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Europa

Vergessene Flüchtlinge in Bosnien

Der serbische Ex-General Ratko Mladic muss sich vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal verantworten. Momentan ist der Prozess ausgesetzt. Einige der von ihm vertriebenen Muslime leben immer noch in Flüchtlingscamps.

Ajsa Hukic zeigt die Fotos ihrer getöteten Söhnen aus Srebrenica. (Foto: DW/Mirsad Camdzic) 13.05.2012

Ajsa Hukic hat fünf Söhne im Krieg verloren

Ajsa Hukic hat sich daran gewöhnt, allein zu sein. Besucher verschlägt es nur selten nach Drafinci, eine kleine Siedlung im Nordosten Bosniens. Hier leben vor allem ältere Frauen – und sie haben sich diesen Ort nicht freiwillig ausgesucht. Ajsa Hukic und ihre Nachbarinnen sind Kriegsflüchtlinge, deren Männer und Söhne getötet wurden. Wenn doch jemand vorbeikommt, serviert die alte Dame traditionellen bosnischen Kaffee: schwarz und mit Zucker – das sei angeblich gut für das Herz.

Das Dorf Drafnici, neben Gracanica. (Foto: DW/Mirsad Camdzic)

Die Siedlung Drafnici wirkt idyllisch

Ajsa Hukic hat es geholfen: Trotz ihrer 73 Jahre ist sie immer in Bewegung. Ursprünglich kommt sie aus Sase, einem Dorf in der Nähe von Srebrenica. Dort lebte sie als alleinerziehende Mutter mit ihren fünf Söhnen und einer Tochter. Als 1992 die Armee der bosnischen Serben unter der Führung des Generals Ratko Mladic versuchte, den Osten Bosniens zu erobern und die dortige muslimische Bevölkerung zu vertreiben, stand der kleine Ort plötzlich an der Frontlinie. Alle fünf Söhne wurden innerhalb von zwei Monaten in den Kämpfen um Srebrenica getötet. "Es vergeht kein Tag und keine Nacht, ohne dass ich um meine Söhne weine. Sie waren so gut. Jetzt sind sie alle weg", erzählt Ajsa mit Tränen in den Augen.

Keine Gnade, keine Vergebung

Im Juli 1995 eroberten Mladics Soldaten Srebrenica und ermordeten etwa 8000 muslimische Männer und Jungen. Ajsa musste die Stadt verlassen. Zusammen mit ihrer Tocher Hajra und dem Enkelsohn Fuad kam sie in ein Flüchtlingscamp. Auch 17 Jahre später leben die beiden Frauen immer noch hier.

Hajra Golic mit ihrer Mutter Ajsa Hukic, Frauen aus Srebrenica. (Foto: DW/Mirsad Camdzic)

Hajra Golic lebt mit ihrer Mutter Ajsa Hukic zusammen im Dorf Drafnici

Inzwischen ist der Enkel erwachsen und ihre Tochte Hajra hat einen Job in der lokalen Bäckerei. Die Vergangenheit lässt sie trotzdem nicht los: "Ich werde meine Brüder nie vergessen. Ich werde nie vergessen, was passiert ist! Man hat mir meine Kindheit genommen. So habe ich es nie zu etwas gebracht", sagt die 40-Jährige.

Vergeben – das kann sie dem serbischen Ex-General Ratko Mladic nicht. Ihm die Rechte zuzusprechen, die er seinen Opfern verwehrt hat, davon hält Hajra nichts. "Das Haager Tribunal sollte ihm nicht erlauben, einen Rechtsanwalt zu haben, er soll die höchste Strafe bekommen. Und das soll öffentlich sein, so dass alle es wissen, und damit das Ganze zu Ende geht", fordert sie.

Die Flüchtlinge interessieren kaum jemanden

Das Leben im Flüchtlingscamp ist ein dauerhaftes Provisorium. Die Siedlung hat keine asphaltierten Straßen und kein fließendes Wasser. Doch die beiden Frauen denken nicht an eine Rückkehr nach Srebrenica: "Es gibt nichts, zu dem man zurückkehren kann", sagt die 73-Jährige Ajsa und fügt verbittert hinzu: "Ich bin nicht mehr so dumm, um da wieder hin zu gehen, wo die Serben sind. Lieber springe ich sofort in den Fluss!" Ihre Tochter bestätigt die Worte der Mutter mit einem Nicken.

Arbeit gibt es im Flüchtlingscamp nicht – und damit auch kaum Perspektiven. In einem Land, in dem die offizielle Arbeitslosenquote bei 43 Prozent liegt, haben die Menschen genug eigene Sorgen. Das Schicksal der Kriegsflüchtlinge interessiert kaum jemanden.

Rückkehr in die Heimat als späte Genugtuung

Hajra Golic aus Drafnici schaut sich das Bild von ihrem Sohn Fuad an, der in Sarajevo lebt. (Foto: DW/Mirsad Camdzic)

Hajra Golics Sohn Fuad möchte Imam werden

So ist es wenig überraschend, dass der Jüngste der Familie, Hajras Sohn Fuad, weggezogen ist. Der 20-Jährige lebt jetzt in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo. Er war dreieinhalb Jahre alt, als die Familie mit einem Bus die Heimat verlassen musste. "Ich kann mich nicht an sehr viel erinnern, aber ich weiß noch, dass ich damals aufgehört habe zu sprechen", erinnert sich Fuad. "Ich saß mit meiner Mutter im Bus, als ein Mann hineinkam. Ich habe gefragt wer das ist, und meine Mutter erwiderte: 'Schweig! Sonst wird man dich abschlachten!' Daraufhin habe ich drei Jahre lang kein Wort mehr gesagt", so Fuad.

Heute studiert er islamische Theologie und möchte "Hafiz" werden – so bezeichnet man eine gelehrte Person, die den gesamten Koran auswendig kann. Anders als seine Oma und Mutter möchte Fuad aber nach dem Studium als Imam dorthin zurück, wo General Ratko Mladic einst versucht hat, seine Familie für immer zu vertreiben - nach Srebrenica. "So Gott will, werden meine Träume wahr, und ich werde in meiner Geburtsstadt arbeiten, in Srebrenica. Da gehöre ich hin, da komme ich her, da sind meine Leute", sagt der angehende Imam und lächelt hoffnungsvoll. Es ist sein persönlicher Beitrag für ein multiethnisches Bosnien. Und eine Chance, dem in Den Haag angeklagten Ratko Mladic zu beweisen, dass sein menschen-verachtender Plan der "ethnischen Säuberung" gescheitert ist.

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