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Luther

USA: Tattoos, Playmobil und die Gnade Gottes

Im Mittleren Westen ist Luther heute so aktuell wie vor 500 Jahren. Das liegt auch an ungewöhnlichen "Stars" der Kirche wie der Pastorin Nadia Bolz-Weber. Im Reformationsjahr blicken viele US-Lutheraner nach Deutschland.

"Wir glauben all´ an einen Gott" klingt zur Morgenandacht durch das Auditorium des Luther-Colleges in Decorah im US-Bundesstaat Iowa. Das Glaubensbekenntnis als Kirchenlied – geschrieben im Jahre 1524 von Martin Luther. Hier, im protestantisch geprägten Mittleren Westen der USA, ist der Reformator heute so präsent wie eh und je. Und Pastorin Nadia Bolz-Weber, als Gast-Predigerin und Dozentin eine der "Attraktionen" der diesjährigen Reformationsfeierlichkeiten an der christlichen Hochschule, betont die Aktualität der Botschaft Luthers in der heutigen Zeit: "Die Gnade Gottes ist der Kern unseres Glaubens. Das ist heute so wichtig wie vor 500 Jahren." 

Sünde, Vergebung, zweite Chancen

Bolz-Weber ist ein Star unter den Lutheranern in den USA – obwohl oder gerade weil sie äußerlich nicht dem üblichen Bild eines christlichen Geistlichen entspricht: Von Hals bis Fuß mit Tätowierungen versehen, steht sie im halblangen Jeans-Rock auf der Bühne des bis auf den letzten Platz gefüllten Auditoriums, und redet vor den Studentinnen und Studenten über Sünde, Vergebung und zweite Chancen – und über den Druck, gut und perfekt zu sein. "Wir vergessen zu oft, dass Gott unser tatsächliches Ich liebt, und nicht irgendein Ideal", meint die 47-jährige im DW-Gespräch.

USA Luther College- Pastorin Nadia Bolz-Weber (Nadia Bolz-Weber)

Keine alltägliche Pastorin: Nadia Bolz-Weber ist ein Star in der lutherischen Kirche

Die ungewöhnliche Pastorin wirkt authentisch, wenn sie über diese Themen spricht: Aufgewachsen in einem christlich-fundamentalistischen Elternhaus rebellierte sie als junge Erwachsene gegen die strengen Vorstellungen ihrer Eltern. Sie führte ein Leben am Abgrund: "Zu viel Alkohol, Drogen, Sex. Ich fühlte mich als Außenseiter der Gesellschaft", beschreibt sie selbst diese Zeit. Erst nach zehn Jahren kam sie zur Ruhe, wurde "trocken", heiratete, arbeitete als Stand-Up-Comedian. Und fand schließlich ihre Berufung: Sie studierte lutherische Theologie. 2008 wurde sie als Pastorin ordiniert.

Warum Luther?

"Die lutherische Kirche hat mir die Worte gegeben für das, was ich in meinem Leben erfahren habe", erklärt Bolz-Weber ihre Entscheidung, sich im Land der unbegrenzten Vielfalt der Konfessionen ausgerechnet für "Luther" zu entscheiden. Ihre Alkohol- und Drogensucht habe sie nur durch die "gänzlich unverdiente Gnade Gottes" überwinden können, "denn ich hatte nicht die Kraft, aus mir selbst heraus diesen Weg zu gehen", erzählt die Pastorin.

USA Luther College in Decorah (DW/C. von Nahmen )

Hier wird man auch Nadia Bolz-Webers Bücher finden: Buchshop des Luther College in Decorah

Über ihre Erfahrungen in jungen Jahren und ihren Weg zurück zum Christentum hat Nadia Bolz-Weber mehrere Bücher geschrieben: Zwei davon landeten sogar auf der Bestseller-Liste der New York Times: "Pastrix – der verrückte, schöne Glaube einer Sünderin und Gerechten" und "Zufällige Heilige: Wie man Gott in den falschen Menschen findet".

"Haus für alle Sünder und Heiligen"

In ihrem Heimatstaat Colorado hat sie eine eigene, sehr spezielle Gemeinde ins Leben gerufen: Das "Haus für alle Sünder und Heiligen" in Denver will vor allem sozialen Außenseitern und Verzweifelten eine Heimat bieten - Menschen, die mit sich und der Welt hadern, die verunsichert sind, die im Glauben und in der "bedingungslosen Liebe Gottes", die Bolz-Weber in den Mittelpunkt ihres Wirkens stellt, nun neuen Halt finden.

