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Kunst

Varusschlacht: Als die Germanen mal die Römer überraschend besiegten

Um die berühmte Varusschlacht spinnen sich Legenden. Sie gilt als Geburtsstunde Deutschlands. Was ist dran an dem Mythos? An welchem Ort triumphierte der Germanen-Führer Arminius eigentlich über die römische Armee?

In der so genannten Schlacht im Teutoburger Wald, auch bekannt als Varusschlacht oder Hermannsschlacht, vernichteten germanische Stämme unter der Führung des Cheruskerfürsten Arminius im Jahre 9 nach Christus drei römische Legionen. Später wurde Arminius als "Hermann, der Cherusker" und Retter Germaniens glorifiziert. Immerhin führte er eine handvoll germanischer Stämme gegen eine wohl 18.000 Mann starke römische Armee an.

Die Schlacht gilt als Geburtsstunde der deutschen Nation, und ist so in die Geschichte eingegangen. Die Niederlage ihrer sieggewohnten Legionen erschütterte das Römische Reich. Der erste deutsche Held war geboren - und wird von manchen Historikern als Hauptgrund dafür angeführt, warum Rom davon Abstand nahm, die Gebiete nördlich und östlich des Rheins weiter zu erobern und zu kolonisieren.

Römer- und Germanentage 2013 in Bramsche-Kalkriese (Getty Images)

Alle zwei Jahre wird die Varusschlacht in Kalkriese nachgestellt

Der Ort des einstigen Schlachtfelds ist bis heute umstritten, da er nicht schriftlich überliefert wurde. Womöglich lag er in Kalkriese, einem kleinen Landstrich bei Osnabrück, der 1987 entdeckt wurde. Seitdem versuchen Archäologen herauszufinden, wie es Arminius gelang, drei gut ausgebildete römische Legionen, angeführt von Publius Quinctilius Varus, dem Statthalter Germaniens, in vier Tagen blutigen Gemetzels zu besiegen.

Knochen- und Waffenfunde als Indizien

Das Beweismaterial ist umfangreich: menschliche Knochen, hunderte Münzen, Speerspitzen, Schleuderblei, Überreste römischer Rüstungen, Gürtelschnallen, Zeltpflöcke, Sandalennägel, Operationsbestecke und die Gesichtsmaske eines Reiterhelms. Dennoch können Experten nicht mit Sicherheit sagen, dass die Region in der Nähe von Bramsche-Kalkriese, 15 Kilometer nordöstlich von Osnabrück, wirklich Schauplatz der Varusschlacht vor mehr als 2000 Jahren war.

Ungeklärt ist auch der genaue Hergang der Schlacht: War es ein Überfall aus dem Hinterhalt auf die Römer, die im Gänsemarsch durch den Wald zogen, bevor es zum Kampfgeschehen in einem Engpass zwischen einem Hügel und Moor kam?

Archäologische Spuren in Kalkriese

Ein neues Forschungsprojekt soll ab dem 4. September helfen, offene Fragen zu klären. Geplant sind weitere Ausgrabungen und umfangreiche metallurgische Untersuchungen der Objekte, die bisher entdeckt wurden.

Ausgrabungen in Kalkriese Goldmünzen vom Typ Gaius Lucius (picture-alliance/dpa/F. Gentsch)

Diese Goldmünzen wurden in Kalkriese gefunden und sind aus der Zeit von Kaiser Augustus

Der letzte Beweis stehe noch aus, meint Dr. Salvatore Ortisi, Professor für Provinzialrömische Archäologie an der Universität München. "Uns fehlt die Inschrift der 19., 18. oder 17. Legion." Die Forscher hofften auf "irgendein Stück von einem Helm mit einer Besitzinschrift, eine Plakette mit einer Nennung einer Einheit, einen gestempelten Geschossbolzen", sagte Ortisi der Deutschen Welle.

Obwohl manche Historiker meinen, die Funde stammten von einer späteren Schlacht am gleichen Ort, mehren sich seit Jahren die Indizien, dass die Varusschlacht wirklich in Kalkriese stattfand.

Neue Ausgrabung soll neue Erkenntnisse bringen

Archäologen fanden acht Gruben mit Knochen von Männern im Alter von etwa 20 bis 45 Jahren sowie Schädel mit großen Löchern. Die Gruben passen zu römischen Aufzeichnungen. Diesen zufolge kam eine Armee, unter Leitung des Feldherren Germanicus, im Jahre 16 nach Christus an den Ort der Varusschlacht und fand dort Berge von gebleichten Knochen, die sie vor Ort begrub. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Experten auf der richtigen Spur sind: Es sind bisher keine Münzen aufgetaucht, die nach dem Jahre 9 nach Christus geprägt wurden.

