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Amerika

USA gewährten Nazis Unterschlupf

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben hochrangige Nationalsozialisten auch in den Vereinigten Staaten Unterschlupf gefunden. Das geht aus einem Bericht des Justizministeriums hervor, der nie veröffentlicht werden sollte.

Der deutsche Physiker Wernher von Braun hat nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA für die NASA gearbeitet (Foto: AP)

Wernher von Braun (Mitte) stand nach dem Krieg im Dienst der NASA

Die USA, die sich als "sicherer Hafen für die Verfolgten rühmten, wurden – in einem kleinen Maße – auch ein sicherer Hafen für die Verfolger". Zu diesem Schluss kommt eine rund 600 Seiten umfassende Untersuchung des US-Justizministeriums, die der "New York Times" zugespielt worden ist. Wie das Blatt am Sonntag (14.11.2010) berichtete, liefert der Report, der seit seiner Fertigstellung 2006 unter Verschluss gehalten wurde, neue Beweise für die "Kollaboration der Regierung mit den Verfolgern". Hochrangige Nationalsozialisten, deren Vergangenheit den US-Behörden bekannt gewesen sei, hätten nach 1945 in die USA einreisen können, wo ihr Wissen von Geheimdiensten und anderen staatlichen Stellen genutzt worden sei. Die USA hätten dafür auch diplomatische Spannungen mit zahlreichen Ländern in Kauf genommen, teilweise über Jahrzehnte hinweg.

Bekannte Namen

Insgesamt, so betont der Bericht, handele es sich um "weniger als zehntausend Helfer des Hitler-Regimes". Als Beispiel wird der Fall von Arthur Rudolph angeführt. Der Raketeningenieur war von 1934 bis 1945 an der Entwicklung der V2-Rakete beteiligt. Nach der Verlegung des Produktionsstandortes von Peenemünde in unterirdische Stollen bei Nordhausen in Thüringen war Rudolph als Betriebsdirektor der Mittelwerk GmbH zuständig für die V2-Produktion und den Häftlingseinsatz. Häftlinge aus dem KZ Mittelbau-Dora wurden unter unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen bei der Raketenproduktion eingesetzt.

Der US-Geheimdienst CIA hat nach dem Zweiten Weltkrieg das Wissen von Nazi-Funktionären genutzt (Foto: AP)

Der US-Geheimdienst CIA hat nach dem Zweiten Weltkrieg das Wissen von Nazi-Funktionären genutzt

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches wurde Rudolph zusammen mit Wernher von Braun und weiteren Ingenieuren des V2-Teams in die USA gebracht, wo sie zunächst am Pershing-Raketenprogramm arbeiteten. Später war Arthur Rudolph maßgeblich an der Konstruktion der Saturn-5-Trägerrakete beteiligt, mit der 1969 erstmals Menschen zum Mond flogen.

Der von der "New York Times" zitierte Bericht schildert auch den Fall von Otto von Bolschwing, der als enger Mitarbeiter von Adolph Eichmann maßgeblich für die Deportation und Ermordung europäischer Juden verantwortlich war. In den USA arbeitete er in den fünfziger Jahren für die CIA. Geheimdienstmitarbeiter stritten damals schon über die Frage, was zu tun sein, falls von Bolschwing aufflöge. Die Optionen lauteten, entweder jedweden Zusammenhang mit den Nazis abzustreiten oder "unter Verweis auf mildernde Umstände zur Bedeutungslosigkeit herunterzuspielen". Als von Bolschwings Nazi-Vergangenheit dann 1981 schließlich öffentlich bekannt wurde, versuchte das US-Justizministerium, ihn abzuschieben – erfolglos. Von Bolschwing starb noch in demselben Jahr im Alter von 72 Jahren.

Nazis im Dienste "nationaler Interessen"

Dass der US-Geheimdienst mit Nazi-Größen zusammengearbeitet hat, ist an sich nicht neu. Der jetzt an die Öffentlichkeit gelangte Bericht aus dem US-Justizministerium deckt aber auf, wie tief auch andere Regierungsinstanzen in diese Kollaboration verstrickt waren. So zitiert der Bericht aus einer Aktennotiz eines hochrangigen Mitarbeiters des Justizministeriums aus dem Jahr 1949. Darin werden die Einwanderungsbehörden aufgefordert, Arthur Rudolph nach einem Aufenthalt in Mexiko auf jeden Fall wieder in die USA einreisen zu lassen. Andernfalls würden "nationale Interessen beeinträchtigt", heißt es in dem Vermerk.

