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Globale Zusammenarbeit

Vargha: "Wir müssen Zwangsarbeit sichtbar machen"

Selbst die Internationale Arbeitsorganisation war überrascht: Laut einer Studie werden weltweit 150 Milliarden Dollar mit Zwangsarbeit erwirtschaftet. Die Politik müsse handeln, fordert ILO-Expertin Corinne Vargha.

Deutsche Welle: Frau Vargha, auf 150 Milliarden US-Dollar schätzt eine

Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO)

die jährlichen Einnahmen durch Zwangsarbeit weltweit. Fast 21 Millionen Menschen müssen gegen ihren Willen arbeiten - haben Sie diese Zahlen überrascht?

Corinne Vargha: Ja, das haben sie. Die Zahlen sind dreimal höher als die letzten, die wir erhoben haben. Vor allem haben sie uns überrascht, weil es konservative Schätzungen mit einer sehr eng gefassten Definition von Zwangsarbeit sind. 150 Milliarden US-Dollar Profit durch 21 Millionen Zwangsarbeiter - es gibt viele Länder auf der Welt, deren Bevölkerung und Bruttoinlandprodukt da nicht herankommen. Das ist eine riesige Nation versteckter Menschen, über die nicht genug geredet wird. Hier muss gehandelt werden.

In welchen Bereichen werden diese Menschen ausgebeutet?

90 Prozent werden zur Arbeit in der privaten Wirtschaft gezwungen, die restlichen 10 Prozent zwingen Staaten zur Arbeit. Von den 90 Prozent sind 22 Prozent Opfer von sexueller Ausbeutung. Andere werden zur Arbeit in der Landwirtschaft, dem Baugewerbe, Bergwerken, Fabriken oder in privaten Haushalten gezwungen.

Zwangsprostitution macht weltweit 99 Milliarden der 150 Milliarden US-Dollar jährlich aus. Das liegt vor allem daran, dass ein Großteil der Profite direkt in die Taschen von Menschen geht, die andere Menschen zur Prostitution zwingen.

Prostitution Zwangsprostitution Frau auf der Straße

Ein Großteil der Profite wird durch Zwangsprostitution erwirtschaftet

Wie kommt es dazu, dass Menschen zwangsarbeiten?

Zu denen, die einem hohen Risiko ausgesetzt sind, gehören arme Haushalte, die nicht in der Lage sind, plötzliche Einkommensausfälle zu verkraften. Viele dieser Familien leben aber nicht nur unterhalb der Armutsgrenze, sondern sind zudem bildungsschwach. Dies sind zwei wesentliche Faktoren. Wir sind dazu aufgefordert, eine andere Politik zu betreiben, um Zwangsarbeit vorzubeugen beziehungsweise das Risiko zu minimieren. Dazu gehören einerseits der Ausbau von sozialer Absicherung und andererseits bessere Bildungschancen.

In welchen Regionen kommt Zwangsarbeit besonders häufig?

Zwei Drittel der Zwangsarbeit in der Privatwirtschaft findet im asiatisch-pazifischen Raum statt. Am stärkten verbreitet ist sie - gemessen an der Höhe der Profite durch Zwangsarbeit und der Zahl der Opfer pro 1000 Einwohner - in Zentral-, Südost- und Osteuropa.

Warum ist es gerade in Europa so lukrativ?

Man darf nicht vergessen, dass Zwangsarbeit immer illegal ist. Dass die Gesetze nicht überall angewandt werden, ist der Hauptgrund dafür, dass diese Praktiken so profitabel sind. Zwangsarbeit zu bestrafen, ist ein Teil der Lösung. In Europa ist sie deswegen so gewinnträchtig, weil der Wert von Arbeit generell hoch ist. Die starke Verbreitung von Zwangsarbeit in Europa liegt auch an der Arbeitsmigration auf dem Kontinent. Viele Menschen finden sich letztlich in Zwangsarbeitsverhältnissen wieder.

Was unternimmt die ILO gegen Zwangsarbeit?

Wir gehen das Problem aus vielen verschiedenen Richtungen an. Einmal wollen wir die derzeitige Gesetzeslücke im internationalen Recht ausfüllen. Wie haben bei der Zwangsarbeit zwei internationale Übereinkünfte. Diese Normen stammen allerdings aus der Zeit, in der es noch Kolonien gab. In der nächsten Woche wollen wir auf einer Konferenz über neue Instrumente diskutieren, mit denen wir die Zwangsarbeit in der heutigen Zeit in den Griff bekommen. Am Ende steht hoffentlich ein internationales Übereinkommen, dass die rechtliche Lücke schließen kann.

Auf Länderebene arbeiten wir zudem Hand in Hand mit Regierungen, Arbeitgebern und Arbeitern. Es gibt viele Möglichkeiten, mit denen Regierungen Zwangsarbeit stärker vorbeugen können. Wir müssen außerdem die Opfer besser schützen. Außerdem schließen wir Partnerschaften mit Unternehmen, die in dieser Frage ein gewissenhaftes Verhalten an den Tag legen, besonders gegenüber ihren Zulieferern.

Auch gemeinsam mit den internationalen Gewerkschaften müssen wir den Kampf gegen Zwangsarbeit aufnehmen, die Interessen der Opfer vertreten und diese unsichtbaren Menschen bei den politischen Entscheidungsträgern sichtbar machen.

Glauben Sie, dass dies in Zukunft besser gelingt?

Es ist möglich, das Problem besser zu verstehen und diese unsichtbaren Menschen sichtbar zu machen. Und es ist möglich, bessere Mittel gegen derartige Praktiken einzuführen. Es ist eine Frage des politischen Willens, ob das Problem der Zwangsarbeit ganz oben auf der Agenda steht.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Ihr Auftrag ist es, soziale Standards, Menschen- und Arbeitsrechte zu fördern. Weltweit sind 185 Staaten Mitglied der ILO.

Corinne Vargha ist die Chefin des Bereiches "Fundamental Principles and Rights at Work" bei der ILO. Dieser soll einen Aktionsplan ausarbeiten, um Zwangsarbeit zu bekämpfen.

Das Interview führte Sven Pöhle.