Die anstehende Ausgrabung könnte die Theorie erhärten, dass die Römer zum Ende der Schlacht in aller Eile ein befestigtes Lager errichteten. Bei einer Grabung 2016 fand Ortisis Team eine Sandschicht, die auf ein römisches Fort hinweisen könnte. Im Sand fanden die Archäologen Fragmente verkohlten Holzes, das nicht von einheimischen Bäumen stammte - und das auf das erste Jahrhundert vor Christus datiert wurde.

Deutschland Über 200 römische Silbermünzen gefunden bei Osnabrück (picture-alliance/dpa/F. Gentsch)

Immer wieder werden mit Hilfe von Metalldetektoren römische Funde entdeckt

Die Entdeckung wirft ein neues Licht auf die bisherige Vermutung, dass der 400 Meter lange Wall auf dem Schlachtfeld - teilweise für das Museum rekonstruiert - Teil einer germanischen Festung gewesen sei, von der aus Arminius und seine Mannen die Römer überfielen.

Nun planen die Experten, den Boden etwas weiter westlich zu untersuchen. Sollten sie wieder auf eine Sandschicht stoßen, könnte das für Ortisis Theorie mit der römischen Festung sprechen - und einen neuen Blick auf den möglichen Hergang der Kampfhandlungen werfen.

In dem Fall spräche vieles dafür, dass es sich um ein römisches Lager gehandelt habe, das von den Germanen überrannt wurde, erklärt Ortisi: "Das würde zur historischen Überlieferung passen."

Wahrscheinlich hätten die Römer "unter dem Druck der germanischen Angriffe am Nachmittag oder Abend schnell und provisorisch ein Lager angelegt", so Ortisi weiter. Letztlich seien sie vertrieben worden und Richtung Norden geflohen. Um nicht den Germanen in die Hände zu fallen, beging Varus allerdings Selbstmord.

Verzweifelte Niederlage

Die Suche nach Antworten ist spannend und ergreifend zugleich. Die Funde erzählen Geschichten von verzweifelten Legionären, die hastig Münzen vergruben, von Toten und Sterbenden, denen brutal die Rüstung entrissen wurde, von Körpern, die achtlos im Wald zurückgelassen wurden und Siegern, die in aller Ruhe plünderten und ihre Beute sorgsam stapelten.

Deutschland Über 200 römische Silbermünzen gefunden bei Osnabrück (picture-alliance/dpa/F. Gentsch)

Fundort und Prägung der Münzen erzählen den Archäologen viel

Ein faszinierender Ort, meint der Münchener Professor, "weil wir eine Momentaufnahme von einem Ereignis mit einiger Tragweite haben und weil wir natürlich auch im Ansatz die Schicksale der Menschen nachfühlen können, die gekämpft haben und gestorben sind." Aus römischer Sicht, fügt der Sohn eines Italieners hinzu, habe der Ort etwas Bedrückendes: "Dort steckt eine Menge Tragik."

In der Tat fanden Archäologen viele Hinweise auf den für die Römer verhängnisvollen Ausgang der Schlacht: Gürtelschnallen, Scharniere und diverse Kleinteile, die nahelegen, dass den Toten gewaltsam die Kleidung vom Leib gerissen wurde.

Metall - zum Beispiel die Rahmen der römischen Schilde - wurde zum Transport fein säuberlich gestapelt. Die Beute sollte wohl unter den Siegern verteilt werden, so eine Theorie. Doch ein Teil des Raubguts ging in dem Durcheinander verloren und blieb auf dem dichten Waldboden liegen.

So genannte "Börsenfunde" oder "Edelmetallhorte" waren vermutlich Versuche, den eigenen Geldbeutel noch zu verstecken, bevor es richtig eng werden würde, meint Ortisi. "Es spricht alles dafür, dass es eine sehr, sehr bedrohliche Situation gewesen sein muss."

Römische Armee von den Germanen ausgetrickst

Es bleibt die Frage, wie germanische Stämme eine derart große Armee schlagen konnten, die ihnen eigentlich in Disziplin, Ausbildung und Ausrüstung überlegen war. Vermutlich seien die Römer schlicht überrascht worden und hätten sich in dem dichten Wald nicht wie gewohnt formieren können, meinen Historiker. Außerdem war Arminius ein gewiefter Kämpfer. Als Anführer germanischer Verbände im römischen Heer kannte er zudem die römische Kriegsführung genau.

