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Afrika

Vater: "Keiner sagt uns etwas"

Seit über einem Monat sind mehr als 200 Mädchen in der Gewalt von Boko Haram. Die Deutsche Welle konnte mit einem Vater sprechen. Der hat die Hoffnung, seine Tochter lebend wiederzusehen, schon fast verloren.

Deutsche Welle: Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie erfahren haben, dass Ihre Tocher von Boko Haram entführt wurde?

Vater: Ich habe mich furchtbar gefühlt - und gleichzeitig kam eine Wut in mir hoch. Die Mädchen sollten doch vom Staat geschützt werden! Als ich dann verstanden habe, dass Boko Haram meine Tochter entführt hat, war das sehr schmerzhaft.

Wie geht es Ihrer Ehefrau?

Der geht es noch viel schlechter als mir. Wenn Sie sie jetzt sehen würden, wären Sie schockiert. Sie isst nichts mehr. Früher hat sie immer gerne Schmuck getragen, Ohrringe oder Ketten. Das ist ihr jetzt alles egal. Sie sieht aus wie eine alte Frau. Sie ist sehr depressiv.

Was war Ihre erste Reaktion, nachdem sie realisiert haben, was passiert ist?

Wir wollten zusammen mit anderen Eltern entführter Mädchen demonstrieren. Alle wichtigen Beamten der Regionalverwaltung haben Chibok nämlich einfach verlassen, nachdem der Angriff passiert ist.

Sie haben also überhaupt keine Hilfe bekommen?

Nein, gar nichts. Es war der 14. April, als das alles passiert ist. Am 21. April kam der Gouverneur von Borno (Bundesstaat, in dem Chibok liegt; Anm. d. Red.) vorbei. Seitdem haben wir niemanden von der Regierung hier gesehen.

Sie werden also auch nicht informiert, ob es Fortschritte bei der Suche nach Ihren Töchtern gibt?

Nein. Alles, was wir wissen, erfahren wir von Euch Journalisten. Im Radio oder im Fernsehen, manche bei uns haben einen Fernseher. Aber die Regierung hat uns nie informiert.

Wie, glauben Sie, können Ihre Töchter gerettet werden?

Wie soll ich das denn wissen? Es ist jetzt schon mehr als einen Monat her. Wenn es eine Möglichkeit gäbe, unsere Töchter zurück zu bekommen, hätte das doch eigentlich schon passieren müssen. Bis heute haben wir keine Nachrichten erhalten, die uns Hoffnung geben könnten. Wir haben nur die Aufnahmen aus dem Video gesehen, das von Boko Haram gedreht wurde.

Haben Sie Ihre Tochter in dem Video identifizieren können?

Leider nicht. Die Gesichter waren so klein. Und meine Augen sind nicht so gut. Außerdem waren alle verschleiert. Ich konnte sie leider nicht sehen.

Still aus dem Entführungsvideo von Boko Haram

Dieses Video von Boko Haram ist das einzige Lebenszeichen der entführten Mädchen

Wie kann es jetzt weitergehen?

Die Mädchen sind ja jetzt vollkommen in der Macht von Boko Haram. Es heißt, wenn man jemandem die Hände verbindet und ihn ins Wasser wirft, muss er sterben. Die haben sie doch vollkommen unter ihrer Kontrolle. Wenn man ihnen sagt, legt Euch auf den Boden, dann legen sie sich hin. Wenn man ihnen sagt, springt, dann springen sie.

Wie können Sie diese Vorstellung ertragen?

Es spielt doch keine Rolle, was ich fühle. Ich kann ja nichts tun. Ich würde sofort dafür sterben, sie zurück zu bekommen.

Sie würden Ihr Leben opfern?

Auf jeden Fall. Wenn sie mir sagen, komm mit in den Sambisa Wald (Gegend, in dem viele Boko Haram Kämpfer und auch einige der entführten Mädchen vermutet werden, Anm. d. Red.), dann komme ich mit. Wir müssen alle sterben.

Können Sie uns noch etwas über Ihre Tochter erzählen?

Meine Tochter - sie ist so eine liebenswürdige Person. Seitdem sie ein kleines Kind war, war sie schon immer so pflichtbewusst. Wir hatten nie Probleme mit ihrer Erziehung. Und sie ist sehr intelligent. Sie ist mein viertes Kind. Die anderen haben alle schon ihren Schulabschluss. Mein Erstgeborener ist gestorben. Der andere Sohn hat gerade geheiratet. Am 12. April - zwei Tage, bevor sie mir meine Tochter genommen haben. Ich selbst habe sie an dem Tag noch auf meinem Motorrad zur Schule gebracht. Sie hat gesagt: Vielen Dank, Vater, wir sehen uns bald wieder. Das waren ihre letzten Worte: Vielen Dank, Vater, wir sehen uns bald wieder.

Gibt es noch irgendetwas, was Sie sagen möchten?

Ja, ich bitte darum, dass das Ausland hilft, unsere Töchter zu finden. Ich habe gehört, dass schon einige Länder helfen wollen. Sie sind bei uns sehr willkommen.

Das Gespräch führten Uwais Idris und Jan-Philipp Scholz

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