Keine ganz einfache Gemeinde. Aber eine sehr kreative Gruppe, die mit ungewöhnlichen Aktionen Menschen weit über die übliche Klientel der lutherischen Kirche hinaus erreicht – etwa mit den T-Shirts, mit der ihre Gemeinde für Luther und seine Botschaft wirbt: "Lutherans - Nailing shit to the church door since 1517", steht darauf. Selbst der Bischof der "Rocky-Mountain-Synode", Jim Gonia, habe eines angezogen, berichtet Nadia Bolz-Weber mit  zufriedenen Grinsen.

Werbung mit Playmobil-Reformator

500 Jahre Thesenanschlag in Wittenberg, 500 Jahre Reformation – das ist auch der Grund, warum Stefan Buchwald nach Decorah gekommen ist. Als Leiter des Deutschland-Informations-Zentrums in Washington ist der Diplomat zuständig für das Projekt "Campus-Wochen". Damit fördert die Bundesregierung seit einigen Jahren die deutsche Sprache und versucht, junge Eliten an amerikanischen Hochschulen für ein Studium in Deutschland zu begeistern. In diesem Jahr geschieht das mit einem besonderen Fokus auf lutherische Colleges im Mittleren Westen.

USA Luther College in Iowa (DW/C. von Nahmen )

Werben für Deutschland und die deutsche Sprache: Diplomat Stefan Buchwald mit Studenten

Ein großer Erfolg, betont Buchwald, der mit einem fast lebensgroßen "Playmobil"-Luther als Verstärkung angereist ist: "Wir haben es in den letzten Jahren tatsächlich geschafft, die Zahl der amerikanischen Studenten in Deutschland zu erhöhen. Und dazu ist es uns an vielen Partner-Unis gelungen, Deutsch als Studienfach zu erhalten – trotz der starken Konkurrenz durch Spanisch und andere Sprachen", betont der Diplomat.

Heimspiel für Deutschland

Im Mittleren Westen haben die Deutschen fast so etwas wie ein "Heimspiel": In Iowa, Wisconsin, Minnesota,in  Nord- und Süd-Dakota haben viele Amerikaner deutsche oder skandinavische Wurzeln. Hier leben auch die meisten der knapp acht Millionen Lutheraner in den USA. Sie prägen die Kultur und Mentalität der Region: "Im Mittelpunkt unseres Glaubens steht die Gnade Gottes", sagt Campus-Pastor Mike Blair, "aber es gibt natürlich auch andere Elemente, etwa die protestantische Arbeitsethik und eine gewisse Geradlinigkeit, die zu unserem Selbstverständnis gehören."

USA Luther College in Iowa (DW/C. von Nahmen )

Decorah Campus Pastor Mike Blair

Auch wenn die Lutheraner nur eine vergleichsweise kleine Minderheit unter den rund 230 Millionen amerikanischen Christen sind: Ihr Einfluss sei landesweit spürbar, so Blair: "Es gibt ein Netzwerk lutherischer Hochschulen, Krankenhäuser, die von der Kirche betrieben werden und viele soziale Einrichtungen, etwa in der Flüchtlingshilfe, mit denen wir Wirkung erzielen und unserer Sicht der Dinge Gehör verschaffen."

Den Kirchentag im Blick

Gerade beim Thema Flüchtlinge stehen die lutherischen Kirchen in den USA der Position der deutschen Regierung deutlich näher als der in Washington. Das gilt nicht nur für die Kirchenführung, sondern auch für den Nachwuchs an der Basis: "Ich habe hier in meinen Gesprächen viel positives Feedback für den Umgang Deutschlands mit der Flüchtlingskrise bekommen", berichtet Diplomat Stefan Buchwald. Überhaupt sei das Interesse an Deutschland sehr groß; gerade an den lutherischen Hochschulen hätten sich in diesem Jahr viele Studentinnen und Studenten nach Möglichkeiten für Studien- und Arbeitsaufenthalte erkundigt.

Nicht nur die Studenten wollen 500 Jahre nach dem Thesenanschlag in Wittenberg zurück zum Ursprung der Reformation – auch Pastorin Nadia Bolz-Weber packt in diesen Tagen ihre Koffer: Ende Mai wird sie auf dem Kirchentag in Deutschland über Luthers Vision eines "gnädigen Gottes" sprechen.

 

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