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Fokus Südosteuropa

Vergangenheitsbewältigung auf Raten

Wer trägt mehr Schuld? Wer hat mehr getötet? Wer sind die Opfer? In Serbien, Kroatien und Bosnien gibt es verschiedene Antworten darauf. Der Prozess der Vergangenheitsbewältigung geht dort nur langsam voran.

Kindersilouetten im Vordergrund, die sich ein Kind an einer zerschossenen Mauer ansehen (DW: Grafik)

Die Spuren der Balkankriege sind noch sichtbar

Ob in Serbien, Kroatien oder Bosnien, die Argumentationslinie ist die gleiche: Die Kriege in den 1990er Jahren werden von vielen als Befreiungsaktion und nicht als Kriegsverbrechen gesehen. Die Mehrheit ist gegen die Auslieferung der eigenen Ex-Generäle. Sie werden sogar als Helden glorifiziert, die die Interessen der eigenen Nation verteidigt haben. Der Prozess der Vergangenheitsbewältigung wird hauptsächlich auf Druck von außen betrieben und geht nur langsam voran. Immer noch sollen die Anderen schuld sein, selbst will man nur Opfer gewesen sein. Und das 20 Jahre nach dem Zerfall Jugoslawiens.

Kroatien: Zwischen Zweifel und Zustimmung

Protestmarsch von Anhängern des verurteilten Kriegsverbrechers Ante Gotovina (Foto: AP)

Ex-General Gotovina hat in Kroatien noch viele Anhänger

Die Gesellschaft in Kroatien geht mit der eigenen Vergangenheit gespalten um. Im vergangenen Monat wurde das Urteil gegen drei hochrangige kroatische Generäle aus dem Kroatien-Krieg verkündet. Es handelt sich um Ante Gotovina, Ivan Cermak und Mladen Markac. Die Anklage wirft ihnen unter anderem Vertreibung von Zivilisten während der militärischen Operation "Sturm" 1995 vor. Damals wollten serbische Aufständische, die innerhalb Kroatiens die Republika Srpska Krajna ausgerufen haben, die Unabhängigkeit Kroatiens nicht akzeptieren.

Bürgerrechtler betrachten Kriegsverbrecherprozesse wie den gegen Ex-General Gotovina als eine Chance für alle Beteiligten, sich der Vergangenheit zu stellen und zu verzeihen. Die Leiterin der kroatischen NGO "Documenta - Zentrum für Vergangenheitsbewältigung" Vesna Terselic hofft, dass dieses Urteil weitere Kriegsverbrecherprozesse in Kroatien vorantreibt. Auf der anderen Seite aber kritisieren kroatische Veteranen die Verurteilung Gotovinas. Der lautstärkste von ihnen ist Zeljko Sacic. Er ist empört über Kriegsverbrecher-Prozesse, die die Aktion Sturm betreffen. Jeder kroatische Staatsbürger kenne die historische Wahrheit, sagt Sacic. Der "Heimatkrieg“ sei ihnen aufgedrängt worden, die Aktion Sturm sei rechtens und durch internationales Recht gerechtfertigt gewesen. Es sei eine "Verteidigungsaktion gegen eine Besatzung der Aggressoren aus Serbien, Montenegro und der Jugoslawischen Volksarmee und einen Teil der aufrührerischen serbischen Bevölkerung gewesen", sagt Sacic. "Falls wir als Kriegsverbrecher bezeichnet werden, was werden die Leute in Europa sagen? Was werden die Deutschen von uns denken? Es wird so aussehen, als ob Kroatien auf Kriegsverbrechen aufgebaut wurde", sagt der Veteran.

Für den kroatischen Journalisten Srdjan Dvornik ist der Nationalismus in der kroatischen Gesellschaft immer noch verankert. Er kritisiert die gängige Annahme in der Bevölkerung, dass die "eigenen Leute" nicht schuld seien. "Heute ist bekannt, dass 700 Menschen bei der Aktion Sturm getötet worden sind. Diese Fakten werden aber ignoriert, die Aktion wird sogar gerechtfertigt", sagt Dvornik.

Bosnien: Die anderen tragen mehr Schuld

Zwei Frauen umarmen sich vor grünen Särgen (Foto: AP)

Hinterbliebene der Opfer des Srebrenica-Massakers vor der Beisetzung in der Gedenkstätte Potocari

"Natürlich macht es einen Unterschied, ob man nur mit einem Fleck beschmutzt ist oder mit 1000 Flecken. Die legalen bosnischen Streitkräfte haben in vier Jahren weniger Verbrechen begangen als die illegalen serbischen Gruppierungen in einer Stunde", sagt Bakir Izetbegovic vom bosnischen Staatspräsidium. Auch wenn die Schuld bei den Serben liege, hätten auch seine Landsleute im Zuge der Kriegsereignisse Verbrechen begangen, räumt Izetbegovic ein. Trotz der grausamen Vergangenheit müssten aber jetzt alle Seiten nach vorne schauen. Seine Aufforderung zur Versöhnung wird aber in der Bevölkerung überhört. Immer noch ist Bosnien zutiefst gespalten. Es gibt Schulen, in denen die Schüler der verschiedenen Volksgruppen sogar getrennt Unterricht haben. Die Teilung zwischen der serbischen, kroatischen und muslimischen Bevölkerung geht bis in die tiefsten Poren der Gesellschaft. Und Politiker, die den Dialog propagieren, machen sich unbeliebt.

Serbien: "Erst jetzt kann die Vergangenheitsbewältigung beginnen"

Die serbische Menschenrechtsaktivistin Natasa Kandic vor sitzend vor einem Mikro (Foto: DW)

Kandic zufolge ist die Zeit für Vergagenheitsbewältigung gekommen

Seit gestern schreibt Serbien ein neues Kapitel in seiner Geschichte, so ähnlich hat es der serbische Präsident Boris Tadic am Tag der Festnahme Ratko Mladics (26.05.) gesagt. Von heute auf morgen kann die Meinung sich allerdings nicht ändern. Für das Land beginne erst jetzt die richtige Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, sagt die Bürgerrechtsaktivistin Natasa Kandic von der Belgrader NGO "Fonds für Menschenrechte". "Jetzt haben wir einen konkreten Anlass für eine Auseinandersetzung, in die die ganze Gesellschaft einbezogen ist. Das war bis jetzt nicht so, auch wenn sehr wichtige Urteile bereits gefällt sind und schon die ganze ehemalige politische Spitze Serbiens verurteilt ist". Die Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen und die der Folgen von Krieg und Gewalt gehe nur sehr langsam voran, und manchmal auch einen Schritt zurück, so Kandic.

Auf den Straßen Belgrads sind die Menschen über die Festnahme von Ratko Mladic gespalten: "Es war höchste Zeit. Er sollte hier bei uns vor Gericht stehen", sagt ein Belgrader. Ein anderer meint dagegen: "Ich finde das nicht gut. Die anderen schützen ihre Leute und wir servieren ihn auf einem Silbertablett". Laut einer Umfrage des serbischen Nationalrates für die Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal von Mitte Mai meinen 51 Prozent, dass Ratko Mladic nicht an das Tribunal in Den Haag ausgeliefert werden soll. Für 40 Prozent ist Mladic ein Held.

Autorinnen: Rayna Breuer / Mirjana Dikic
Redaktion: Robert Schwartz

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