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Sport

Vergessene Rekorde - späte Erinnerung

Das Schicksal von drei jüdischen Leichtathletinnen vor und während der Zeit der Nationalsozialisten zeigt die Ausstellung "Vergessene Rekorde" in Berlin, die zum offiziellen Kulturprogramm der Leichtatheltik-WM gehört.

Ausstellungsplakat-'Vergessene Rekorde' (Bild: Sarah Faupel)

Ausstellungsplakat "Vergessene Rekorde"

Heute sind eine Straße, eine Werferhalle und ein Straßenfest in Berlin nach ihr benannt: Lili Henoch. Doch es hat lange gedauert, bis eine der erfolgreichsten deutschen Leichtathletinnen öffentlich gewürdigt wurde. Die zehnfache deutsche Meisterin im Kugelstoßen, Diskuswerfen, Weitsprung und der Staffel ist von den Nationalsozialisten gedemütigt, von den Olympischen Spielen 1936 in der Heimat ausgeschlossen und 1942 deportiert und ermordet worden. Weil sie Jüdin war.

Leichtathletin Lili Henoch (r.) (Bild: Sarah Faupel)

Leichtathletin Lili Henoch (r.)

Ihre beiden Leichtathleten-Kolleginnen Gretel Bergmann und Martha Jacob, die ebenfalls in der Ausstellung porträtiert werden, überlebten, da sie frühzeitig emigrierten. Doch auch sie wurden aus der deutschen Gesellschaft verbannt und um ihren Traum gebracht, an den Olympischen Spielen in Berlin teilzunehmen. Obwohl Speerwerferin Martha Jacobs und Hochspringerin Gretel Bergmann aussichtsreiche Medaillenanwärter waren.

Die Ausstellung "Vergessene Rekorde" erinnert an das Schicksal der drei jüdischen Leichathletinnen. "Anhand von Texten, Fotos und Dokumenten wird gezeigt, wie integriert die jüdischen Staatsbürger und damit auch Sportler in der deutschen Gesellschaft während der 20er Jahre gewesen sind", erklärt Jutta Braun, Professorin für Sportgeschichte an der Universität Potsdam und Mitinitiatorin. "Und wie sie dann von den Nationalsozialisten und auch den einfachen Bürgern diskriminiert, gedemütigt und ausgegrenzt wurden."

Alibi-Jüdin

Leichtathletin Gretel Bergmann beim Hochsprung (Bild: Sarah Faupel )

Gretel Bergmann

So erinnerte sich später die Hochspringerin Gretel Bergmann, dass sie als 19-Jährige im April 1933 einen Brief bekommen habe. "Darin stand, ich sei im Verein nicht mehr erwünscht. Wenn wir auf der Straße Freunde trafen, dann taten sie so, also ob sie uns nicht kannten und grüßten uns nicht. Wir durften nicht mehr ins Restaurant, nicht mehr ins Kino, nicht mehr ins Freibad. Wir waren wie ausgestoßen. Wir waren einfach nicht mehr Teil der Gesellschaft."

Angesichts der alltäglichen Diskriminierungen protestierte das Ausland und drohte mit einem Boykott der Olympischen Spiele in Berlin. Doch das wollten die Nationalsozialisten auf jeden Fall verhindern und nominierten eine so genannte Alibi-Jüdin. "Weil sie eine herausragende Hochspringerin ihrer Zeit war und kurz zuvor deutschen Rekord gesprungen war, nominierten sie Gretel Bergmann", so Jutta Braun. Doch wenige Tage vor Beginn der Spiele wurde sie wieder ausgeladen. "Mit zynischen und knappen Worten wurde ihr in einem Brief mitgeteilt, dass sie aus dem Kader ausdelegiert sei, weil ihre Leistungen nicht genügend seien - was natürlich unsinnig war."

Perfides Spiel

Ausstellungsinitiatorin Jutta Braun (Foto: Sarah Faupel)

Ausstellungsinitiatorin Jutta Braun

Dieser Brief sowie eine Original-Hochsprunganlage aus der damaligen Zeit sind in der Ausstellung zu sehen. Ebenso wie eine Fechtmaske. Anstelle von Gretel Bergmann wurde kurzfristig die Fechterin Helene Mayer als Alibi-Jüdin ins deutsche Team geholt. Die Deutsche war zuvor in die USA ausgewandert und galt nur als Halb-Jüdin. "Für die Nationalsozialisten das kleinere Übel, wenn man das so ausdrücken darf. Und die Rechnung ging auf: Der Betrug an Bergmann blieb ohne Folgen." Die Propaganda-Spiele unter dem Hakenkreuz fanden statt.

Viele der Sportfunktionäre, die während der Zeit der Nationalsozialisten wichtige Ämter bekleideten, behielten diese auch nach dem Zweiten Weltkrieg. "Diese Tatsache sowie das Desinteresse und Unwissen der Bürger verhinderten jahrzehntelang eine Aufarbeitung", sagt Jutta Braun. 1995 wurde in Berlin die Gretel-Bergmann-Sporthalle eröffnet. Seit sechs Jahren feiert der BSC Berlin das Lilli-Henoch-Frauensportfest. Und seit 2006 erinnert auch SCC Charlottenburg mit einer Gedenktafel an Martha Jacob und weitere jüdische Vereinsmitglieder.


Autor: Sarah Faupel

Redaktion: Wolfgang van Kann

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