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Deutschland

Vergessene Opfer, verzögertes Denkmal

Zwanzig Jahre nach dem Beschluss ist das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma eine Baustelle. Immer wieder verzögerte Streit den Bau. Jetzt soll es einen neuen Einweihungstermin geben.

Blick auf die Baustelle des geplanten Denkmals für die in der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma gegenüber vom Reichstag in Berlin, aufgenommen am Montag (02.01.2012)

Vor dem Reichstag entsteht das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma

Laub liegt im Wasser, Steinplatten liegen in kleinen Stapeln neben dem Becken, ein Bretterverschlag verbirgt die geplanten Dokumentationstafeln. Das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma ist eine Baustelle. Wenn es fertig ist, wird in der Mitte des schwarzen runden Beckens eine dreieckige Stele mit einer Blume liegen. Immer wenn die Blume verwelkt ist, soll sich die Stele senken und mit einer frischen Blume wieder auftauchen. So sieht es der Entwurf des israelischen Künstlers Dani Karavan vor. Das Becken ist bereits vorhanden, in der Mitte klafft noch ein Loch. Dabei sind zwanzig Jahre vergangen, seit der Bau des Denkmals zum ersten Mal beschlossen wurde.

Streit um Bezeichnung

Demonstration gegen Antiziganismus im Januar 1983 vor dem Bundeskriminalamt aufgenommen. Demonstration von über 250 Sinti und Roma gegen die polizeiliche Sondererfassung vor dem Bundeskriminalamt im Januar 1983 Quelle: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma zur Veröffentlichung , die den Kampf des Zentralrats der Sinti und Roma gegen die Ausgrenzung und Verfolgung der Minderheit dokumentieren.

Sinti und Roma demonstrieren Anfang der Achtziger Jahre gegen Diskriminierung

Am 24. April 1992 entschied die Bundesregierung, zugleich mit dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas ein Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma zu errichten. Als Ort wurde später der Tiergarten zwischen Brandenburger Tor und Reichstag ausgewählt. Allerdings dauerte es dann noch bis 2005, bis der Bund und die Stadt Berlin eine Vereinbarung über den Bau schließen konnten und weitere zwei Jahre, bis mit dem Bau begonnen wurde.

Eine bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend unbekannte Gruppe namens Sinti-Allianz hatte gegen die geplante Inschrift des Denkmals protestiert, weil ihrer Ansicht nach in der Bezeichnung Sinti und Roma nicht alle Gruppen vertreten seien, die von den Nationalsozialisten als "Zigeuner" verfolgt wurden. Die Sinti-Allianz schlug vor, auch auf dem Denkmal von Zigeunern zu sprechen. Wertneutral verwendet sei das Wort nicht diskriminierend. Das lehnte der Zentralrat ab: Der Begriff spiegele den Sprachgebrauch der Nazis wider. In Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten der Begriff "Sinti und Roma" durchgesetzt. Die Sinti sind die am längsten ansässige Gruppe in Deutschland. Roma wird von den meisten Gruppen als Oberbegriff für die verschiedenen Völker anerkannt, die ursprünglich aus Indien eingewandert sind.

Mitglieder des Zentralrates der deutschen Sinti und Roma passieren das Tor zur KZ-Gedenkstaette Sachsenhausen in Oranienburg bei Berlin mit dem zynischen Spruch Arbeit macht frei auf ihrem Weg zu einer Gedenkfeier fuer die in den NS-Konzentrationslagern ermordeten Sinti und Roma, am Freitag, 15. Dezember 2006

Sinti und Roma gedenken im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen der Ermordeten

"Der Streit ist benutzt worden, um das Denkmal nicht weiterzubauen", glaubt Herbert Heuß, Sprecher des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma. "Ich denke, da hat auch der politische Wille gefehlt." Aufgrund der nationalsozialistischen Rassenpolitik wurden nach Schätzungen von Historikern 500.000 europäische Sinti und Roma ermordet, die genaue Zahl ist vor allem wegen fehlender Daten aus der ehemaligen Sowjetunion nur schwer zu ermitteln. Lange wurde dieses Verbrechen kaum wahrgenommen. Erst 1982 hat der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt die Verbrechen an den Sinti und Roma als Völkermord anerkannt. "Wir hoffen, dass das Denkmal dazu führt, dass der Völkermord an den Sinti und Roma auch in der politischen Bildung systematisch einbezogen wird", sagt Heuß.

Streit mit dem Künstler

Das Wasserbecken ist Kernstück des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma

Bis zuletzt hatte es Streit um die Bauausführung gegeben

Wenn alles wie geplant läuft, wird das Denkmal im Oktober dieses Jahres eröffnet. Die Zeit drängt, denn es gibt nicht mehr viele Überlebende. Mit einer offiziellen Bestätigung für den Termin hält sich das zuständige Amt des Kulturstaatsministers dennoch zurück. Immer wieder hatten nämlich heftige Auseinandersetzungen zwischen dem Künstler und der Berliner Bauverwaltung den Bau verzögert. Karavan warf der Behörde vor, die Arbeiten schlampig auszuführen. Erst nachdem sich das Bundesbauministerium im vergangenen Jahr als Vermittler eingeschaltet hatte, konnte der Bau fortgesetzt werden.

Der Streit um die Bezeichnung wurde schließlich gelöst, indem sich die Opfervertreter darauf einigten, weder "Zigeuner" noch "Sinti und Roma" in die Inschrift zu schreiben. Stattdessen wird es eine Wand mit einer ausführlichen Dokumentation der Vernichtungspolitik geben, die auf die verschiedenen Opfergruppen eingeht. Um den Brunnen herum sind auf deutsch und englisch die Worte des italienischen Roma-Dichters Santino Spinelli zu lesen: "Eingefallenes Gesicht/ erloschene Augen/ kalte Lippen/ Stille/ ein zerrissenes Herz/ ohne Atem/ ohne Worte/ keine Tränen".

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