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Ostmitteleuropa

"Völkermord" oder "Tragödie"?

- Heftige Debatten im polnischen und ukrainischen Parlament um Erklärung zum Massaker in Wolhynien im Jahre 1943

Köln, 10.7.2003, PAP, UKRINFORM

PAP, poln., 10.7.2003

Eine große Chance für die polnisch-ukrainische Versöhnung, Ende des Schweigens, Kapitulation vor dem Verbrechen, Triumph für die Verbrecher - das sind nur einige der Abgeordnetenmeinungen zum Entwurf der Erklärung anlässlich des 60. Jahrestags der Tragödie von Wolhynien.

Am Mittwoch (9.7.) fand im Sejm eine Debatte über den vom Sejm-Präsidium vorgelegten Entwurf der Erklärung statt. Die Abstimmung erfolgt am Donnerstag. Eine Erklärung identischen Inhalts soll auch das ukrainische Parlament annehmen.

Für die Erklärung zu stimmen kündigten während der Debatte die Abgeordneten der SLD (Bündnis der Demokratischen Linken - MD), der Bürgerplattform, der Selbstverteidigung, der Arbeitsunion, der Volksdemokratischen Partei und der National-Konservativen Partei an. Kritik am Wortlaut der Erklärung üben die Partei Recht und Gerechtigkeit und die Liga Polnischer Familien, die Polnische Bauernpartei sowie die Vereinigungen Nationalkonservative Bewegung, Polnische Verständigung und Bewegung für den Wiederaufbau Polens. Die Gegner des Entwurfs bemängeln unter anderem, dass in dem Entwurf nicht deutlich die Wahrheit über die Ereignisse im Jahre 1943 in Wolhynien gesagt wird.

Jan Byra (SLD) hält es jedoch für sehr ermutigend, dass das polnische und das ukrainische Parlament am Jahrestag der tragischen Geschehnisse in Wolhynien den Versuch unternommen haben, eine gleich lautende Erklärung zu verabschieden. "Der Jahrestag der Hölle von Wolhynien hat in der Ukraine heute eine starke öffentliche Debatte ausgelöst. Eigentlich dringt erst heute, jetzt, in diesem Jahr, das Echo der damaligen Tragödie - vielleicht nicht vollständig und manchmal auch einseitig - in das Bewusstsein unserer Nachbarn", sagte Byra.

Auch Bronislaw Komorowski (Bürgerplattform) vertritt den Standpunkt, dass die Erklärung alles enthält, was sie enthalten kann und enthalten muss: Die Rede ist davon, dass die Erklärung anlässlich des Jahrestags des Dramas von Polen herausgegeben wird, von Morden an der polnischen Bevölkerung und von dem Leid des ukrainischen Volkes."

"Damit soll die Verschwörung zum Schweigen durchbrochen werden, es soll aber auch eine Gelegenheit sein, über die politische Notwendigkeit nicht nur der Versöhnung, sondern auch der politischen Zusammenarbeit nachzudenken", fügte Komorowski hinzu.

Für den Entwurf der Erklärung sprach sich auch Marian Kwiatkowski (Selbstverteidigung) aus. Nach seinen Worten "verneigen wir uns mit diesem Beschluss vor den heldenhaften Bürgern Polens, die einzig und allein deswegen ums Leben kamen, weil sie Polen waren."

Janusz Dobrosz (Polnische Bauernpartei) erklärte, sein Klub sei nicht imstande, sich wegen falsch verstandener political correctness mit der falschen Interpretation der tragischen Geschehnisse in Wolhynien durch "Geschichtskorrektoren" verschiedener Couleur einverstanden zu erklären. "Mit einer schlecht verstandenen political correctness werden wir eine echte Versöhnung, echte nachbarschaftliche, partnerschaftliche Beziehungen mit keinem unserer Nachbarn erzielen, denn geachtet werden nur diejenigen, die sich selbst achten."

Der Vorsitzende von Recht und Gerechtigkeit Jaroslaw Kaczynski sagte, seine Partei sei nicht in der Lage, den Entwurf der Erklärung zu akzeptieren, es sei denn, es wird darin der Begriff "Völkermord" erwähnt. Kaczynski ist der Meinung, dass "dieses eine Wort 'Völkermord' die Wahrheit herstellt und über die Wahrheit diese Erklärung auch zu einer anständigen Erklärung macht".

"Was vor 60 Jahren in Wolhynien geschah, war eindeutig Völkermord, Völkermord großen Ausmaßes. Jeder, der dies nicht aussprechen will, kapituliert vor dem Verbrechen, sichert den Verbrechern den Triumph, zeigt Schwäche, die in solchen Situationen immer ausgenutzt wird und begeht großen moralischen Missbrauch", sagte der Vorsitzende der Partei Recht und Gerechtigkeit.

