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Kultur

Vegetarier wollen die Umwelt schonen

Sängerin Nina Hagen tut es, der Theologe Eugen Drewermann und die Literaturredakteurin Iris Radisch von der Wochenzeitung "Die Zeit" tun es auch - auf Fleisch verzichten. Die Vegetarier verlassen ihr Nischendasein.

Symbolbild Vegetarismus - Aufgeschnittenes Stück Fleisch mit einem darübergelegtem Verbotszeichen (Foto: DW)

Der berühmteste Verzicht, den Menschen bewusst und willentlich leisten, ist wohl der auf Sexualität. Vor allem katholische Priester, Nonnen und Mönche verzichten wegen ihres Glaubens auf körperlichen Kontakt mit einem Partner. Beim Verzicht auf Fleisch bei der Ernährung ist die Sache komplexer, religiöse Gründe für Vegetarismus spielen allenfalls in Ländern wie Indien eine Rolle. In den vergangenen Wochen gab es in Deutschland eine starke öffentliche Diskussion über den Sinn und die Notwendigkeit vegetarischer Ernährung. Zunehmend bekennen sich nun Prominente und Intellektuelle zu ihrer vegetarischen Überzeugung.

Fleisch essen ist schlimmer für das Klima als Autofahren

Buchcover 'Tiere essen' (Foto: Kiepenheuer & Witsch)

Ein Buch, das viele bewegt

Kritik an der Vorstellung, Fleischgenuss sei natürlich und gesund, gibt es schon lange. Allerdings hat diese Kritik bisher nicht für große öffentliche Aufregung gesorgt. Das hat das vor kurzem erschienene Sachbuch "Tiere essen" von US-Autor Jonathan Safran Foer nachgeholt. Foer hatte bisher mit seinen Romanen großen Erfolg. Er beschreibt die Gräuel der industrialisierten Tierzucht und Schlachtung. Er weist darauf hin, dass 99 Prozent unseres Fleisches aus Massentierhaltung stammen. Die sei nicht nur unmoralisch, sondern auch der wichtigste Grund für die globale Klimaänderung. Je nach Studie werden durch die Massenproduktion von Tieren zwischen 18 und 51 Prozent der von Menschen verursachten Treibhausgase erzeugt. Darauf hatten auch schon andere hingewiesen, aber jetzt scheint die Zeit reif zu sein für die Botschaft: Fleisch essen in der Weise, wie es heute geschieht, ist extrem umweltschädlich.

Oder wie es die Literaturredakteurin der Wochenzeitung "Die Zeit", Iris Radisch, in einem Artikel schrieb: "Fleisch essen ist schlimmer als Autofahren". Außerdem stellt sie die ethische Grundfrage: "Ist es möglich, dass das, was seit Jahrtausenden als normal gilt, dennoch ein ungeheures Unrecht ist?" Und Radisch beschreibt auch die soziale Haltung, die mit der Ernährungsform früher und heute einhergeht: "Ausgiebiger Fleischgenuss signalisierte lange Zeit Wohlstand, und Wohlstand signalisierte soziale Integration. Vegetarismus hingegen war eine Lebensweise mit dem zweifelhaften Odium einer sektiererhaften Marotte. Der Vegetarier war ein Sonderling, ein Außenseiter der Gesellschaft."

Vom Exoten zum Ernährungs-Bohemien

Massentierhaltung in einer Geflügelfarm im Kreis Diepholz (Foto: dpa)

Massentierhaltung in einer Geflügelfarm

Inzwischen seien die Vegetarier in der Mitte der Gesellschaft angekommen, betont Iris Radisch. Dem kann Sebastian Zösch, Geschäftsführer des deutschen Vegetarierbundes, nur zustimmen. Er betont, dass sich die Einstellung in der Bevölkerung gewandelt hat - und auch die Vegetarier selbst. Früher war das Klischeebild des Vegetariers der asketische Müsli-Esser. Heute sei es einfach "modern und hip", auf Fleisch zu verzichten. Auch viele Stars in Hollywood ernähren sich mittlerweile vegetarisch oder sogar vegan, verzichten also vollkommen auf tierische Produkte, auch auf Milch und Eier. Eine Massenbewegung wird es wohl trotzdem nicht geben, doch die Menschen sind mehr denn je sensibilisiert für eine andere Form der Ernährung. Zur Klimadiskussion kommen schädliche Krankheiten und Lebensmittelskandale: Rinderwahn, Vogelgrippe und Gammelfleisch.

Genuss statt Askese

Paprikas und Gurke (Foto: DW)

Unterschätzte Vielfalt

Den typischen Vegetarier gibt es nicht, aber es gibt deutliche Tendenzen: Zwei Drittel der Vegetarier sind weiblich. Meistens haben sie einen höheren Bildungsstand und leben in der Großstadt. Inzwischen bedeutet Verzicht auf Fleisch nicht mehr unbedingt Selbstbeschneidung. Köche entdecken das aromatische Reich der vegetarischen Küche und Vegetarier wollen genießen. Der Vegetarierbund hat daher jetzt auch die vegetarische Messe "Veggie World" ins Leben gerufen. Ihr Untertitel lautet "Messe für nachhaltiges Genießen". Damit wolle man mehrere Strömungen vereinen, betont Sebastian Zösch. Einerseits gehe es um ressourcenschonenden Umgang mit der Umwelt, gleichzeitig aber auch um kulinarische Vielfalt.

"Am besten ist es, kein Fleisch zu essen, am zweitbesten, weniger Fleisch zu essen", sagt US-Autor Safran Foer. Damit rennt er bei vielen Deutschen offene Türen ein, die auch bei der Ernährung das Prinzip entdecken: Weniger ist mehr. Statt alle Tage Schweinebraten oder Schnitzel aus der Supermarkttheke kaufen sie lieber ab und zu ein Stück Bio-Fleisch, das dann zwar teurer ist, aber vielleicht auch besser schmeckt.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Sabine Oelze