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Politik & Gesellschaft

USB-Stick in der Mauer: anonym und digital

Anonymen Datenaustausch gab es lange vor Mail und Internet: Geheimbotschaften wurden in einem Astloch oder zwischen Mauersteinen in einem "toten Briefkasten" versteckt. Der lebt nun als "Dead Drop" digital wieder auf.

In Beton eingelassener USB-Stick als digitaler toter Briefkasten in Köln (Foto: Tetyana Bondarenko, DW)

"Dead Drop" am Kennedy-Ufer in Köln

Es ist kurz nach zwei Uhr nachmittags, als zwei Bonner Informatikstudenten sich auf den Weg machen. Noch vor einigen Stunden saßen David Barthel und Florian Frings in einer Klausur an der Uni. Nun ist endlich Zeit für das lange vorbereitete Abenteuer. Begeistert erzählt der 22-jährige David über das Ziel der bevorstehenden Reise nach Köln. Am Kennedy-Ufer wollen die beiden Kommilitonen "einen 'Dead Drop' setzen".

Mit "Dead Drop" (etwa "toter Briefkasten") ist eigentlich ein USB-Stick gemeint. Und "einen 'Dead Drop' setzen" bedeutet nichts anderes, als einen USB-Stick in eine Mauer, Wand oder einen Baum einzuzementieren. Wozu das Ganze? Eigentlich geht es vor allem darum, auf diese Weise anonym mit unbekannten Menschen Daten auszutauschen, und das alles offline, ohne Mail und Internet. Die Idee, für diesen Zweck ausgerechnet einen USB-Stick als sogenannten toten Briefkasten zu benutzen, stammt von dem Berliner Künstler Aram Bartholl. Ihm geht es nach eigenen Worten darum, die reale physische Welt mit der digitalen zu konfrontieren und einfach ein offenes Offline-Netzwerk an der Straße zu schaffen.


Ein USB-Stick wird mit Montageschaum an einer Mauer befestigt (Foto: Tetyana Bondarenko, DW)

USB-Stick, Zement oder Kleber und ein vorhandenes Loch: "Dead Drop"

Der Start in New York

Im Oktober 2010 hat Aram Bartholl das Projekt gestartet. Damals mauerte er fünf USB-Sticks an New Yorker Straßen ein. Mittlerweile wurden weltweit über 300 "Dead Drops" installiert. Auf der Projekt-Seite im Internet registrieren die fleißigen Nachahmer von Aram Bartholl ihre "Dead Drops" mit Adresse und Fotos. Neben den USA und Europa sind Kanada, Israel, China, Malaysia, Australien, Neuseeland und Südafrika auf der Liste. Die aktivsten "Dead-Dropper" leben wohl in Deutschland: hier befinden sich 80 und damit fast ein Drittel der weltweit eingemauerten USB-Sticks.

Dabei sind David und Florian - genau genommen - eigentlich nicht die ersten "Dead-Dropper" in Köln. Denn am belebten Kennedy-Ufer gab es schon vorher einen einsamen "Dead Drop". Vor einiger Zeit waren die beiden Jungs sogar extra nach Köln gekommen, um diesen digitalen öffentlichen Briefkasten zu sehen. Doch groß war die Enttäuschung, als die Studenten nur noch ein leeres Loch in der Mauer, aber keinen USB-Stick mehr vorfanden. Spontan hätten sie damals entschieden, einen neuen USB-Stick am selben Ort einzumauern. Während David Barthel diese Geschichte erzählt, bereitet Florian schon mal die Kleber-Kartusche aus dem Baumarkt vor. Ein USB-Stick ohne Hülle, Montage-Kleber oder Zement und ein Laptop – viel mehr an Ausrüstung braucht man als "Dead-Dropper" nicht. Die beiden Informatik-Studenten ließen sich aber noch etwas Besonderes einfallen.

Digitale Spur

Außer dem obligatorischen Projekt-Manifest in mehreren Sprachen platzieren sie eine sogenannte Trace-Datei auf den USB-Stick. Diese wurde von einem Programm generiert, das die beiden Jungs selbst erschaffen haben. Nun kann man auf der dazugehörigen Seite immer wieder verfolgen, wer den Stick besuchte und was für Dateien drauf sind. Mit ihrer Erfindung soll das Finden von "Dead Drops" leichter und bequemer werden, hoffen David und Florian.

Florian Frings schließt seinen Lap-Top an den USB-Stick in der Mauer an (Foto: Tetyana Bondarenko, DW)

Florian Frings schließt seinen Lap-Top an den USB-Stick in der Mauer an

Aber auch wer die Programmierkünste nicht beherrscht, kann trotzdem beispielsweiese so etwas wie Lieblingsmusik, Bilder, Spiele, Filme oder Texte auf dem "Dead Drop" speichern. Die Frage nach Legalität und Copyright scheint David Barthel dabei - wie die meisten "Dead-Dropper" - wenig zu beschäftigen. "Das ist halt Grauzone", erklärt David, und erläutert: "Es ist auch Filesharing, was ja nicht erlaubt ist, aber offline. Und wenn wir da jetzt Musik drauf haben, die ja Copyright-geschützt ist, dann wäre das natürlich auch ein Verlust für die Musikindustrie". Schließlich, glaubt David, sei es aber unwahrscheinlich, dass "Dead-Dropper" verfolgt werden. Wie denn auch, wenn alles anonym bleibt?

Unsichtbare Gefahr

Anonymer und kostenloser Datenaustausch - offline und trotzdem in der ganzen Welt mit viel Spaß nebenbei - gehören zu den Vorteilen von "Dead Drop". Eine Sache muss man aber immer beachten: "Da kann ja jeder einen Virus drauf tun, ja!" - gibt selbst Künstler Aram Bartholl zu bedenken. Andererseits sei aber derjenige, der zu Hause bei einer Tasse Kaffee im Internet rumsurft, meist auch nicht viel besser geschützt.

David Barthel (links) und Florian Frings neben ihrem digitalen toten Briefkasten(Foto: Tetyana Bondarenko, DW)

Das ist bestimmt nicht der letze Dead Drop von David Barthel (links) und Florian Frings

Die angehenden Informatiker David Barthel und Florian Frings sind beim Stichwort Viren besonders sensibilisiert. Den neugierigen "Dead-Drop"-Fans raten die beiden, einen Laptop mit einem virengeschützten oder "jungfräulichen" Betriebssystem, also mit frisch formatierter Festplatte, zu nutzen. Sie selbst lassen sich von einer möglichen bösen Überraschung nicht abschrecken. Der leidenschaftliche Reisende David Barthel glaubt, der "Dead Drop" am Kennedy-Ufer in Köln werde wohl nicht sein letzter sein. Wenn er im Sommer wieder unterwegs im Ausland sei, werde er mit Sicherheit versuchen, die bis dahin bereits existierenden "Dead Drops" aufzusuchen und dann auch dort noch mehr USB-Sticks einzumauern.

Autorin: Tetyana Bondarenko
Redaktion: Hartmut Lüning