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Kultur

Vergessene Gräber, vergessene Opfer

1941 überfiel die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. Es folgte eine brutale Besatzung und die systematische Ausrottung der jüdischen Bevölkerung. Ein Verbrechen, das in den jeweiligen Ländern weitgehend verdrängt wird.

Bakhiv, Ukraine: In solchen Waldstücken finden sich noch Massengräber aus der NS-Zeit. Bilder vom American Jewish Committee Berlin Fotograf: Mikhail Tyaglyy

"Der Holocaust begann nicht in Auschwitz", sagt der amerikanische Rabbiner Andrew Baker. "Er begann schon ehe die Gaskammern funktionierten mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Osteuropa." Soldaten, Einsatzgruppen, mobile Tötungskommandos, Kollaborateure fungierten dabei als willige Helfer. Sie erschossen die jüdischen Menschen da, wo sie gerade lebten und warfen sie in Massengräber. Tausende solcher Grabstätten gibt es in der Ukraine, in Polen, Belarus und Russland, in abgelegenen Waldgebieten, am Rande von Dörfern und Städten. Vernachlässigt, unbeachtet, ungepflegt legen sie ein stummes Zeugnis ab von einer weitgehend verdrängten Geschichte.

Spurensuche bei Kyslyn, Ukraine Bilder vom American Jewish Committee Berlin Fotograf: Christoph Villinger

Verborgene Gräber: Spurensuche bei Kyslyn in der Ukraine

Gegen das Vergessen

Lange Zeit hat sich niemand für diese Orte des Grauens interessiert. Bis der französische Pater Patrick Desbois und seine Mitstreiter von der Organisation "Yahad in Unum" kamen, sich auf Spurensuche machten, Bewohner und überlebende Augenzeugen befragten – und so mehr als tausend Massengräber identifizieren sowie ein Archiv anlegen konnten. Eine internationale Initiative will nun fünf dieser Orte in einem groß angelegten Modellprojekt vor der weiteren Verwahrlosung schützen, markieren und mit Gedenktafeln versehen. Mit dabei sind der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge, das American Jewish Committee (AJC), dem auch Andrew Baker angehört, die europäische Rabbinerkonferenz, sowie nichtstaatliche Organisationen aus Osteuropa. Das Auswärtige Amt stellt 300.000 Euro Zuschuss zur Verfügung.

Gedenken und Bildung

"Wir sind für diese Unterstützung aus Deutschland dankbar", sagt Eduard Dolinsky vom Jüdischen Komitee der Ukraine, wo eine halbe Million Juden dem Naziterror zum Opfer fiel. Junge Leute lernten heute in den Schulen nichts mehr über diesen Teil der Vergangenheit. "Bei uns gibt es die Tendenz, zu vergessen". In der Sowjetzeit sei der Mord an den Juden ausgeblendet worden, ergänzt Anatoly Podolsky vom Zentrum für Holocaust-Studien in Kiew. Seit sein Land unabhängig geworden sei, könnten zumindest Historiker diese Geschichte endlich erforschen – "aber die Regierung interessiert sich wenig dafür". Forschung, Dokumentation und ein würdiges Gedenken seien eine Riesenaufgabe, sagt Deidre Berger, AJC-Direktorin in Berlin. Genau so wichtig aber sei es heute, den jüngeren Generationen zu vermitteln, was passiert ist. "Sie sollen wissen, wie viel Leben vernichtet wurde, wie viele jüdische Gemeinden verschwunden sind".

Reste eines jüdischen Friedhofs in Rava Ruska/UkraineBilder vom American Jewish Committee Berlin Fotograf: Christoph Villinger

Nach den Massakern: Reste eines jüdischen Friedhofs in Rava Ruska, Ukraine

Offene Gräber

Eine Arbeitsgruppe hat sich im Dezember 2010 in der Ukraine ein Bild von der Situation gemacht. Programm-Manager Jan Fahlbusch berichtet von beklemmenden Entdeckungen im sandigen Gelände. "Dort, wo viele Erschießungen vorgekommen sind, hat man nach dem Krieg wieder Sand entnommen. Dabei sind diese Gräber geöffnet worden. An einer Stelle befinden sich Knochen unmittelbar an der Oberfläche. Da ist von der Bevölkerung gegraben worden, um Wertgegenstände zu finden." Dieses Phänomen habe es in der gesamten Region immer wieder gegeben. Die Initiative arbeitet eng mit lokalen Verwaltungen und Architekten zusammen. Was die Ausgestaltung der Gedenkorte betrifft betont Eduard Dolinsky vom Jüdischen Komitee: "Das ist die Hauptbedingung: vor allen anderen sollen die Juden, die dort noch leben, das letzte Wort haben, wie das aussehen soll."

Die Uhr tickt

Wenn dann die fünf Modellprojekte verwirklicht sind, sollen sie nicht nur als Beispiele für weitere Gedenkorte dienen, sondern in die Verantwortung der örtlichen Behörden übergehen. Rechtlich, so Jan Fahlbusch, würden die Massengräber bislang nicht als Friedhöfe angesehen. Sie seien deshalb nicht vor Bebauung und Veränderungen geschützt. Einen solchen Schutz aber müssten dann die lokalen Institutionen sicherstellen. Unterdessen geht die Suche nach Spuren und Augenzeugen weiter. Freilich - die Uhr tickt. Die überlebenden Zeitzeugen sind heute achtzig oder gar neunzig Jahre alt, die Recherchen sind ein Rennen gegen die Zeit, sagt William Mengebier von der französischen Organisation Yahad In Unum. Und dennoch: "2011 werden unsere Teams 15 Forschungsreisen unternehmen, auf kleinen Straßen in abgelegenen Dörfern der Ukraine, von Belarus, Russland und Polen an Türen klopfen und die älteren Leute fragen: Haben Sie hier während des Krieges gelebt?"

Autorin: Cornelia Rabitz
Redaktion: Petra Lambeck

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