1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Vergessene Opfer

In Peru wurden während der Amtszeit von Ex-Präsident Fujimori hunderttausende Menschen zwangssterilisiert. Wenig bekannt sind die Hintergründe. Und: Es sieht so aus, als könnte sich bald niemand mehr daran erinnern.

default

Was ist ihr Schicksal?

Bereits im Jahr 2002 warf der peruanische Kongress dem Ex-Präsidenten Alberto Fujimori und drei früheren Gesundheitsministern Völkermord vor. Grundlage dieser Anklage ist der Bericht, den eine Kommission des damaligen Gesundheitsministeriums erarbeitet hatte.

Heute jedoch, so kritisieren Menschenrechts- und Frauenrechtsorganisationen, habe man diese Menschen fast völlig vergessen. Die peruanische Regierung versuche das Ganze herunterzuspielen und zu vertuschen. Von offizieller Seite heißt es, es seien "nur 200 bis 300 Fälle" bekannt.

Über 300.000 Fälle

Dabei sollen nach aktuellen Erkenntnissen von Menschenrechtsorganisationen über 330.000 Frauen und über 25.000 Männer zwangssterilisiert worden sein. Konkret wurde der Fujimori-Regierung vorgehalten, die Zwangssterilisierung von größtenteils mittellosen Indígena-Frauen, also indianischstämmigen Frauen, zwischen 1996 und 2000 planmäßig durchgeführt zu haben.

Nur rund zehn Prozent der sterilisierten Frauen und Männer hätten letztendlich dem Eingriff zugestimmt, nachdem ihnen Lebensmittel, Geld oder Medikamente versprochen wurden. Mit Tricks seien die Frauen dazu gebracht worden, sich einer Operation zur Abklemmung der Eileiter zu unterziehen. Bei der so genannten Freiwilligen Chirurgischen Empfängnisverhütung (AQV) sollen mehrere von ihnen an dem Eingriff oder seinen Folgen gestorben sein.

Mit Drohungen vorgegangen

Bei der chirurgischen Sterilisationen sei es, nach Erkenntnissen von Menschenrechtsorganisationen, nicht um Vorsorge oder die Eindämmung von Epidemien gegangen, wie es von offizieller Seite geheißen hatte, sondern um die Verringerung der Geburtenrate unter den Armen in Peru. Besonders infam sei die Drohung gewesen, bei Verweigerung der Sterilisation würden die betreffenden Frauen in den staatlichen Gesundheitszentren nicht mehr behandelt werden.

Außerdem wurden so genannte "Sterilisationsfestivals" (Festivales de ligaduras) durchgeführt, die dazu dienten, Personen für die Sterilisationen zu werben. Sie wurden seit 1996 vom peruanischen Gesundheitsministerium organisiert.

Bereits vor Jahren Kritik

Erstmals kritisiert wurde dieses Vorgehen 1998. Etwa in einer Initiative des latein-amerikanischen und karibischen Komitees zur Verteidigung der Rechte der Frauen (CLADEM) und des peruanischen Frauenzentrums "Flora Tristán“. Paradoxerweise sind dies zwei Organisationen radikaler Feministinnen, die für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und von Sterilisationen eintreten – jedoch nur, wenn diese auf freiwilliger Basis stattfinden und nicht unter Zwang, wie dies im Rahmen des erwähnten Programms praktiziert wurde.

Was die Finanzierung des Programms betrifft, so wurde laut der Kommissions-Studie ein Abkommen zwischen der peruanischen Regierung und der US-amerikanischen Entwicklungshilfeorganisation USAID unterzeichnet, in dem die Kosten auf sechzig Millionen Dollar beziffert wurden und jeweils zur Hälfte von USAID und der peruanischen Regierung getragen werden sollten. Weiter, so die Studie, stammten von den dreißig Millionen, die Peru einzubringen hatte, 22 Millionen von der amerikanischen Regierung.

US-Hilfsorganisation gab auch Gelder

Diese Mittel gelangten indirekt nach Peru: über verschiedene peruanische Nichtregierungsorganisationen wie die Bewegung "Movimiento Manuela Ramos“. Als der Kongress in Washington sich der schweren Menschenrechtsverstöße, die in Peru begangen wurden, bewusst wurde, setzte er 1998 eine Untersuchungskommission ein. Diese übte schließlich auf USAID Druck aus. Die Zahlung der Mittel an Peru wurde eingestellt.

Mittlerweile sind auch Fälle von staatlich verordneten Zwangssterilisationen an Indígenas in Mexiko bekannt geworden. Das mexikanische Gesundheitsministerium sicherte zu, dass es die etwa 200 von Indígena-Frauen zur Anzeige gebrachten Fälle untersuchen werde.