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Kultur

Venezuela, ein gefährliches Land

„No-go-areas“ – das sind Gebiete, die man besser vermeidet. In Venezuela gibt es viele davon. Sollte man deswegen auf einen Urlaub dort verzichten? Jan Schäfer erzählt für die evangelische Kirche von Überraschungen.

Caracas hin und zurück

Es war eine sehr spontane Entscheidung: Urlaub in Venezuela. Ein Freund hatte mich auf die Idee gebracht. „Fahr doch einmal dahin wo du noch nicht warst!“ – Gesagt, getan. Im Internet fand ich den Flug, ein Sonderangebot, Caracas hin und zurück. Südamerika also. Ich habe nicht lange gefackelt und das Ticket gekauft.

Was ich dort las klang nicht unbedingt nach unbeschwerten Ferien: extrem hohe Kriminalität, Raub, Mord und Todschlag. Spontanes Kidnapping und Lösegeldforderungen. Sicherheitshinweise zuhauf. Dieses sollte man nicht tun, jenes lassen. An die Stelle meiner geliebten Urlaubsvorfreude trat eher Beklemmung. Und erste Zweifel, ob die spontane Entscheidung doch zu voreilig gewesen sei. Einem Freund musste ich versprechen jeden Tag bei ihm zu Hause anzurufen. Zu seiner Beruhigung und zu meiner Sicherheit! In der Nacht vor dem Abflug lag ich lange wach.

Pass nur gut auf!

Beim Einchecken am Flughafen die übliche Schlange am Schalter. Ich komme ins Gespräch. Das Ehepaar vor mir fliegt auch nach Caracas. Beide sind aus Venezuela und besuchen in den Ferien die Familie dort. Was ich denn vorhabe, fragen sie mich. Ich antworte: „Eine Rundreise auf eigene Faust, in die Berge, die Savanne und den Urwald“und ich blicke in besorgte Gesichter. Dann der Satz: „Pass nur gut auf! Das Land ist super-gefährlich!“ Im Flieger sitzt eine junge Frau mit ihrer Tochter neben mir. Sie lebt in Spanien und besucht in den Ferien ebenfalls ihre Familie in Venezuela. Wieder die Frage, was ich denn vorhätte. Und auf meine Antwort „Urlaub machen“ hin wieder das besorgte Gesicht. Und wieder der Satz: „Pass nur gut auf! Das Land ist super-gefährlich!“

In Caracas wechsele ich das Flugzeug. Ich will weiter in die Anden, zu einem kleinen Provinzflughafen am Rande der Berge. Während ich auf mein Gepäck warte, tritt ein Mann an meine Seite. Zu plötzlich ist er da, und zu dicht. „Pass nur gut auf! Das Land ist super-gefährlich!“, geht mir durch den Kopf. Und dann spricht er mich auch noch an. Ob ich auf dem Weg in die Berge sei, will er wissen. Ich antworte „Ja“, da kommt schon sein Angebot. Dies sei auch seine Richtung. Er würde von Verwandten abgeholt. Gerne könnte ich mit dem Auto mitfahren. Ich zögere und überlege. Ist mein neuer Bekannter einfach nur freundlich? Oder ist das schon der Anfang meiner Entführung? Ich vertraue ihm. Aber es bleibt ein Risiko. Und so bin ich selbst überrascht, als ich mich auf Spanisch antworten höre: „Ja, danke, ich komme sehr gerne mit.“

Die Verwandten, die uns abholen, entpuppen sich als Großfamilie. Ein ganzer Konvoi von Autos. Geschmückt mit Willkommensplakaten und Fahnen. Ich werde von meiner Spontanbekanntschaft einfach als sein Freund Jan vorgestellt, der mal eben mit in die Berge fahren würde. Und dann werde ich in eines der Autos verfrachtet. Im Bergdorf selbst halten wir vor einem Lokal. Die Tische sind gedeckt, ein Willkommensfest. Den ganzen Tag lang wird gefeiert. Ich bin mittendrin, rede mit der einen und dem anderen, esse und trinke. Ein wunderschöner Tag und was für ein wunderschönes und unerwartetes Willkommen in diesem fremden Land!

Am Abend im Hotel: Ich liege lange wach. Wie vor meinem Abflug. Aber diesmal, weil ich mein Glück kaum fassen kann. Welch eine großartige Gastfreundschaft! Genau das, was auch Jesus meint, wenn er bei Matthäus sagt: „Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen (Mat 25,35).“ Auch ich bin fremd und statt und müde und glücklich. Und fühle mich in diesem fremden Land auf einmal so richtig geborgen. In dieser Nacht schlafe ich so richtig gut.

Kontrolle ist gut, aber Vertrauen oft besser

In den nächsten drei Wochen erlebe ich einen wunderschönen Urlaub: hohe Andengipfel, die Weite der Savanne, das saftige Grün des Urwaldes. Immer wieder komme ich mit Menschen ins Gespräch, werde ich spontan eingeladen und nehme meistens an. Klar, ich verhalte mich umsichtig und nicht leichtsinnig, regelmäßig rufe ich meinen besorgten Freund in Deutschland an.

Wochen später zurück in Deutschland klingt das Telefon. Am anderen Ende der Leitung ist mein neuer Freund aus Venezuela. Seine einzige Frage ist, ob denn alles mit meiner Reise gut gegangen sei. Denn ich wisse ja: „Das Land ist super-gefährlich!“

Ich habe etwas anderes erlebt: Spontane Gastfreundschaft, Herzlichkeit ohne Berechnung und Hintergedanken. Unerwartete Nähe, offene und direkte Gespräche. Das Land und die Menschen haben mein Herz berührt. Bei meiner Rückkehr habe ich neben all den Bildern und Erinnerungen eine für mich wichtige Erkenntnis im Gepäck: Menschen sind oft besser als ihr Ruf.

Evangelischer Pfarrer Jan Schäfer, Frankfurt am Main

Pfarrer Jan Schäfer, Frankfurt am Main

Zum Autor:
Geboren 1965 in Siegen und aufgewachsen in Koblenz. Nach dem Studium in Mainz, Marburg und Bonn arbeitete er seit 1996 als Pfarrer im Taunus, in den USA und in Frankfurt/Main. Seit 2009 ist er als Pfarrer im Schuldienst an einer Berufsschule in Frankfurt/Main tätig. Jan Schäfer ist verheiratet.

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