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Politik

Verfolgungswahn im Kreml

Boris Beresowskij, milliardenschwerer russischer Oligarch im Londoner Exil, hat zur gewaltsamen Revolte gegen Präsident Wladimir Putin aufgerufen. Doch damit spielt er dem Kreml geradewegs in die Karten.

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Beresowskij liefert er den Machthabern doch einen Vorwand, das russische Oppositionsbündnis "Anderes Russland" als "gekauftes Lumpengesindel" hinzustellen. Wladimir Putin, der "gute Zar" schwebt in Gefahr. Ausländische Mächte haben sich verschworen, um ihn zu stürzen. Jetzt schicken sie gekaufte Demonstranten auf die Straße. Diese Provokateure würden so lange auf die Miliz losgehen, bis die keine andere Wahl habe, als zum Gummiknüppel zu greifen. Um sich selbst "zu verteidigen" - und Putin, Garant der Stabilität im Land.

Das ist das Fazit, dass die dem Kreml ergebenen Medien vom vergangenen Wochenende ziehen - an dem ein paar Tausend Putin-Gegner einer erdrückenden Übermacht der Miliz gegenüber standen. Hysterisch verbreiten Fernsehen und Zeitungen seitdem die Botschaft: Russland ist in Gefahr! Sie schüren Ängste vor einer Orangenen Revolution wie in der Ukraine, vor einer Destabilisierung Russlands, betrieben durch den renitenten Beresowskij - dem "Schurken". Der hatte in der vergangenen Woche der britischen Zeitung "The Guardian" gesagt, er plane und finanziere eine Palastrevolte im Umfeld von Wladimir Putin: "Wir müssen gewaltsam vorgehen. Es ist unmöglich, dieses Regime auf demokratischem Wege zu beseitigen."

Ein gefundenes Fressen für die Propaganda-Maschinerie des Kreml. Sie spielt nun geschickt mit dem miesen Image von Beresowskij. Denn der Milliardär ist für die Mehrzahl der Russen ein rotes Tuch. Wie kein zweiter steht Beresowskij für die chaotischen 90er Jahre, für die Epoche des russischen Raubtierkapitalismus, während der sich eine kleine Gruppe gerissener Geschäftsleute maßlos bereicherte. Sie häuften binnen kürzester Frist Milliarden an, während das Land ausblutete und weite Teile der Bevölkerung verarmten. Der „Retter“ aus dieser Zeit der Wirren: Wladimir Putin, der die Clique der Oligarchen aus dem Kreml vertrieb, allen voran Beresowskij. Der Mythos des harten, aber gerechten Herrschers Putin war geboren.

Die friedlichen Demonstranten, die am Wochenende gegen Putin demonstrierten und von der Miliz niedergeknüppelt wurden, und den "Schurken" Beresowskij werfen Medien wie die Zeitung "Isvestia", die ganz auf Kremllinie liegen, in einen Topf. Ihnen wird unterstellt, sie bekämen Geld für ihre Aktionen, die Rede ist gar davon, dass Provokateure eigens aus der Ukraine zu den Demonstrationen gekarrt wurden.

Das ist so paranoid wie absurd: Die Anführer des Oppositionsbündnisses "Anderes Russland" distanzieren sich klar von dem Superreichen in London. Sie wollen keine Palastrevolte á la Beresowskij, die nur die Clique der Macht austauschen und den Einfluss des Oligarchen stärken würde. Sie wollen auf demokratischem Weg einen Kurswechsel herbeiführen und fordern vor allem eines: freie Wahlen.

Fragt sich, wovor der Kreml solch panische Angst zu haben scheint. Vor Beresowskij, der regelmäßig aus seinem Versteck in London ergebnislos die Revolution ausruft? Oder vor ein paar Tausend Demonstranten, mit denen die Sicherheitskräfte kurzen Prozess machen?

Derzeit wird jedenfalls alles getan, um die Oppositions-Bewegung "Anderes Russland" als Teil einer unheiligen Allianz mit Beresowskij darzustellen und als verdungene Söldner zu diskreditieren - und um so auch das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte bei den Demonstrationen zu rechtfertigen.