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Europa

"Vatermord" passt zu Strategie von Marine Le Pen

Kommt das Ende der Doppelstrategie beim Front National zwischen dem rechtsradikalen Gründungvater und der Modernisierung durch Parteichefin Marine Le Pen?

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Tochter und Vater Le Pen wollen getrennte Wege gehen

Marine Le Pen hat in Paris bereits den Parteivorstand einberufen, um den angekündigten Vatermord in die Tat umzusetzen: Es geht um den Ausschluss von Jean-Marie Le Pen aus der Partei, die er vor über vierzig Jahren gegründet hatte. Einmal zu oft hatte der Alte die ewig bekannten Provokationen losgelassen, mit denen er seit Jahrzehnten seinen Platz in den französischen Schlagzeilen behauptet. Im rechtsradikalen Hausblatt "Rivarol" wiederholte er erneut, dass die Gaskammern der Nazis nur ein Detail der Geschichte seien und Marschall Pétain, Chef des Kollaborationsregimes im besetzten Frankreich, eigentlich ein guter Patriot war.

Frankreich Jean-Marie Le Pen

Für den Gründungsvater des FN gehört die Provokation seit je zur Politik

Da platzte der Tochter schließlich der Kragen. Sie forderte ihren Vater auf, den Ehrenvorsitz der Partei freiwillig niederzulegen. Darüber hinaus solle er auf eine Kandidatur für die Regionalwahl im südöstlichen Bezirk bei Marseille verzichten. Sie sieht durch Jean-Marie Le Pen ihre Strategie sabotiert, den Front National zu "entgiften", das Bild der Partei zu dem einer mehrheitsfähigen nationalen Bewegung umzuformen. Aber das rechtsradikale Urgestein will nicht freiwillig abtreten, er fordert seine Tochter heraus: "Sie will meinen Tod, sie kann auf meine Unterstützung nicht mehr rechnen", klagte er lauthals im Sender BFM TV.

Dolchstoß wie im antiken Rom

Die französischen Kommentatoren bemühen für diese Vorgänge im Familienbetrieb Front National allerhand Vergleiche, etwa mit dem mörderischen Familienclan der Borgias im 16. Jahrhundert. Oder den Vorgängen im antiken Rom, wo der Dolchstoß gegen den Pater Familias dazu diente, die beschmutzte Ehre der Sippe wieder herzustellen. Oder sie beschreiben den Familienstreit im Haus Le Pen als Psychodrama, wo jetzt die Enkelin und neue Star der Partei vor eine schwere Wahl gestellt werde: Die frisch gebackene Abgeordnete Marion müsse zwischen der Loyalität mit dem Großvater oder der Unterwerfung unter die Tante Marine entscheiden.

Marion Maréchal-Le Pen, Foto: Reuters

Enkelin Marion Maréchal-Le Pen ist der aufsteigende Stern der Partei

Denn der Aufstieg des Front National und die heutigen Erfolge sind eine Familiengeschichte: Man bleibt so sehr unter sich, dass die Parteichefin auch ihre Partner nur aus den eigenen Reihen rekrutiert. Inzwischen ist sie beim dritten FN-Funktionär als Lebensgefährten angelangt. Aber ist das Ganze nun ein realer politischer Streit oder eine Inszenierung, die Marine Le Pen nutzt, um das rechtsradikale Schmuddelimage der Pétain-Anhänger und Antisemiten aus der Gründungszeit der Partei endgültig abzustreifen?

Der Kern der Partei bleibt unverändert

Der Europaabgeordnete der Grünen Yannick Jadot glaubt, dass Marine Le Pen den Familienkrach nutzt, um die Modernisierung der Partei nach außen voran zu treiben. Dahinter allerdings stehe immer noch die gleiche Ideologie, wie man sie bei allen Europaabgeordneten des FN beobachte: Sie seien dermaßen rassistisch, homophob und antisemitisch, dass sie sogar innerhalb der europäischen Rechten eine Ausnahme darstellten. Marine und Jean-Marie Le Pen sitzen beide im Europaparlament, das sie wie die gesamte EU vehement bekämpfen. Schon seit Jahren habe der Front National eine Doppelstrategie gefahren, erklärt Jadot: Der Vater war für die alten Algerienkämpfer und harten Nationalisten da, die Tochter verschob das Image der Partei in eine moderatere Richtung. "Jetzt ist sie an dem Punkt angekommen, wo es gut für die Partei ist, den Vater zu töten. Es ist ein Coup, er hat seinen Zweck erfüllt." Jetzt werde Jean-Marie Le Pen zu einem Detail der Geschichte seiner eigenen Partei, so Jadot in Anspielung auf Le Pens Zitat, die Absetzung sei "ein kultureller Sieg" für Marine Le Pen. Der Kern der Partei aber werde dabei gleich bleiben.

Frankreich Marine Le Pen Departement Wahlen

Marine Le Pen verfehlte bei den Departement Wahlen ihr Ziel

Das glaubt auch der konservative Ex-Minister Bruno Le Maire von der UMP: Es gebe gar keinen Bruch in der Partei: "Jean-Marie Le Pen und seine Tochter denken das gleiche, außer bei der Wirtschaftspolitik. Aber im Innersten bleibt der Front National unverändert. Das ist ein Familienunternehmen, da gibt es immer Streitigkeiten. Und was man uns vormachen will ist, dass Marine Le Pen für die Modernisierung steht." Sie verspricht ihren Wählern ein Frankreich ohne Globalisierung, mit protektionistischer Wirtschaft, voller nostalgischer Werte und Vaterlandsliebe. Dagegen ohne Migranten, ohne Euro und ohne Europa, aber mit Putin. Den russischen Präsidenten verehrt die Parteichefin als großen Patrioten und Kämpfer gegen den dekadenten Westen und lässt sich von ihm sogar finanzieren. Ein Viertel der Wählerschaft konnte sie mit dieser eigentlich kruden politischen Mischung bei den Departementswahlen im März anziehen, das war zwar deutlich weniger als erwartet, aber immer noch ein beachtlicher Erfolg.

Marine Le Pen will auch konservative Wähler anziehen

Plakat des FN, Foto: PIERRE ANDRIEU/AFP/Getty Images

Anti-europäische Parolen gehören zum Repertoire des Front National

Jetzt geht es darum, da sind sich die politischen Analysten in Paris einig, die historische harte Rechte um Jean-Marie Le Pen abzuspalten, ohne dessen Wählerschaft zu verlieren. Denn die Vergangenheit des FN liegt erst vier Jahre zurück: Noch 2011 hatte der Alte den Parteitag in Tours zu Begeisterungsstürmen hingerissen, als er den Vorsitz an seine Tochter weiterreichte. Neue Wähler aber, die eigentlich aus dem Lager der Konservatien kommen, könnten von der praktizierten Doppelgesichtigkeit des Front National vielleicht verunsichert sein, so die Analyse, deshalb der öffentlich inszenierte Bruch mit Le Pen Senior. Und Grünen Politiker Jado glaubt, dass die Partei durch die Trennung von der eigenen Geschichte noch gefährlicher werde, als sie es bisher schon war. Weil es ihr zunehmend besser gelingt, ihren wahren Charakter zu verschleiern.

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