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Sprachbar

Vergeltung

Ein blutiger Anschlag hier, der Ruf nach Vergeltung dort, und bald folgen die ersten Vergeltungsschläge. Mittlerweile ist kaum mehr bekannt, dass mit Vergeltung im ursprünglichen Sinne keineswegs Negatives verbunden war.

Wir wissen es nicht ganz genau, aber mit einiger Sicherheit. Es war wohl George Bernard Shaw gewesen, der gesagt hatte: "Strafen heißt, die Stalltür zuschlagen, wenn die Kuh schon fortgelaufen ist." Er hatte das auf Kindererziehung bezogen, aber man könnte diese Äußerung durchaus in einem umfassenderen Sinne verstehen; und vor allem etwas daraus lernen, zum Beispiel dafür sorgen, dass es gar nicht erst dazu kommt, dass die Kuh fortläuft.

Wie du mir, so ich dir – im Guten wie im Schlechten

Gehen wir heraus aus diesem noch friedlichen Bild mit Kuh und Stall, wenden wir uns der Wirklichkeit zu. Sprich der Politik und dem Weltgeschehen. Da wird gestraft und bestraft, dass es eine Art hat. Jener hat angefangen, also hau ich ihm auch eine runter! Diese sind die Bösen, wir werden es ihnen schon zeigen! Und umgekehrt. "Vergeltung" heißt unser Wort, um das es uns in dieser Woche geht, und es wird ein schwacher Trost sein, festzustellen, dass Vergeltung nicht nur ein Begriff für jeweils gegenseitiges Zerstören und Vernichten ist.

Es bedeutet keineswegs ausschließlich jenes "Auge um Auge, Zahn um Zahn", jenes fürchterliche und ausweglose "Wie du mir, so ich dir". Aber aufgepasst: Wir sollten da nicht in die Falle tappen und annehmen, dass "Wie du mir, so ich dir" nur negativ gemeint ist. Es kann ja gerade, aber diese Bedeutung ist in den Hintergrund getreten, auch Gutes, Positives bedeuten. "Vergelt's Gott", heißt es immer noch vor allem im südlichen Teil Deutschlands, und was damit gemeint ist, darauf kommen wir noch zu sprechen.

Ochse um Ochse

"Vergeltung" zählt zu den so genannten Verbalsubstantiven. Das Verbum dazu heißt "vergelten", und wenn wir jetzt noch die Vorsilbe weglassen, haben wir "gelten". Was gilt im Leben? Was hat Bestand und Geltung? Oder, besser gesagt, was soll gelten? Vielleicht Gerechtigkeit? Falls ja, so wird dieser durch das jeweils geltende Recht Geltung verschafft. Oder es wird zumindest versucht.

Nehmen wir ein Beispiel, das zwar aus Martin Luthers Bibelübersetzung stammt, aber etwas durchaus Modernes veranschaulicht, nämlich die Haftpflicht: Bei Martin Luther heißt es: "Wenn jemandes Ochse einen anderen Ochsen stößet, dass er stirbt (...) und sein Herr hat ihn nicht verwahret, so soll er einen Ochsen um den anderen vergelten." Da haben wir's: "Vergelten" und "Vergeltung" heißt eben auch "Rückerstattung", "Ersatz", "Zurückzahlung" oder mit einem Wort, das sich im Amtsdeutsch bis heute gehalten hat: "Entgelt". Mit "t" geschrieben, denn das Wort ist von "entgelten" abgeleitet.

Wer muss bezahlen?

Die Sprachforscher gehen bei unserem Stichwort davon aus, dass "rückerstatten" beziehungsweise "zurückzahlen" seine ursprüngliche Bedeutung war, "Vergeltung" und "vergelten" also durchaus Begriffe aus dem Wirtschaftsleben. Wie so oft in der Sprachgeschichte lässt sich nicht genau datieren, wann unser Stichwort hinübergewechselt ist in den Bereich des Sittlich-Moralischen, wann es sich im Begriffspaar "Gut" und "Böse" ansiedelte. Letzteres wird derzeit ja ganz besonders strapaziert.

Da "Gut" und dort "Böse", das ist einfach. Vor allem für denjenigen, der es feststellt. Und so lässt sich prima vergelten, zurückschlagen, vernichten, zerstören, denn: Wie du mir, so ich dir. Und so haben wir gleich mehrere Spiralen der Gewalt auf der Welt, haben Vergeltungsschläge einmal hin und einmal her, auf Vergeltungsaktionen folgen neue von der jeweils anderen Seite, und weil das so ist und man das weiß, lassen sich sämtliche Vergeltungsmaßnahmen mit dem Fingerzeig auf den bösen anderen rechtfertigen: "Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin, wie jene." Von wegen.

Eine Notiz bei Gott

Aber, wir haben es schon angedeutet, da gibt es noch etwas. "Vergelt's Gott!", heißt es bei den einfachen Leuten, auf die sich die weniger einfachen immer dann besinnen, wenn sie nicht mehr weiter wissen. "Vergelt's Gott" steht in engem Zusammenhang mit den Armen-Seelen-Geschichten. Das sind Erzählungen im Volksmund. Die Bäuerin, die dem Bettler, dem Armen ein Vesper oder gar Geld schenkt, die ihn in der Scheune schlafen lässt, sie erwartete kein städtisches "Dankeschön". Ein "Vergelt's Gott" sollte es sein. Dies allein zählte, als Notiz beim lieben Gott für eine gute Tat. Wer zu wenig Gutes getan hatte, musste als arme Seele um die fehlenden betteln gehen. Und konnte sie durchaus bekommen. Es geht auch so mit der Vergeltung. Aber das ist eine alte Geschichte.


Fragen zum Text:

Der Begriff "Vergeltung" stammte ursprünglich aus dem Bereich der …
1. Religion.
2. Wirtschaft.
3. Medizin.

Ein geflügeltes Wort aus der Bibel lautet: Auge um Auge, …
1. Zahn um Zahn.
2. Ohr um Ohr.
3. Finger um Finger.

Welcher Begriff existiert bis heute im Amtsdeutsch?
1. Abgelt
2. Ungelt
3. Entgelt


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Diskutieren Sie im Kurs über Möglichkeiten und Wirksamkeit ziviler Konfliktbewältigung jenseits von Vergeltungsschlägen.

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