1979 setzte das US-Justizministerium eine spezielle Untersuchungseinheit ein, um in den USA lebende Nazis aufzuspüren und sie des Landes verweisen zu können. Dem OSI (Office of Special Investigation) gehörten Anwälte, Historiker und Kriminalisten an. 300 Nazi-Schergen wurden von dieser Spezialeinheit aufgespürt, ihnen wurde die US-Staatsbürgerschaft aberkannt, sie wurden abgeschoben oder ihnen wurde die Einreise in die USA verwehrt.

Der Fall Demjanjuk

Der 66-jährige John Demjanjuk (2.v.r.) in Handschellen und unter Polizeibewachung bei seiner Ankunft am 28. Februar 1986 in Tel Aviv (Foto: dpa)

Der 66-jährige John Demjanjuk (2.v.r.) bei seiner Ankunft in Tel Aviv am 28. Februar 1986

Als größte Panne des OSI gilt die Überstellung von John Demjanjuk an Israel 1986. Nachdem bekannt geworden war, dass der gebürtige Ukrainer während des Zweiten Weltkriegs im Vernichtungslager Sobibor als Aufseher gearbeitet hatte, war ihm bereits 1981 die US-Staatsbürgerschaft aberkannt worden. Trotzdem lebte er weiter in den Vereinigten Staaten.

Als Fotos von John Demjanjuk durch die Presse gingen, glaubten Überlebende des Vernichtungslagers Treblinka in ihm einen als "Iwan der Schreckliche" bekannten Aufseher zu erkennen. Daraufhin stellte Israel einen Auslieferungsantrag an die USA. 1988 wurde Demjanjuk in Israel zum Tode verurteilt. Er legte Widerspruch gegen das Urteil ein, blieb aber vorerst noch in Haft.

Durch Unterlagen, die erst nach der Auflösung der UdSSR zugänglich wurden, konnte nach 1990 belegt werden, dass es sich bei "Iwan dem Schrecklichen" nicht um John Demjanjuk handelte. Diese Informationen sollen dem OSI jedoch bereits vor dem Ausbürgerungsverfahren gegen Demjanjuk 1981 vorgelegen haben.

Demjanjuk wurde auf Grund der neuen Informationen 1993 in Israel freigesprochen und kehrte in die USA zurück. Seine Tätigkeit als Aufseher im KZ Sobibor war zu dem Zeitpunkt bekannt. Da sie aber nicht der Grund der Auslieferung an Israel gewesen war, konnte Demjanjuk unbehelligt in die Vereinigten Staaten zurückkehren und dort auch 1998 seine Staatsbürgerschaft wiedererlangen.

In einem erneuten Prozess im Zusammenhang mit Sobibor konnte das OSI 2001 zum zweiten Mal die Aberkennung der US-Staatsbürgerschaft erwirken. Im Dezember 2005 sollte Demjanjuk in die Ukraine abgeschoben werden, wogegen er sich erfolgreich wehrte.

2009 dann gab es erste Kontakte zwischen deutschen und us-amerikanischen Justizbehörden. Die Staatsanwaltschaft München verlangte die Auslieferung, weil Demjanjuk in Deutschland angeklagt werden sollte. Der Vorwurf lautete auf Beihilfe zum Mord von 29.000 Menschen in Sobibor. Im Mai 2009 wurde der inzwischen 89-jährige John Demjanjuk nach München überstellt. Der Prozess gegen ihn begann am 30. November 2009.

Kritik an Obama

Die jahrelange Geheimhaltung des Berichtes wird von US-Medien jetzt US-Präsident Barack Obama angelastet. Der Präsident habe eine transparente Administration versprochen. Doch auch unter seiner Verantwortung sei der Bericht weiterhin unter Verschluss gehalten worden. An die Öffentlichkeit war er nur gelangt, nachdem eine private Forschergruppe mit einer Klage auf Freigabe gedroht hatte. In der freigegebenen Fassung sind jedoch viele Passagen geschwärzt. Das OSI ist in diesem Jahr aufgelöst und mit einer anderen Abteilung des Jusitzministeriums zusammengelegt worden.

Autorin: Mirjam Gehrke (dpa, afp, New York Times)
Redaktion: Esther Broders

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