Gegen den Entwurf sprach sich auch Gertruda Szumska von der Liga Polnischer Familien aus. Die Abgeordnete sagte, die Liga unterstütze den Aufruf von Papst Johannes Paul II. zur Versöhnung zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk. "Natürlich verzeihen wir im Namen der christlichen Liebe, aber das bedeutet nicht, dass wir vergessen", sagte Szumska.

Antoni Macierewicz (Katholische Nationale Bewegung) hat keine Zweifel, dass das Verbrechen von Wolhynien "kein spontaner Ausbruch nationalen Hasses, sondern bewusst geplante Vernichtung unter Zusammenarbeit mit deutschen Offizieren" war.

Jan Lopuszanski (Polnische Verständigung) rief dazu auf, den Entwurf aus dem Sejm zurückzuziehen, die ukrainische Seite darüber zu informieren und um Zeit für die Erarbeitung eines besseren Entwurfs oder das Ersetzen des Wortes "Tragödie" durch den Begriff "Völkermord" zu bitten.

Jan Olszewski (Bewegung für den Wiederaufbau Polens) sagte, der Entwurf verwische Wesen und Ziel des Verbrechens von Wolhynien. "Der Wortlaut ist unglaubwürdig, auch in moralischer Hinsicht", fügte er hinzu. (...)

Im Verlauf der 1943 in Wolhynien begonnenen ethnischen Säuberung durch Einheiten der Ukrainischen Aufständischenarmee, der Organisation Ukrainischer Nationalisten und örtlicher Bauern kamen 30 000 bis 60 000 Polen ums Leben (die ukrainische Seite hält die Zahl 60 000 für überhöht). Über die Zahl der ukrainischen Opfer herrscht keine Einigkeit - die ukrainische Seite spricht von 10 000 bis 12 000, die polnische von 2000 bis 2 500 Opfern. Das Ziel der ukrainischen Aktion war es, die polnische Bevölkerung aus Wolhynien zu verdrängen. (TS)

UNIAN, ukrain., 10.7.2003

Der Vorsitzende des Obersten Rates der Ukraine, Wolodymyr Lytwyn, hat mit dem Marschall des polnischen Sejm Marek Borowski über die Änderungen gesprochen, die die ukrainischen Abgeordneten an der gemeinsamen ukrainisch-polnischen Erklärung der Parlamente anlässlich des 60. Jahrestages der Tragödie von Wolhynien vornehmen möchten. Die polnische Seite lehnt bislang diese Änderungen ab, gab der Vorsitzende des Obersten Rates nach der Pause im Parlament bekannt.

Wie ein Korrespondent von UNIAN berichtet, sagte nach Angaben von Wolodymyr Lytwyn der Marschall des polnischen Sejm, im polnischen Parlament sei die Debatte über die Erklärung abgeschlossen und man werde über sie ohne Änderungen abstimmen.

Die Mehrheit der Fraktionen im Obersten Rat der Ukraine hatte sich dafür ausgesprochen, den ersten Satz der gemeinsamen Erklärung folgendermaßen zu ändern: "Der 60. Jahrestag der Tragödie der polnischen und ukrainischen Bevölkerung in Wolhynien während der deutschen Besatzung veranlasst, über die Vergangenheit und Zukunft der polnisch-ukrainischen Nachbarschaft nachzudenken." Im jetzigen Wortlaut der Erklärung fehlen die Worte "ukrainische Bevölkerung". Ferner wird von einer Tragödie der "polnischen Bevölkerung in Wolhynien und Galizien" gesprochen. Die ukrainischen Abgeordneten schlagen vor, in der Erklärung ausschließlich von "Wolhynien" zu sprechen. (...) (MO)

UKRINFORM, russ., 10.7.2003

Die Abgeordneten haben heute (10.7.) mit 227 Stimmen den Beschluss über die ukrainisch-polnische Parlamentserklärung anlässlich des 60. Jahrestags der Tragödie von Wolhynien verabschiedet, meldet ein Korrespondent von "Ukrinform".

Es sei daran erinnert, dass die Abgeordneten während der Debatte über die Erklärung kategorisch dagegen waren, dass in der Erklärung betont wird, dass nur das polnische Volk während der Tragödie von Wolhynien gelitten hat. Wie der Vorsitzende des Obersten Rates der Ukraine, Wolodymyr Lytwyn, mitteilte, hatte er zwei Mal mit dem Marschall des polnischen Sejm, Marek Borowski, telefoniert, der jegliche Änderungen kategorisch ablehnte. Der Vorsitzende des Obersten Rates sprach daraufhin auch mit dem ukrainischen Präsidenten, der auch darum gebeten hatte, den mit der polnischen Seiten zuvor vereinbarten Wortlaut der Erklärung anzunehmen. (MO)

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