1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Verdächtiger von Toulouse umzingelt

Spezialeinheiten der Polizei versuchen weiterhin, den mutmaßlichen Attentäter von Toulouse zum Aufgeben zu zwingen. In Israel wurden die vier Opfer des Todesschützen beigesetzt.

Tausende Trauergäste nahmen in Jerusalem von dem ermordeten Lehrer, seinen beiden Kindern und einer weiteren Schülerin Abschied. Sie waren am Montag (19.03.2012) vor einer jüdischen Schule in Toulouse erschossen worden. Ein Mann auf einem Motorrad hatte aus nächster Nähe auf sie gezielt. Frankreichs Außenminister Alain Juppé, der die Angehörigen nach Israel begleitete, sprach den Familien sein Beileid aus. Die Tat sei eine "nationale Tragödie" für Frankreich, und die Regierung werde mit Entschlossenheit jede Form des Antisemitismus bekämpfen: "Jedes Mal, wenn ein Jude in der Republik beschimpft wird, jedes Mal, wenn ein Jude geschlagen oder ermordet wird, ist es die ganze Nation, die getroffen wird. Sie ist es, die reagieren muss - und zwar sofort."

Präsident Nicolas Sarkozy rief nach einem Treffen mit Vertretern der Muslime in Frankreich alle Bürger zur nationalen Einheit auf. "Dem Terrorismus wird es nicht gelingen, unsere Gemeinschaft aufzubrechen", sagte Sarkozy. Vertreter des Islam und des Judentums in Frankreich warnten davor, islamistische Bewegungen mit dem Islam in Frankreich gleichzusetzen. In diesem Punkt dürfe es keine Verwechslung geben, betonte der Präsident des Zentralrates jüdischer Einrichtungen in Frankreich, Richard Prasquier. Der Präsident des französischen Islamrats, Mohammed Moussaoui, sagte, Frankreichs Muslime seien gekränkt, dass die Morde von Toulouse und Montauban mit dem Islam in Verbindung gebracht würden. Diese Taten stünden in völligem Widerspruch zu den Grundsätzen des Islam.

Täter in Toulouse festgesetzt

Straßensperre mit Polizeiwagen in Toulouse(Foto:AP/dapd)

Umzingelt - Polizisten sperren die Straßen der Umgebung

Eine Spezialeinheit der französischen Polizei belagert in Toulouse weiter ein Haus, in dem sich der mutmaßliche Täter verschanzt hat. Gegen drei Uhr morgens am Mittwoch hatten die Einsatzkräfte das kleine Wohnhaus umstellt, in dem sich der Tatverdächtige aufhält. "Sie sind über meinen Balkon geklettert, um in den Flur des Hauses zu gelangen und haben uns gesagt, wir sollten in der Wohnung bleiben", sagte eine Nachbarin dem französischen Radiosender France Info. Als der Verdächtige mitbekam, dass die Fahnder ihn ausfindig gemacht hatten, eröffnete er sofort das Feuer auf die Polizisten. "Es gab mehrere Schusswechsel, nun ist es sehr ruhig", sagte die Nachbarin. Der Bruder des Mannes, der sich ebenfalls in dem Haus aufgehalten haben soll, wurde festgenommen, alle anderen Bewohner wurden in Sicherheit gebracht.

Bei der Schießerei wurden zwei Polizisten leicht verletzt, sie wurden in ein Krankenhaus gebracht. Nach den Schüssen begann der Verdächtige nach Auskunft von Innenminister Claude Guéant, der vor Ort ist, mit den Einsatzkräften zu sprechen. Der Mann wolle sich am Nachmittag den Einsatzkräften stellen, gab Guéant bekannt. Dann jedoch brach der Verdächtige den Kontakt zu den Polizisten ab.

