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Amerika

Venezuela: Jeder gegen Jeden

Angst und Gewalt beherrschen den Alltag der Venezolaner schon seit 2001. Die lähmende Hoffnungslosigkeit hat die Zivilgesellschaft grundlegend verändert.

Venezuela Caracas Lebensmittelkrise Schlange Supermarkt (Reuters/I. Alvarado)

Vor dem Supermarkt: Ein Venezolaner verlangt nach Lebensmitteln

Das Leben der Venezolaner nahm im Jahre 2001 eine dramatische Wende, als die Differenzen zwischen Präsident Hugo Chávez und seinen Gegnern sich erstmals in offenen Demonstrationen für und wider die "Bolivarische Revolution" äußerten. Seitdem erleben die Menschen in Venezuela täglich von beiden Seiten Salven von Beleidigungen, Gewaltandrohungen und Gerüchten. Die tägliche Dosis an politischer Gewalt zerstört das soziale Gefüge der Gesellschaft und vergiftet die Kommunikation.

Wenn man die Folgen der Mangelwirtschaft, den Niedergang der öffentlichen Verwaltung und den Mangel an Nahrungsmitteln und medizinischen Gütern betrachtet, ist es nicht verwunderlich, dass die Verbitterung der Menschen zunimmt. "Die Auseinandersetzung auf der Straße sind Teil unserer alltäglichen Realität. Eine der schlimmsten Folgen dieser unerträglichen Situation ist die völlige Unsicherheit. Weder weiß man, was man mittags essen wird, noch was am Nachmittag passieren wird", sagt der Sozialpsychologe Leoncio Barrios  der DW. 

"Diese erzwungene Kurzfristigkeit allen Handelns ist extrem anstrengend", ergänzt der emeritierte Professor der Zentraluniversität von Venezuela. "Dieses Land ist von einem Zustand der allgemeinen Hoffnung in einen Abgrund der massiven Enttäuschung gestürzt. Im Jahre 1998 setzte ein großer Teil der Bevölkerung ihr Vertrauen in Chávez und seine 'Bolivarische Revolution'. Von diesem politischen Großprojekt erhofften sich die Menschen vor allem einen höheren Wohlstand für eine breitere Masse. Jetzt ist diese Hoffnung der Frustration gewichen."

Depression, Wut und Angst

"Die politische Enttäuschung äußert sich in zwei Formen: Depression und Wut. In diesen Tagen wechselt die Stimmung der Venezolaner unaufhörlich zwischen den beiden Polen. Zum Zustand tiefer Verwirrung und latenter Aggression kommt noch das Element der Angst hinzu. So ergibt sich ein Gemisch negativer Emotionen, das die Psyche auslaugt und selbstzerstörerisch viel Energie kostet. In diesem Sinne offenbaren die Proteste auf den Straßen ein hohes Maß an Willenskraft, aber zugleich auch Zorn", erklärt der Experte.     

Symbolbild Venezuela (Getty Images/AFP/R. Schemidt)

Caracas: Schlangestehen für Lebensmittel

"Und wenn eine Gruppe von Menschen von Wut angetrieben wird, läuft sie Gefahr, Dinge zu tun, die den eigenen Zielen und Absichten schaden. Die Motive können in der Theorie edel sein, in der Praxis jedoch sind nicht die Absichten der mobilisierender Faktor, sondern die Emotionen. Dies ist besonders beunruhigend, da es im Gegensatz zur Darstellung in den sozialen Medien und der internationalen Presse, wonach die 'Bolivarische Revolution' und die Regierung keinen Rückhalt in der Bevölkerung hat, durchaus einen Teil der Bevölkerung gibt, der ebenso zornig bereit ist, den Chavismus und Präsident Maduro zu verteidigen", sagt Barrios.

"Hierbei meine ich nicht Behörden und Instanzen, die Befehle befolgen, wie die Polizei oder das Militär, sondern die paramilitärischen Gruppen und Milizen wie die sogenannten 'Colectivos' und auch unbewaffnete Bürger. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung eindeutig die Regierung ablehnt, hat der gefährliche Prozess der Polarisierung in der Gesellschaft schon mit dem Beginn der 'Bolivarischen Revolution' seinen Anfang genommen." Dieser Prozess habe in den vergangenen Monaten seinen bisherigen Höhepunkt erreicht.    

Die Sprache als Waffe

"Es gab schon immer ein hohes politisches und soziales Konfliktpotential in der venezolanischen Gesellschaft, doch das wurde durch die Verfassung und die allgemeinen Wahlen in einem politischen Prozess kanalisiert. Nun, da diese beiden Grundpfeiler der Gesellschaft beschädigt sind, haben wir nur noch Chaos und Ungewissheit", so der Sozialpsychologe Barrios. Dem stimmt auch Gisela Kozak zu, Schriftstellerin und Dozentin an der Philologischen Fakultät der Zentraluniversität von Venezuela: "Die Fortschritte die wir Venezolaner auf institutioneller und verfassungsrechtlicher Basis im 20. Jahrhundert errungen haben, gingen in den vergangenen 17 Jahren verloren. In Venezuela heißt es heute: jeder gegen jeden", sagt Kozak.   

2014 veröffentlichte Kozak eine Abhandlung ("Ni tan chéveres, ni tan iguales") über die Art und Ausdrucksweise, die Venezolaner verwenden, wenn sie über sich selbst und ihre Eigenwahrnehmung reden. "Unsere Gesellschaft hat sich in sprachliche Fraktionen gespalten, die jede für sich eigene linguistische Merkmale hat. Die 'Revolutionären' bezeichnen ihre Gegner als 'spindeldürre, staatenlose Verräter'. Sie nutzen Worte, die den Bezeichneten entmenschlichen und seiner venezolanischen Identität berauben. Es hat das Bild darüber, wer ein wahrer Venezolaner ist und wer nicht, nachhaltig beeinflusst.  Für viele ist die venezolanische Identität untrennbar mit der Ideologie des Chavismus verbunden", sagt Kozak.

"Für andere wiederum liegt die wahre venezolanische Identität in den traditionellen demokratischen Werten, die zurückerobert werden müssen. Ich teile keine dieser Ansichten. Wichtiger als die Bewahrung einer venezolanischen Identität ist meiner Ansicht nach, die Menschen zu mündigen Bürgern zu machen, so wie es Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geschafft hat. Falls möglich, sollte dies aber ohne vier Besatzungsmächte im Land geschehen", so Kozak.

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