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Bücher

Vera Lehndorff: starke Frau mit Geschichte

Sie war Deutschlands erstes Topmodel: Veruschka alias Vera Gräfin Lehndorff. In den 1970er Jahren zierte sie die Magazintitel. Weniger bekannt ist ihre Geschichte als Tochter eines Widerstandskämpfers.

Auch mit 72 Jahren ist das einstige Supermodel Veruschka immer noch eine schöne Erscheinung: groß, schlank, lässig. Sie trägt eine schwarze Hose, ein rotes Kapuzenshirt und robuste Turnschuhe. Die Haare sind unter einer Wollmütze versteckt. Der Mund: groß und ungeschminkt. Im Gesicht kein Make-up. Das Alter, sagt sie, sei ihr mittlerweile wurscht. "Ich möchte eine innere Schönheit, und die ist der Geist. Darauf kommt es an. Im Alter ist gerade der Geist wichtig."

Mit über 70 auf dem Laufsteg

Veruschka, Vera Gräfin Lehndorff als Kind mit Dackel Seppi auf dem Arm

Vera mit Dackel Seppi

Kürzlich hatte die einst "schönste Frau der Welt", wie sie einst genannt wurde, einen Auftritt auf der Berliner Fashion Week. Zwischen lauter jungen Models präsentierte sie augenzwinkernd und mit lässiger Eleganz Kleider einer in London lebenden Designerin.

Supermodel, Filmstar, Künstlerin – das ist nur die eine Seite von Vera Lehndorff. Die andere Seite zeigt eine nachdenkliche Frau, die wesentlich mehr zu sagen hat als das, was Hochglanzmagazine über sie verbreitetet haben.

Der Vater: Vergessen

Dass Vera Lehndorff, wie sich die in Ostpreußen geborene Gräfin schlicht nennt, auch die Tochter eines Widerstandskämpfers ist, ist weniger bekannt. Heinrich Graf Lehndorff hatte das Attentat auf Hitler mitgeplant und wurde im September 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Dass er weitgehend vergessen ist, musste Vera Lehndorff schmerzlich feststellen, als sie 2005 von New York nach Berlin zog. Auf den Gedenkfeiern zum 20. Juli sei ihr Vater nicht einmal erwähnt worden. Sie fragte die Politikerin Antje Vollmer: "Kannst Du nicht etwas über ihn schreiben?" Das war der Auslöser des Buches "Doppelleben - Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und von Ribbentrop", das 2010 erschien.

Ein unliebsamer Nachbar

Veruschka, Vera Gräfin Lehndorff. Das erste Coverbild, Constanze 1959

Coverbild 1959

Geboren wurde Vera Gottliebe Anna Gräfin Lehndorff 1939 im ostpreußischen Steinort. Nur 14 Kilometer vom Lehndorffschen Schloss  entfernt war Hitlers Hauptquartier "Wolfsschanze". Um in dessen Nähe angenehm zu wohnen, hatte Außenminister von Ribbentrop 1942 einen Schlossflügel beschlagnahmt und war dort eingezogen. Er ließ sich gern mit den kleinen Gräfinnen fotographieren. In ihren kürzlich erschienen Erinnerungen "Veruschka – mein Leben" sind einige dieser Aufnahmen abgedruckt. "Da krieg ich immer noch Gänsehaut und mir schaudert, wenn ich das anschaue", sagt Vera Lehndorff und beschreibt die Aufnahme. "Man sieht uns nur von hinten, und wir gehen ins Dunkel, in den dunklen Wald. Man schaut sich das an und denkt, sind das Vater und Kinder? Nein, das ist der Mann, der meinen Vater gejagt hat mit Hunden danach, der ihn gehenkt hat. Ja, so ist es gewesen. Und nur so versteht man dieses Foto in dem Buch auch, wenn man weiß, was dahinter steckt."

Tochter eines Mörders

Porträt zum Buch Veruschka Mein Leben Herbst 2011, Copyright: Steven Kohlstock

Porträt zu: Veruschka "Mein Leben"

Vera Lehndorffs Kindheit war kurz: 1944, da war sie gerade fünf Jahre alt, musste sie mit Mutter und Schwestern das Lehndorffsche Schloss verlassen. Denn die Nazis konfiszierten auch den ganzen Besitz. Die Familie kam in Sippenhaft, war vollkommen traumatisiert und zog nach dem Krieg häufig um. Über den geliebten Vater wurde nie gesprochen. Und wenn, dann negativ, wie sie als Schülerin Anfang der 1950er Jahre erfahren musste. In der Schule sagte die Lehrerin: "Heute muss ich euch sagen, dass wir in der Klasse ein Mädchen haben, die ist die Tochter eines Mörders." Alle waren erschrocken: Wer kann das sein? Da zeigte die Lehrerin auf Vera: "Du da, du bist es." Ein Schock, den sie lange nicht verwinden konnte – zumal auch zuhause über den Vater geschwiegen wurde. Sein Verlust ist für Vera Lehndorff ein Trauma, das sie das ganze Leben begleitet. Ihre Zusammenbrüche, Einweisungen in die Psychiatrie und Selbstmordversuche mögen damit zusammenhängen.

Schloss Steinort – ein Zentrum für Widerstand?

Mit ihrer Rückkehr nach Berlin ist sie ihrer eigenen Familiengeschichte wieder näher gekommen. Und auch dem Lehndorffschen Schloss Steinort im heutigen Polen. Mit ihren Geschwistern und deren Familien reiste sie 2007 an den Ort, an dem sie seit 1944 nie wieder gewesen war. Sie war ergriffen von dem Haus, das zwar baufällig ist, aber noch zu retten wäre. "Das war für mich wie ein lebendiger Organismus" sagt sie, "dieses Haus, das wie ein gestrandeter Wal dort lag und sagt: Kinder, bis jetzt hab ich durchgehalten, ich stehe noch, aber jetzt müsst ihr helfen. Der Ort darf jetzt nicht einfach vergessen werden, etwas Wunderbares soll dort entstehen und es wäre eine schöne Aufgabe, Steinort zu einem Zentrum für Widerstand zu machen."

Autorin: Susanne von Schenck
Redaktion: Gabriela Schaaf

Die Biographie:
Jörn Jacob Röwer, Vera Lehndorff: Veruschka, Mein Leben. Du Mont Verlag 2011; 400 Seiten mit zahlreichen Photographien, 24,00 Euro.

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