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Europa

Vergessen und bewahren

100 Jahre sind nach dem Völkermord an Armeniern vergangen. Doch auch nach drei Generationen sitzt die Trauer tief. Ein Einblick in eine armenische Familie in Deutschland.

Eine traurige Frauenstimme erhellt das große Veranstaltungsgebäude in Köln. Bersam Bakircian ist berührt. Traditionelle armenische Lieder erinnern ihn an die Erzählungen seines Vaters, der genau vor 100 Jahren aus seinem Dorf "deportiert" wurde.

Sein Vater sei damals sieben Jahre alt gewesen, sagt Bakircian. Während des "Todesmarsches" hätten die türkischen Soldaten ihm und seinem Bruder befohlen sich zu umarmen. "Die türkischen Soldaten haben gewettet, ob man die beiden Männer mit einer einzigen Kugel töten kann", erzählt der 56-Jährige. Die Erzählungen seines Vaters scheinen Bakircian tief zu berühren.

Bersam Bakircian trägt die Vergissmeinnicht-Blume im Revers (Foto: DW/Nalan Sipar)

Bersam Bakircian lässt die Vergangenheit bis heute nicht los

Heiraten, um Menschenleben zu retten

An diesem sonnigen Apriltag ist Bakircian mit seiner Familie zu der Gedenkveranstaltung "100 Jahre Völkermord an Armenier" gekommen. "Die anderen Überlebenden", so nennt er seine Verwandten, lebten größtenteils noch in der Türkei. Doch die Anzahl der Familienmitglieder sei nach dem Völkermord drastisch geschrumpft, erzählt er. Er lebt mit seiner Familie allein in Deutschland. Dass er heute überhaupt lebt, verdankt er seiner Großtante Siranus. Sie sei die Schwester seines Großvaters gewesen. "Sie war eine hübsche Frau", erzählt er.

Doch Siranus' Ehemann sei, wie andere Familienmitglieder, von türkischen Soldaten ermordet worden. Als Witwe zurückgeblieben, wollte die Frau aus ihrem Dorf fort. Doch ein kurdischer Großgrundbesitzer, der sich in sie verliebte, machte ihr ein Angebot. "Er sagte zu ihr: 'Siranus, wenn du jetzt wegziehst, wirst du auch ermordet. Bleib hier und heirate mich. Ich passe auf Euch auf'", erzählt Bakircian. Siranus akzeptierte das Angebot - doch unter einer Bedingung: "Du musst auch noch die drei weiteren armenischen Witwen und ihre neun Kinder versorgen", habe sie gefordert. Der Mann akzeptierte und nahm die Frauen und neun Kinder in seine Obhut. Eines der Kinder war Bakircians Vater.

Bersam Bakircian steht mit seiner Tochter Yeksa auf der Bühne im Veranstaltungssaal. (Foto: DW/Nalan Sipar)

Bersam Bakircian durfte in der Türkei nicht zu seiner Identität stehen. Umso stolzer ist seine Tochter Yeksa, dass sie offen zu ihrer Herkunft steht

"Ich bin Christin und Armenierin"

Zwar überlebten seine Eltern den Völkermord, doch das Leben in der Türkei als Armenier war für Bakircians Familie hart. Nie habe er seine Identität als Armenier offen ausleben können, berichtet er. In ihrem Dorf seien sie bedroht und schließlich weggescheucht worden. Im Alter von 20 Jahren kehrte er der Türkei schließlich den Rücken. Er kam nach Deutschland und studierte Soziologie. Heute arbeitet Bakircian im Jugendamt der Stadt Dortmund.

Yeksa Bakircian schaut sich ein Magazin über den Völkermord an. (Foto: DW/ Nalan Sipar)

Yeksa diskutiert häufig mit ihren Freunden über die armenische Geschichte.

Eine seiner drei Töchter, Yeksa, ist Mitorganisatorin der Gedenkveranstaltung. Die 21-Jährige studiert Management and Economics in Bochum. Im Gegensatz zu ihrem Vater, der seine armenische Identität verstecken musste, betont Yeksa schon in ihrem ersten Satz ihre Herkunft. "Ich sage das immer von Anfang an, dass ich Armenierin und Christin bin, damit die Leute es wissen", sagt sie selbstbewusst. Ihre Familiengeschichte habe sie tief geprägt. Deshalb setzt sie sich stark für ihre Landesleute ein.

Während des Gespräches, berührt die junge Armenierin öfters ihre Halskette. Es ist ein Kreuz, das christliche Symbol aus Silber. Sie engagiert sich politisch, ist Leiterin einer armenischen Jugendgruppe, organisiert Veranstaltungen und will auch an der Bundestagsdebatte in Berlin teilnehmen, in der der Begriff Völkermord diskutiert werden soll. Ein halbes Jahr lang hat sie sogar im Land ihrer Vorfahren gelebt, um Armenisch zu lernen.

Die Türkei verweigert Schuldeingeständnis - bis heute

Der Chor aus Armenien (Foto: DW/ Nalan Sipar)

Zeichen der Versöhnung - Der Chor verbindet Klänge aus Armenien und der Türkei

Jetzt ist Yeksa wieder als Organisatorin gefragt. Die Gäste brauchen ihre Aufmerksamkeit. Nebenbei unterhält sie sich mit ihren Freunden über die nächsten Proteste und Veranstaltungen. Trotz ihren hohen ehrenamtlichen Engagements hat sie noch viele Freunde. Sogar ein paar türkische. "Aber nur solche, die den Völkermord an Armenier akzeptieren."

Mittlerweile ist der Veranstaltungssaal halb voll. Die Gäste sind hauptsächlich Armenier, Kurden und einige Deutsche. In wenigen Minuten soll es anfangen. Yeksa kümmert sich noch um die letzten Vorbereitungen. Ihr Vater Bersan Bakircian hat sich bereits in die hinteren Reihen verzogen. Nach unserem langen Gespräch wirkt er nachdenklich.

Der Chor aus Armenien hat sich schon auf der Bühne aufgestellt. Bersan Bakircian schaut auf die lila Brosche, die er im Revers trägt. Es ist die Vergissmeinnicht-Blume, das diesjährige Symbol für den 100. Jahrestag des Völkermords an Armeniern. Der Chor fängt an ein armenisches Lied zu singen, das an einigen Stellen an türkische Musik erinnert. Die Verschmelzung von armenischen und türkischen Liedern klingt stark nach Anatolien. "Ich werde niemals die türkische oder die kurdische Bevölkerung für diesen Völkermord beschuldigen", sagt Bakircian. Würde aber die türkische Regierung endlich ihre Schuld gestehen, dann könne er innerlich seinen Frieden finden.

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