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Politik

Verdammt teures Fluchen

Ballett, Literatur und die Küche - zumindest der Kaviar - gehören zu den wichtigsten Schätzen der russischen Kultur. Schwieriger wird es bei der Frage nach dem "Mat", der russischen Fluchsprache.

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Es ist umstritten, ob "Mat" zu den segenswerten Segmenten der russischen Kultur gehört, oder eben doch ihr Fluch ist. Im Verhältnis der Russen zu "Mat" und dem zentralen Wortelement, "Huj" als Bezeichnung für das männliche Geschlechtsorgan zeigt sich jedenfalls die traditionelle Gespaltenheit der russischen Kultur und ihrer Träger.

Ob schön oder obszön, Fakt ist: Man kommt um die russischen Flüche nicht herum. Von den einfachen Menschen auf der Straße einmal ganz abgesehen, ist historisch verbrieft, dass selbst die großen Literaten und Dichter wie Puschkin, Tolstoj oder Turgenjew gern auch einmal zur deftigen Ausdrucksweise griffen, wenn auch nicht in ihren Werken, so doch in Tagebüchern und privater Korrespondenz. Dass hinter den Kremlmauern Russlands erster Präsident, Boris Jelzin, während der Ausübung der Amtsgeschäfte sich schon einmal nicht jugendfreier Ausdrücke bediente, ist bekannt. Und dass sein Nachfolger im Amt ebenfalls, und das sogar öffentlich, derbe Töne anschlägt, macht ihn in den Augen der Landsleute eher beliebter, schließlich zeigt er damit doch nur seine Nähe zum Volk.

Vielfältiger Einsatz

Wer nun glaubt, dass Fluchen reine Männersache sei, der irrt gewaltig. Man muss nur einer Marktfrau zuhören, um das festzustellen. Und selbst die Universitätsprofessorin wird, wenn nötig, zu Worten und Formulierungen greifen, die andere erröten lassen.

Das Einzigartige der russischen Flüche ist der vielfältige Einsatz. "Mat"-Wörter gehen weit über vulgäre Beleidigungen und Verwünschungen hinaus. Zwar kann das eine oder andere (falsche) Wort wie eine Bombe einschlagen, doch andererseits dienen "Mat"-Wörter häufig der Steigerung von Ausdruckskraft und Emotionalisierung oder auch des Humors des Sprechenden. Wer zum Beispiel jemand über jemanden sagt, er "schlage mit dem Huj Birnen ab", der bringt lediglich - wenn auch in derber Wortwahl - zum Ausdruck, dass der Gemeinte ein Faulenzer sei.

Reine Sprache oder gefüllte Kassen?

Nun hat die Verwaltung der Stadt Belgorod, rund 700 Kilometer südlich von Moskau, bereits vor drei Monaten das Fluchen und den öffentlichen Gebrauch derber Worte unter Strafe gestellt. Wer sich in unanständiger Weise äußert, kann mit Bußen zwischen umgerechnet 15 und 40 Euro belegt werden. Besonders schmutzige oder vulgäre Beschimpfungen können sogar einen bis zu zweiwöchigen Gefängnisaufenthalten nach sich ziehen. Welche genaue Wortwahl ins Gefängnis führt, ist unklar. Bislang seien bereits gegen rund 2500 Bürger aus Belgorod Geldbußen verhängt worden, heißt es. Doch hinter Gitter ist noch niemand gelandet.

Offiziell hat der Gouverneur der Region die drastische Maßnahme mit dem Bemühen begründet, für die Reinerhaltung der russischen Sprache zu sorgen und den "dreckigen" Wortschatz unter der Belgoroder Jugend auszurotten. Gut möglich aber, dass der Amtschef der südrussischen Stadt lediglich ein Mittel suchte, um die klamme Haushaltskasse zu füllen. Immerhin haben die Sprach-Polizisten den Bürgern in drei Monaten knapp 15.000 Euro abgeknöpft. Verdammt viel …