Die Ermittler vermuten einen islamistischen Hintergrund der Tat. "Er sagt, er sei Mudschaheddin und gehöre zu Al-Kaida. Außerdem will er palästinensische Kinder rächen und der französischen Armee ihr Engagement im Ausland vergelten", so der Innenminister. Der Verdächtige ist 24 Jahre alt und im Besitz schwerer Waffen. Er ist französischer Staatsbürger und kommt aus Toulouse. Der Polizei war er offenbar bekannt, weil er sich in Afghanistan aufgehalten hatte, sagte Innenminister Guéant: "Der Mann war in der Vergangenheit dort und auch in Pakistan unterwegs. Außerdem hat er Kontakte zu Salafisten."

Spuren im Internet

Frankreichs Präsident Sarkozy bei einer Schweigeminute für die Opfer des Attentats an der jüdischen Schule (Foto:AP/dapd)

Präsident Sarkozy - Schweigeminute für die Opfer

Für die Verhandlungen wollten die Beamten zunächst die Mutter des Mannes gewinnen, die ebenfalls in Toulouse wohnt. "Wir haben die Mutter an den Ort des Einsatzes gebracht, wir haben sie gebeten, Kontakt zu ihrem Sohn aufzunehmen, aber das wollte sie nicht. Sie sagte, sie hätte keinerlei Einfluss auf ihn", so der Innenminister. So verhandeln also weiter die Einsatzkräfte der Polizei mit dem bewaffneten Mann. Vorsichtshalber wurde die Gasversorgung in dem Wohngebiet abgeklemmt, denn die Polizei befürchtet, dass der Mann eine Bombe zünden könnte, um so noch mehr Opfer mit sich zu reißen.

Aus Ermittlerkreisen verlautete, der Mann habe offenbar keine Geiseln. Er zähle zu "den Leuten, die aus Kampfgebieten zurückkommen und immer die Geheimdienste beunruhigen". Weiter hieß es, der Verdächtige sei bereits im Zusammenhang mit den vorhergegangenen tödlichen Angriffen auf drei Soldaten in Toulouse und Montauban im Visier der Fahnder gewesen. Dann habe die Kriminalpolizei mit einer "sehr wertvollen" Information die Ermittlungen ein wichtiges Stück vorangebracht. Welche Information genau gemeint ist, wollte die Polizei nicht mitteilen. Bereits in den vergangenen Tagen hatten die Ermittler jedoch erklärt, eine IP-Adresse zurückzuverfolgen, über die der Täter zu seinem ersten Opfer Kontakt aufgenommen habe.

Wahlkampfthema Innere Sicherheit

Die Trauergemeinde für die Opfer des Attentats auf die jüdische Schule bei der Beisetzung in Jerusalem (foto: Reuters)

Begräbnis der Opfer von Toulouse in Jerusalem

Nach Einschätzung des französischen Politikwissenschaftlers Alfred Grosser wird die Anschlagsserie auch deutliche Auswirkungen auf den Fortlauf des Wahlkampfs aller Parteien haben. "Es gibt einen Schock, und alle haben aufgehört, Wahlkampf zu machen, inklusive Marine Le Pen vom rechtsextremistischen Front National, um zu sagen, es ist eine nationale Tragödie und wir sind alle einig“, sagte Grosser im Deutschlandfunk.

Doch nun, da ein islamistischer Hintergrund wahrscheinlich ist, werde die Innere Sicherheit zum großen Thema, vermutet der Politologe: "Jedenfalls ist jetzt alles gerechtfertigt, was als Sicherheitsmaßnahme getroffen worden ist, und ich nehme an, dass aus der Krise jetzt unser Innenminister Claude Guéant als Sieger herausgeht, was für Sarkozy günstig sein könnte." Sarkozy hatte erst vor wenigen Wochen für Schlagzeilen gesorgt, als er forderte, die Zahl der Einwanderer zu begrenzen. Zudem stellte er das Schengen-Abkommen zur Reisefreiheit in Europa in Frage, was für Irritationen bei seinen EU-Kollegen sorgte.

Audio und Video zum Thema