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Europa

Völkermord: Serbenführer muss 40 Jahre in Haft

Endlich ein Schlussstrich nach 20 Jahren? Das Urteil des UN-Tribunals gegen Radovan Karadzic, der Völkermord in Bosnien anordnete, löst gemischte Reaktionen aus. Aus Den Haag berichtet Bernd Riegert.

Der Vorsitzende Richter O-Gon Kwon las fast zwei Stunden lang das Urteil vor, dann ließ er den Angeklagten aufstehen. Radovan Karadzic (Artikelbild, r.), der ehemalige bosnische Serbenführer, erhob sich und schlug dabei kurz die Hacken zusammen. Der Urteilsverkündung war er mit versteinerter Mine gefolgt. "Das Gericht verurteil sie zu 40 Jahren Gefängnis", sagte der Richter. In zehn von elf Anklagepunkten befand das UN-Tribunal in Den Haag den Serbenführer aus dem bosnischen Bürgerkrieg für schuldig. Völkermord, Mord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schwerste Kriegsverbrechen hält das Gericht für erwiesen. Karadzic will dagegen in Berufung gehen, sagte sein Anwalt vor dem Gerichtssaal. Das dürfte aber nach Ansicht von Prozessbeobachtern nur eine Formalie sein.

Eine Frau trauert während der Zeremonie zum 20. Jahrestag des Massakers von Srebrenica in Potocari. Foto:Marko Drobnjakovic, AP

Trauer am 20. Jahrestag des Massakers in Srebrenica (13.07.2015)

Karadzic wollte Muslime ausrotten

Richter Kwon sagte, er habe über die schlimmsten Verbrechen richten müssen, die das internationale Recht kenne. Radovan Karadzic hat die Ausrottung und Vernichtung von muslimischen Bevölkerungsgruppen in Bosnien-Herzegowina geplant und angeordnet, heißt es im Urteil. Seine Einwände, er habe nichts von den Untaten seiner Soldaten und Milizen gewußt, wies das Gericht nach fast 500 Verhandlungstagen in sechs Jahren zurück. In zwei Fällen war Karadzic des Völkermordes angeklagt. Doch nur einen Völkermord halten die Richter für zweifelsfrei erwiesen: Die hinterhältig geplante und ausgeführte Ermordnung von 8000 Jungen und Männer in der Stadt Srebrenica im Sommer 1995. Der gelernte Psychiater, der zum Chef der bosnischen Serben im Jugoslawien-Krieg aufstieg, hat ebenso die Belagerung der Stadt Sarajevo und die wahllose Erschießung von Zivlisten durch Scharfschützen orchestriert.

Zum ersten Mal seit den Nürnberger Prozessen nach dem Zweiten Weltkrieg ist in Europa ein Urteil wegen Völkermordes verkündet worden. Die Vereinten Nationen wollten damit auch zeigen, dass gewalttäige Diktatoren auf der ganzen Welt erkennen, dass sie auf Dauer der Gerechtigkeit nicht entfliehen können, meinte ein UN-Diplomat in Den Haag. Der aufwändige Prozeß gegen Radovan Karadzic dauerte 500 Verhandlungstage. 11000 Beweise wurden gesammelt und ausgewertet. Es war das wichtigste Verfahren, das das Tribunal je geführt hat. Jetzt sind nur noch vier Prozesse in Den Haag anhängig, darunter das Verfahren gegen den Militärschef Rado Mladic, der ebenfalls mit einem harten Urteil rechnen muss.

Opfer und Angehörige sind größtenteils erleichtert

Niederlande Den Haag Fatma Aktas. Foto: Bernd Riegert, DW

Suada Plasic: Keine Strafe hoch genug

Im Saal, in dem hunderte Zuhörer der Verhandlung folgen konnten, waren Stoßseufzer der Erleichterung zu hören, als das Gericht den Angeklagten wegen Völkermordes schuldig sprach. Suada Pasic war extra aus Bosnien-Herzegowina mit anderen Müttern und Verwandten aus Srebrenica angereist. Sie hätte sich eine noch härtere Strafe und auch eine zweite Verurteilung wegen Völkermordes an Muslimen in sieben bosnischen Dörfern gewünscht. "Eigentlich kann keine Strafe hart genug sein, für das, was dieser Mörder angerichtet hat", so Suada Pasic.

Den ganzen Nachmittag hatten Hunderte von Opfern, Angehörigen und Aktivisten auf dem Vorplatz des Tribunals ein hartes Urteil gefordert. Sie zeigten Bilder der Ermordeten und entrollten lange Liste mit deren Namen. Ganz zufrieden ist Ibrahim Karahasanovic, dessen Vater eines der Internierungslager im Bosnien-Krieg überlebt hat. "Wir hoffen auf Gerechtigkeit und eine Art Abschluss", so der junge Mann, der in den Niederlanden wohnt. Nach zwanzig Jahren müsse ein wenig Ruhe einkehren. Die Niederländerin Fatma Aktas, deren Familie aus der Türkei stammt, hält tapfer ihr Schild "Gerechtigkeit für Bosnien" in die Kameras der zahlreichen Fernsehteams aus aller Welt. "Ich engagiere mich für die Mütter von Sebrenica", sagt Fatma Aktas. Sie findet es bedauerlich, dass das UN-Tribunal nicht die Rolle der Vereinten Nationen im Jugoslawien-Krieg näher untersucht hat. Sie ist überzeugt, dass die Vereinten Nationen die Idee von Radovan Karadzic, Bosnien-Herzegowina ethnisch von Muslimen zu säubern, anfangs durchaus unterstützt hätten. "Ich glaube, Karadzic hätte nicht nur in zehn von elf, sonderen in allen Punkten schuldig gesprochen werden sollen."

Niederlande Den Haag Fatma Aktas. Foto: Bernd Riegert

Fatma Aktas: Ein wenig Gerechtigkeit

Lebenslänglich im wörtlichen Sinn

Bis über seine Berufung entschieden ist, bleibt Karadzic, der sich selbst vor Gericht vertreten hat, in der Haftanstalt der Vereinten Nationen in Scheveningen, einem Stadtteil von Den Haag. Irgendwann wird er zur Verbüßung seiner Strafe in ein freiwilliges UN-Mitgliedsland überstellt. Dann hat er noch 32 Jahre Haft vor sich. Acht Jahre Untersuchungshaft in Den Haag werden angerechnet. Da er schon siebzig Jahre alt ist, werde er das Gefängnis wohl kaum mehr lebend verlassen, rechnen sich einige der Prozess-Zuschauer aus.

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