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Politisches Klima

USA: Juden wollen Deutsche werden

Seit Donald Trump zum neuen US-Präsidenten gewählt wurde, beantragen immer mehr New Yorker Juden die deutsche Staatsbürgerschaft. Viele haben einen Anspruch darauf - und sie sehen darin eine Chance.

75 Prozent der US-amerikanischen Juden stimmten im November 2016 für Hillary Clinton. Doch sie unterlag Donald Trump, der unter anderem mit nationalistischer Rhetorik gepunktet hatte. Seither ist die Zahl der Juden gestiegen, die im deutschen Konsulat in New York die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt haben.

Nach Artikel 116 des deutschen Grundgesetzes steht sie jedem zu, dem die deutsche Staatsbürgerschaft zwischen 1933 und 1945 aberkannt wurde. Dieses Recht gilt auch für Nachkommen. 2014 und 2015 machten jeweils zwischen 50 und 70 New Yorker Juden von diesem Recht Gebrauch - jedes Jahr. Allein im November 2016 waren es dann 124. Seither ist die Zahl der Antragsteller stetig gestiegen - auf 235 im März 2017.

"Einen Kreis schließen"

Einer von ihnen ist Adam Bencan. Ursprünglich kommt er aus Philadelphia, aber inzwischen lebt er in New York, wo er im Januar 2017 die deutsche Staatsbürgerschaft beantragte. Dabei sei es ihm weniger um die politische Situation gegangen, sagt Bencan. Er empfinde eine tiefe Verbindung zum deutschen Erbe seines Großvaters, den er - auch auf Englisch - immer "Opa" nannte: "Ich wollte die deutsche Staatsangehörigkeit, um den Kreis zu schließen nach dem, was mein Großvater damals verloren hat."

Irgendwann wolle er deshalb einmal ein Jahr in Deutschland leben. Trumps Sieg habe seinen Wunsch vielleicht ein wenig verstärkt, sagt Bencan: "Angesichts der Veränderung des politischen Klimas könnte sich der Zeitpunkt nach vorne verschieben."

Kein Risiko eingehen

Auch anderswo in den USA berufen sich Menschen auf ihre deutschen Vorfahren. Für Terry Mandel aus dem kalifornischen Berkeley ist der Grund, einen deutschen Pass zu beantragen, klar: "Zu 99 Prozent war es der Wunsch, eine Option zu haben, einen Ausweg", erklärt sie der DW, "Für mich ging es immer darum, einen Plan B zu haben."

USA: Fassade der Park East Synagoge in New York City (Getty Images/D. Angerer)

Die Fassade der Park East Synagoge: New York Citys jüdische Gemeinde ist die größte außerhalb Israels.

Erstmals beantragte Mandel die deutsche Staatsbürgerschaft im Jahr 2000, als der konservative Republikaner George W. Bush nach einer heiß umkämpften Wahl US-Präsident wurde. Als sie dann im September 2016 an einem Beitrag über Juden schrieb, die sich auf ihre aberkannte deutsche Staatsbürgerschaft besinnen, bemerkte sie, dass ihr eigener Pass abgelaufen war: "Wie viele linksliberale Amerikaner dachte ich, Trump hätte keine Chance bei der Wahl, aber dann dachte ich: Warum soll ich es riskieren?" Am Tag vor der Wahl beantragte sie die Verlängerung ihres deutschen Reisepasses. Trumps Wahlsieg, sagt Mandel, machte diesen Schritt im Nachhinein noch "viel dringlicher und wichtiger".

Der Luxus der Wahl

Auch Ilana und Rena Sufrin geht es bei ihrer deutschen Staatsbürgerschaft nicht in erster Linie um Politik. Die 26-jährigen Zwillinge aus Pittsburgh schätzen vor allem den quasi grenzenlosen Zugang zur Europäischen Union, den sie dadurch erhalten. Vor allem Rena fühlte sich schon immer mit dem deutschen Ursprung ihrer Großmutter verbunden. In der High School wählte sie Deutsch als Unterrichtsfach und studierte später in Köln.

Video ansehen 04:28

Britische Juden wollen den deutschen Pass

Ilana dagegen verstand sich immer mehr als Jüdin, denn als Deutsche. Sie will den deutschen Pass vor allem dazu nutzen, ein Jahr lang die großen europäischen Städte zu erkunden - und vielleicht nebenher ein wenig zu arbeiten.

Ihre deutsche Staatsbürgerschaft beantragten die Schwestern 2015 gemeinsam - lange also, bevor Trump seine Kandidatur bekannt gab. "Damals war Obama Präsident und als linksliberale hatte ich große Hoffnungen", erzählt Ilana. "Ich habe überhaupt nicht mit irgendwelchen Problemen gerechnet. Aber jetzt würde ich sagen …", überlegt Ilana, und Rena springt ein: "… ist es definitiv gut, ihn zu haben." Den deutschen Pass, versteht sich.

Ein Leben in Deutschland

Terry Mandel wird allmählich warm mit dem Gedanken, nach Deutschland zu ziehen - zumindest für eine gewisse Zeit: "Ich bin hin und her gerissen", sagt sie, "ich habe die Möglichkeit zu bleiben, und die Neugier, woanders zu leben. Im derzeitigen politischen Klima - auf der Welt, in Europa und in den USA, kommt mir Deutschland sicherer, empfänglicher und weltoffener vor als viele andere Orte."

Für die Sufrin-Zwillinge ist das derzeit keine ernsthafte Option: "Ich glaube nicht, dass ich dauerhaft in Deutschland leben und meine Kinder dort großziehen möchte. Die USA bieten immer noch die größten Chancen - zumindest solange hier nicht alles den Bach herunter geht."

Aber davon gehen die Zwillinge nicht aus: "Mir kommt es nicht so vor, als sähen die Menschen hier etwas Fürchterlichem entgegen", sagt Rena, aber irgendwo in den Hinterköpfen schwirre schon etwas herum, besonders wenn man sich anhöre, was für Reden "Leute wie Trump" schwängen: "Das ist schon ein wenig irritierend."

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