchtig verneigen sich Sunniten und Schiiten gen Mekka, nur die Haltung ihrer Arme unterscheidet sie: die Sunniten verschränken sie vor der Brust, die Schiiten, die hier in der Minderheit sind, lassen sie seitlich am Körper hängen. Nirgendwo in der Welt sind sich die beiden Konfessionen näher. Die meisten Schiiten hier sind Zaiditen, Anhänger einer Gruppierung, die es nur noch im Jemen gibt. Mit den gemäßigten Sunniten haben sie mehr gemein als etwa mit den Schiiten im Iran.

Freitagsgebet in Sanaa, Jemen (Foto: DW / Heymach)

Freitagsgebet in Sanaa - Schiiten und Sunniten beten gemeinsam

Doch ein paar Autostunden weiter nördlich ist es mit der friedlichen Eintracht vorbei. In der Gebirgsprovinz Saada, nahe der der saudischen Grenze, herrscht seit fünf Jahren Bürgerkrieg, der nur von kurzen Waffenruhen unterbrochen wird. Anhänger der zaiditischen Gelehrtenfamilie al-Huthi begehren gegen die Zentralmacht in Sanaa auf, Regierungstruppen kämpfen – unterstützt von radikalen Wahhabiten aus Saudi-Arabien – gegen die Huthi-Rebellen. Tausende Menschen sind den Kämpfen schon zum Opfer gefallen. Doch Tote und Flüchtlinge werden nicht gezählt, die Regierung hat eine Nachrichtensperre verhängt. Für Journalisten und die meisten Helfer ist der Norden des Landes tabu.

Keine genauen Informationen

Nur im Internet sind Bilder aus dem Kampfgebiet zu sehen. Die Videos von Augenzeugen stehen auf You Tube, es sind Dokumente des Grauens. Verkohlte Kinderleichen, zerbombte Wohnhäuser. Ein Anwohner schildert auf einem verwackelten Video einen Luftangriff auf Suq al-Talh in dieser Woche, einen Marktflecken im Norden von Saada. Er berichtet von getöteten Zivilisten, Frauen und Kindern.

Nachprüfbar sind diese Informationen nicht. Genauso wenig wie die Behauptungen der Regierung, die schiitischen Rebellen würden aus dem Iran unterstützt, von der Hisbollah und von dem radikalen Schiitenführer Muqtada al-Sadr im Irak. Die Aufständischen

Staatschef Ali Abdallah Saleh (Foto: AP)

Staatschef Ali Abdallah Saleh

wollten einen Gottesstaat errichten, verbreitet die Regierung, ein Imamat, so wie jenes, das die Zaiditen bis zur Revolution 1962 in Sanaa führten. Dagegen beteuern die Huthis, sie wehrten sich nur gegen die Unterdrückung durch fundamentalistische Sunniten aus Saudi-Arabien. "Hinter der Huthi-Krise stehen überregionale Interessen", sagt der Reformpolitiker Nabil Bascha, ein Mitglied des regierenden Volkskongresses. Er spricht von einem Stellvertreterkrieg in der Provinz Saada – Iran gegen Saudi-Arabien: "Der Wettstreit um Einfluss in der Gegend hat zugenommen." Die jemenitische Regierung habe sich bemüht, die Provinz zu befrieden. "Wir brauchen unsere Ressourcen für die Entwicklung des Landes", sagt Bascha. "Jeden einzelnen Cent. Die Regionalmächte sollen ihre Konflikte außerhalb unseres Landes lösen."

Konflikte auf mehreren Ebenen

Der Kampf um Saada ist nicht der einzige Konflikt im Jemen, dem mit Abstand ärmsten Land auf der arabischen Halbinsel. Die Regierung in Sanaa kämpft an mehreren Fronten. Im ehemals sozialistischen Süden mehren sich die Forderungen nach einer Abspaltung, islamistischer Terror hält die Sicherheitskräfte in Atem, Korruption und Bevölkerungswachstum lähmen jede Entwicklung.

Die Huthis seien nur ein Beispiel für die Probleme des Landes, sagt der Politikwissenschaftler Abdallah al-Faqih von der Universität in Sanaa. "Es illustriert, wie die Regierung am Ende aufgeben muss. Denn die Rebellen kontrollieren ja bereits die Provinz Saada. Und die Regierung kann nichts gegen sie machen." Auch im Süden bröckele ihre Macht, sagt Faqih. "Wenn die Huthis, die Sezessionisten im Süden und die Opposition eine Allianz schmieden, dann wird das Leben dieses Regimes kürzer und kürzer."

Vielleicht ist das ein Grund, warum die Regierung mitten im Fastenmonat Ramadan eine neue Offensive gegen die Aufständischen gestartet hat und verstärkt massive Luftangriffe fliegen lässt. Staatschef Ali Abdallah Saleh amtiert seit drei Jahrzehnten in Sanaa. Will er weiter regieren und schließlich die Macht an seinen Sohn übergeben, dann kann er es sich nicht leisten, dass ihm die Kontrolle über weitere Landesteile entgleitet.

Autor: Klaus Heymach
Redaktion: Diana Hodali

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