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Politik

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

In Barcelona ging die Welt-AIDS-Konferenz zu Ende. 15.000 Experten diskutierten über künftige Strategien im Kampf gegen die Immunschwäche-Krankheit. Was hat die Konferenz gebracht? Ein Kommentar von Mirjam Gehrke.

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Ist ein "schwarzes" Leben weniger wert als ein "weißes"? Ja. 40 Millionen HIV-positive und AIDS-kranke Menschen gibt es weltweit - 98 Prozent von ihnen leben in den Entwicklungsländern. Aber dort sind jährliche Behandlungskosten von bis zu 15.000 Dollar nicht bezahlbar. In Afrika kommt die Diagnose 'HIV-positiv' - auch 20 Jahre nach Ausbruch der Epidemie - immer noch einem Todes-Urteil gleich.

Eine Woche lang waren auf der Welt-AIDS-Konferenz in Barcelona 15.000 Delegierte aus aller Welt versammelt. Da wurde über den Stand der Forschung debattiert, es wurde über Menschenrechte, über die Ausgrenzung von AIDS-infizierten Menschen gesprochen und über die Situation von HIV-positiven Frauen geredet.

Wer vor zwei Jahren auf der Welt-AIDS-Konferenz im südafrikanischen Durban war, der muss vielfach das Gefühl gehabt haben, die Zeit sei stehen geblieben. Was hat sich seit dem getan? Nichts. Die Welt schaut dem millionenfachen AIDS-Tod immer noch tatenlos zu. In Afrika stirbt eine ganze Generation weg, in der Industrie und in der Landwirtschaft fehlen die arbeitenden Hände. Es fehlen Lehrer und Eltern. Zurück bleiben über 13 Millionen AIDS-Waisen, die kaum eine Chance haben, aus dem Teufelskreis aus Armut, mangelnder Bildung und Krankheit auszubrechen.

Vor einem Jahr haben die Industrie-Nationen den Globalen Fonds zu Bekämpfung von AIDS ins Leben gerufen. 10 Milliarden Dollar benötigt der Fonds jährlich, um die Ausbreitung der AIDS-Pandemie zumindest zu stoppen und unter Kontrolle zu bekommen. Wo bleibt das Geld? Für Bill Clinton ist es heute in leichtes, den Industrieländern zuzurufen: 'Rechnet mal nach, was Ihr Kofi Annan noch schuldet und dann zahlt endlich in den Fonds ein.' Er ist nicht mehr Präsident der USA.

Unter George W. Bush sind die US-Militär-Ausgaben um 48 Milliarden Dollar aufgestockt worden - für die AIDS-Bekämpfung gibt es gerade mal zusätzliche 500 Millionen. Im Kampf gegen den Terror spielte Geld keine Rolle - aber auch nur, weil der Terror im Herzen der einzigen Weltmacht zugeschlagen hat. 3.300 Menschen starben am 11. September. An den Folgen von AIDS sterben täglich 8.500 Menschen.

Während in Barcelona eine Woche lang über Geld gestritten wurde, während die wenigen Vertreter westlicher Regierungen ihre mageren Beiträge zum Globalen Fonds schönrechneten und die Pharma-Firmen darstellten, warum die modernen Medikamente angeblich nicht für AIDS-Patienten in den armen Ländern geeignet seien, sind in dieser einen Woche 50.000 Menschen an AIDS gestorben: Kinder, Frauen, Säuglinge, Familienväter.

Wenn die Medikamente nicht zu den Menschen gebracht werden, dann werden die Menschen zu den Medikamenten kommen - zumindest die, die dazu in der Lage sind. Wissenschaftler machen sich bereist jetzt ernsthafte Sorgen um Europa.

Was Vertreter aus Afrika, Asien und Lateinamerika hier eingeklagt haben ist nichts anderes als das Recht auf Leben. Genau das ist in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgeschrieben, und die ist immerhin vor über einem halben Jahrhundert verabschiedet worden. Der millionenfach hingenommene AIDS-Tod ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.