"Die Germanen haben die Römer sehr geschickt in eine Lage manövriert, in der sie ihre Überlegenheit nicht mehr ausspielen konnten", erklärt Ortisi. Und dann kam die Psychologie ins Spiel. Als die Niederlage unausweichlich schien, löste sich die Armee auf, sagt Ortisi. Die Disziplin der Legionäre schwand, die Stärke der Einheit war dahin und jeder Soldat kämpfte nur noch für sich.

Metallurgische Untersuchungen

Neue Erkenntnisse erhoffen sich die Experten auch von einem von der Volkswagen-Stiftung geförderten Projekt, in dem Fragmente metallurgisch untersucht werden sollen. Kriegsgerät schmiedeten die Römer oft aus geschmolzenen Metallresten. Je länger Legionen sich in einer bestimmten Gegend aufhielten, desto erkennbarer ist der metallurgische "Fingerabdruck".

Varus' Legionen waren jahrzehntelang am Rhein stationiert, an der Grenze zu den unbesiegten Germanenstämmen. Die Truppen des römischen Feldherrn Germanicus, der sechs Jahre nach der Varusschlacht einen Feldzug gegen die Germanen anführte, kamen dagegen aus weit entfernten Landesteilen, dem heutigen Spanien und Ungarn. Eine Analyse der Metallfunde in Kalkriese, so die Hoffnung der Wissenschaftler, könnte aufzeigen, wer dort gekämpft hat. Waren es die Legionen des Germanicus, dann ist Kalkriese nicht der Ort der Varusschlacht.

Mythos und Propaganda

Was auch immer die neuesten Untersuchungen ergeben, der Mythos um die Varusschlacht bleibt eine Lektion in Sachen "Fake News". Seit dem 16. Jahrhundert huldigen Nationalisten Arminius - oder "Hermann", wie ihn Martin Luther nannte - als heroischen Befreier, der den Grundstein für die deutsche Nation legte. Was so nicht stimmt.

Hermannsdenkmal bei Hiddesen im Teutoburger Wald (picture-alliance/dpa)

Das Hermannsdenkmal ist ein beliebter Ausflugsort

Arminius habe weder Germanien befreit noch die deutsche Nation gegründet, meint der Historiker Tillmann Bendikowski, der das Sachbuch "Der Tag, an dem Deutschland entstand: Geschichte der Varusschlacht" geschrieben hat. Die mehr als 50 Germanenstämme der Antike gelten als Vorfahren vieler europäischer Nationen, nicht nur der Deutschen. Auch wurden sie nicht von Arminius geeint. Er überredete lediglich fünf Stämme, sich ihm anzuschließen - und wurde ein paar Jahre nach der Varusschlacht von Mitgliedern seines eigenen Stammes getötet.

Erzählung der deutschen Nation

"Wie schwer es fällt, nationale Mythen hinter uns zu lassen, bemerken wir ja gerade in der EU und den USA mit dem Rückfall in nationale Stereotypen", sagt Bendikowski gegenüber der Deutschen Welle. "Es ist erschreckend, wie schnell dieser Reflex zurück ins Nationale führen kann."

Im 19. Jahrhundert, zu einer Zeit, als Deutschland aus vielen Kleinstaaten bestand, galt Hermann als Symbol nationaler Einheit. Als blonder, muskelbepackter Krieger war Hermann im 18. und 19. Jahrhundert der Held zahlreicher Opern und Theaterstücke. 1875 - vier Jahr nach der Reichsgründung - wurde das monumentale Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald fertiggestellt. Es war elf Jahre lang die höchste Statue der westlichen Welt. Allein das Schwert des Kriegers misst sieben Meter.

Nach 1945 war es erst einmal vorbei mit der Heldenverehrung. Doch die Ausgrabungen in Kalkriese, die Medienberichte und Buchveröffentlichungen zum 2000. Jahrestag der Varusschlacht vor acht Jahren haben das Interesse neu aufleben lassen. Jedes Jahr verzeichnet das Museum in Kalkriese 80.000 Besucher, darunter viele Schulklassen. "Der Mythos, der sich um Hermann den Cherusker rankt, ist nach wie vor in vielen Köpfen verankert", ist sich Museumsdirektor Joseph Rottmann sicher. "Wir bemühen uns, ein neutrales Bild der Geschichte zu vermitteln und so jedem Besucher einen eigenen Blick auf die Geschichte ermöglichen."

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