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Amerika

Venezolanischer Klassenkampf in der Brauerei

"Empresas Polar" ist eine Ikone in Venezuela. Der größte Lebensmittelkonzern des südamerikanischen Landes stellt alles her, vom Bier bis zur Marmelade. Präsident Hugo Chávez würde das Unternehmen gerne enteignen.

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Frank Quijada hat sein Leben für seinen Präsidenten riskiert. Am 11. April 2002, an dem Tag, an dem die Armeeführung gegen den venezolanischen Staatschef Hugo Chávez putschte, ging der 42-jährige Gewerkschafter auf die Straße. Schüsse fielen. Der Putsch scheiterte nach nur zwei Tagen. Chávez blieb im Amt. Acht Jahre später ist Quijada immer noch bereit, sein Leben für den Präsidenten zu geben. "Sollte es einen neuen Putsch geben, werden wir ihn wieder verteidigen", sagt Quijada.

"Polar" als Ikone im industriearmen Venezuela

Foto: Hugo Chávez (ap)

Hugo Chávez nach dem gescheiterten Putsch am 14.April 2002

Aus Sicht von Chávez ist Quijada trotzdem ein Verräter. Denn der Fabrikarbeiter widersprach öffentlich dem unfehlbaren Revolutionsführer – ein Tabubruch. Quijada ist Gewerkschaftschef bei der Getränkesparte von "Empresas Polar", dem größten Privatkonzern Venezuelas. In der "Polar"-Brauerei bedient er eine Abfüllmaschine. Als Chávez Polar mit der Verstaatlichung drohte, ging Quijada auf die Barrikaden. "Wir haben in der Fabrik ein Referendum abgehalten, und kein Arbeiter, kein Gewerkschafter war für eine Enteignung von 'Polar'. Der Präsident kann nicht einfach im Fernsehen Enteignungen ankündigen, ohne vorher uns Arbeiter und Gewerkschafter zu konsultieren", sagt der Arbeitnehmervertreter.

"Polar" ist eine Ikone im industriearmen Venezuela. Das Unternehmen produziert das Maismehl, mit dem die Venezolaner ihre beliebten Maisfladen, die "Arepas" backen. Auf keiner Fiesta darf das "Polar"-Bier fehlen. Doch Chávez ist das kapitalistische Musterunternehmen ein Dorn im Auge. Der Armeeoberst baut sein Land immer stärker zur sozialistischen Staatswirtschaft um. Einer der Schlüsselsektoren ist die Lebensmittelindustrie, die Chávez Schritt für Schritt unter staatliche Kontrolle bringt. "Wir haben hier eine Bourgeosie, die unserem Volk wieder einmal schaden will. Das wird sie nicht schaffen", drohte Chávez vor einigen Monaten mit Blick auf Polar. "Wir werden sie nach und nach aus unserem System der Lebensmittelproduktion entfernen."

Taktik kleiner, nervender Nadelstiche

"Polar" ist zu groß und zu verankert in der venezolanischen Gesellschaft, als dass Präsident Chávez das Unternehmen auf einen Schlag enteignen könnte. Stattdessen greift er auf die Taktik kleiner, aber nervender Nadelstiche zurück. Im April enteigneten die Behörden ein "Polar"-Lager im Bundesstaat Lara. Im Oktober folgten der größte Silobetreiber und der wichtigste Glashersteller Venezuelas. Wichtigster Kunde war in beiden Fällen "Polar".

Carlos Larrázabal, Chef des venezolanischen Industrieverbandes (Foto: Thomas Wagner)

Carlos Larrázabal, Chef des venezolanischen Industrieverbandes

Der Präsident wolle aus dem erfolgreichen Konzern einen Gegenspieler in einer ideologischen Schlacht machen, sagt der Chef des venezolanischen Industrieverbandes, Carlos Larrázabal. "Die Regierung unternimmt enorme Anstrengungen, um zu zeigen, dass die verstaatlichten Unternehmen effizient arbeiten, aber die Realität sieht anders aus. Also versucht sie, 'Polar' zu zerstören, weil der Konzern im Vergleich der Beweis für das Scheitern der öffentlichen Unternehmen ist."

Gewerkschafter fühlen sich benutzt

Der kommerzielle Erfolg von "Polar" zeigt sich an den Leistungen, die Gewerkschaftschef Quijada für die 13.000 Bierbrauer herausschlagen konnte. "Pro Woche kommt ein Mechaniker mit 20-jähriger Berufserfahrung bei uns auf 7800 Bolívares Fuertes". Umgerechnet sind das monatlich etwa 3400 Euro. Zum Vergleich: Ein Polizist der städtischen Polizei von Caracas verdient pro Monat rund 170 Euro. Darüber hinaus zahlt "Polar" seinen Mitarbeitern Urlaubs- und Weihnachtsgeld, eine Krankenversicherung, Lebensmittelscheine und Hochschulstipendien für die Kinder. "Wir stellen hier einen Arbeiter aus einem Armenviertel wie Petare ein und nach vier, fünf Jahren kann er bereits sein eigenes Haus und Auto kaufen", sagt Quijada.

"Polar"-Arbeiter Obed Villegas stammt aus Petare, dem größten Slum von Caracas, vielleicht sogar von Südamerika. Mit 18 Jahren fing der heute 40-Jährige bei "Polar" an. Er erinnert sich noch gut an die Zeit vor dem Amtsantritt von Chávez 1999: "Mein Vater, mein Bruder und ich gingen arbeiten, und häufig reichte es trotzdem nicht für eine Mahlzeit am Tag. Deswegen unterstütze ich die Revolution und die Gleichheit zwischen den Klassen." Als Gewerkschafter fühle er sich aber mittlerweile von Chávez benutzt, sagt Villegas. "Zu Beginn hat er die Gewerkschaften unterstützt, doch jetzt greift er uns und unsere Unternehmen an."

Zunehmend radikaler Kurs des Präsidenten

Frank Quijada , Chef der Gewerkschaft bei Polar (Foto: Thomas Wagner)

Frank Quijada , Chef der Gewerkschaft bei "Polar"

In den Anfangsjahren seiner Amtszeit ließ Fidel Castro-Verehrer Chávez vor allem brach liegende landwirtschaftliche Nutzfläche und stillgelegte Fabriken verstaatlichen. In den letzten drei Jahren wurden aber mehr und mehr rentable und gut laufende Privatfirmen verstaatlicht. Quijada hält dies für den falschen Weg. "Die venezolanische Wirtschaft liegt am Boden. Wer investiert hier noch, wenn Du keine Garantien hast, und wenn morgen jemand kommt und Dir alles wegnimmt?"

Nach der Parlamentswahl im September kündigte Chávez an, er wolle Venezuela noch schneller zum Sozialismus führen. Mit seinem zunehmend radikalen Kurs verliere der Präsident aber seine Anhänger in den Armenvierteln, warnt Quijada. "Das Volk wird sich langsam bewusst, dass wir nicht an den Sozialismus gewohnt sind, den Chávez will. Gestern hat er die Großgrundbesitzer enteignet, heute die Privatfirmen und morgen nimmt er uns vielleicht Haus und Auto weg." Quijada ist sich sicher: "Wenn Chávez seinen Kurs nicht ändert, dann wird er 2012 die Präsidentschaftswahl verlieren."

Autor: Thomas Wagner
Redaktion: Oliver Pieper

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