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Politik

Vage Erinnerung an einen Despoten

Nach blutigen Protesten führte die rumänische Revolution 1989 schließlich zum Sturz des Diktators Ceauşescu. Zwanzig Jahre danach ist Rumänien EU-Mitglied und die heute 20-Jährigen haben ganz andere Sorgen.

Panzer in Rumänien, Foto: DW

1989: Nicht nur in Rumänien ein Schicksalsjahr

Vor zwei Jahren kam in Rumänien ein Film ins Kino, der eine Nacht während der Revolution im Dezember 1989 rekonstruierte. Dem Regisseur Radu Muntean gelang eine bewegende Darstellung eines Ereignisses, von dem viele junge Menschen in Rumänien nur eine vage Vorstellung haben. Manuela Liliana Oprea aus Bukarest kennt den Film überhaupt nicht. Seit einem Jahr lebt sie in der rumänischen Hauptstadt. Im Kino war sie hier erst einmal. Für die 20-jährige Studentin ist der blutige Sturz Ceausesus nicht viel mehr als ein Datum im Geschichtsbuch. "Ich habe mich nicht besonders dafür interessiert und jetzt habe ich andere Probleme", sagt sie.

Manuela Liliana Oprea, junge Studentin aus Rumänien, Foto: Grit Friedrich

Hat ganz andere Probleme: Manuela Liliana Oprea

Auch mit gleichaltrigen Freunden spricht Manuela fast nie über die rumänische Revolution. Zu weit weg scheint das Thema von ihrem Alltag und den Sorgen der jungen Leute, die neben ihrem Studium arbeiten müssen. Denn ihre Eltern können sie nicht unterstützen und Stipendien gibt es kaum. Aber ältere Nachbarn oder Arbeitskollegen erzählen manchmal von ihren Erlebnissen im Dezember 1989, sagt Liliana: "Sie haben Lärm und Schüsse gehört und blieben vor Angst zuhause, die Türen verrammelt mir Stöcken, damit niemand in die Wohnung kommt." Selbst wenn man nicht wolle, komme die Rede schnell auf dieses Thema, so die junge Studentin: "Einige sprechen gut, andere schlecht über die Ceauşescuzeit!"

Realexistierende Mangelwirtschaft

Straße nahe Agighiol, Rumänien, Foto: ap

20 Jahre nach der Revolution will keiner mehr auf dem Land leben

Manuela Liliana Oprea wurde vor 20 Jahren in einer verschlafenen Kleinstadt in Siebenbürgen geboren, in Dumbraveni, 300 Kilometer von Bukarest entfernt. Viele Menschen haben die Stadt auf der Suche nach Arbeit inzwischen verlassen. Was bleibt, ist die Nostalgie: Immer wieder erzählen sie Liliana, dass es ihnen früher besser ging. Liliana ist anderer Meinung: "Damals hatten sie zwar Geld, aber es gab nichts dafür zu kaufen. Meine Mutter und meine Großmutter haben mir erzählt, wie sie stundenlang für Milch und Brot angestanden haben, auch Fleisch gab es wenig".

Allerdings bekamen junge Familien in den 1980er Jahren eine Wohnung und jeder hatte eine Arbeit, von der er leben konnte.

Selbst zwei Jobs reichen nicht

Liliana steht jeden Tag um sieben Uhr auf und fährt mit der Metro in die Bukarester Innenstadt. Hier jobbt sie in einem kleinen Schmuckladen. Danach hat sie noch eine andere Arbeit. Am Wochenende hilft sie auf Hochzeiten aus und eigentlich bräuchte sie noch einen Job: "Von zwei Jobs kann man nicht leben. Es ist sehr schwer, niemand hilft dir, jeder kämpft für sich allein“, sagt sie.

Liliana wirkt mit ihren 20 Jahren sehr erwachsen. Sie arbeitet in der Woche und studiert am Wochenende Marketing an einer Privaten Hochschule. Die Arbeit sei zwar anstrengend, mache aber Spaß. Das Vorbereiten von Hochzeiten noch mehr als der Verkauf von Schmuck, so Liliana.

Arbeiten statt Leben

Ihren Eltern und der jüngeren Schwester konnte die junge Rumänin noch nicht Bukarest zeigen, nur der Vater war einmal kurz zu Besuch. Urlaub ist für Manuelas Familie schon lange ein Fremdwort. Auch in diesen Sommer waren ihre Eltern für drei Monate in Deutschland. Sie arbeiten dort in der Landwirtschaft und versuchen, den Rest des Jahres mit dem im Ausland verdienten Geld über die Runden zu kommen.

Hauptverkehrsstraße in Bukarest, Rumänien, Foto: Grit Friedrich

Heute, 20 Jahre nach der Revolution in Rumänien, unterscheidet sich die Hauptstadt Bukarest kaum noch von anderen europäischen Metropolen.

Liliana möchte trotzdem gern in Rumänien bleiben, denn ein Land ohne junge Leute sei ein Land ohne Zukunft, meint die 20-Jährige. Für die Missstände macht Liliana die einflussreichen Profiteure des Wandels verantwortlich, die sich schon vor der Revolution hemmungslos bereichert hätten. Der jetzigen Generation bleibe nichts anderes übrig, als zu arbeiten und sich ein besseres Leben aufzubauen.

Autorin: Grit Friedrich
Redaktion: Alexander Freund

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